Eric Osladil, Betriebsratsvorsitzender der Opel Warehousing GmbH
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Bochumerinnen und Bochumer,
wir stehen heute hier auf dem Dr.-Ruer-Platz in Bochum — mitten im Ruhrgebiet. Und wenn es eine Region gibt, die weiß, was Arbeit bedeutet, dann ist es diese Region.
Hier wurde geschuftet. Hier wurde aufgebaut. Hier wurden Familien ernährt. Hier wurden Betriebe stark gemacht. Und hier wissen die Menschen ganz genau: Gute Arbeit fällt nicht vom Himmel. Gute Arbeit wurde immer erkämpft.
Ich spreche heute als Betriebsrat. Als jemand, der Verantwortung trägt für Kolleginnen und Kollegen. Für Menschen, die jeden Morgen aufstehen, zur Arbeit fahren, ihre Leistung bringen, Schicht für Schicht, Tag für Tag. Menschen, die nicht nach Luxus fragen, sondern nach etwas ganz Einfachem: Respekt, Sicherheit und eine Perspektive.
Und genau darum geht es heute.
Die Bundesregierung spricht vom Arbeitskräftemangel. Überall hören wir: Es fehlen Fachkräfte. Es fehlen Menschen in der Produktion, in der Logistik, in der Pflege, in der Industrie, im Handwerk. Und ja — das stimmt. Aber dann frage ich mich:
Wenn Arbeitskräfte angeblich so dringend gebraucht werden — warum will man sie dann vier Jahre lang auf Bewährung halten?
Denn genau das ist der Punkt: Die sachgrundlose Befristung soll auf bis zu 48 Monate ausgeweitet werden. Vier Jahre! Bis zu sechs Verlängerungen! Ohne Sachgrund!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist kein Fortschritt.
Das ist kein Aufbruch.
Das ist kein modernes Arbeitsrecht.
Das ist organisierte Unsicherheit.
Wer vier Jahre lang befristet ist, der plant nicht frei. Der überlegt sich dreimal, ob er eine Wohnung nimmt. Ob er eine Familie gründet. Ob er ein Auto finanziert. Ob er sich überhaupt traut, im Betrieb den Mund aufzumachen.
Und genau das ist aus Betriebsratssicht der gefährliche Punkt: Befristung ist nicht nur ein Datum im Arbeitsvertrag. Befristung verändert Machtverhältnisse im Betrieb.
Ein befristeter Kollege fragt sich:
Sage ich etwas, wenn die Arbeitsbelastung zu hoch ist?
Gehe ich zum Betriebsrat, wenn etwas nicht stimmt?
Mache ich mein Recht geltend — oder riskiere ich, dass mein Vertrag nicht verlängert wird?
Das ist die Realität. Nicht auf dem Papier in Berlin, sondern bei uns in den Betrieben.
Und deshalb sage ich ganz klar:
Arbeitskräftemangel bekämpft man nicht mit Befristungen. Arbeitskräftemangel bekämpft man mit guter Arbeit.
Mit festen Verträgen.
Mit fairer Bezahlung.
Mit Ausbildung.
Mit Qualifizierung.
Mit Respekt.
Mit planbaren Arbeitszeiten.
Mit Mitbestimmung.
Mit einer Perspektive, die länger hält als der nächste Verlängerungsvertrag.
Wir erleben doch seit Jahren, was passiert, wenn Unternehmen Personalpolitik nur noch nach Flexibilität ausrichten. Erst wird nicht eingestellt. Dann wird ausgelagert. Dann kommen Befristungen. Dann Leiharbeit. Dann Werkverträge. Und am Ende wundern sich alle, dass junge Menschen sagen: Unter diesen Bedingungen mache ich das nicht mehr mit.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Menschen sind nicht das Problem.
Die Bedingungen sind das Problem.
Wenn jemand gebraucht wird, dann soll man ihn einstellen.
Wenn jemand gute Arbeit leistet, dann soll man ihn übernehmen.
Wenn ein Betrieb dauerhaft Arbeit hat, dann braucht er dauerhaft Beschäftigte.
Alles andere ist doch unehrlich.
Wir Betriebsräte wissen: Flexibilität gibt es im Betrieb jeden Tag. Kolleginnen und Kollegen springen ein. Sie machen Sonderschichten. Sie wechseln Bereiche. Sie halten den Laden am Laufen, wenn es eng wird. Aber Flexibilität darf keine Einbahnstraße sein. Sie darf nicht immer nur von den Beschäftigten verlangt werden.
Wer Loyalität von Beschäftigten erwartet, muss Sicherheit zurückgeben.
Und deshalb ist diese geplante Ausweitung der sachgrundlosen Befristung für uns ein klares No-Go.
Vier Jahre Befristung heißt vier Jahre Unsicherheit.
Sechs Verlängerungen heißt sechs Mal Zittern.
Sechs Mal hoffen.
Sechs Mal die Frage: Darf ich bleiben — oder werde ich ausgetauscht?
Das ist nicht die Arbeitswelt, für die wir stehen.
Wir stehen für Industriearbeitsplätze mit Zukunft.
Wir stehen für Tarifbindung.
Wir stehen für Mitbestimmung.
Wir stehen für Respekt vor denen, die den Wohlstand jeden Tag erarbeiten.
Und ich sage auch ganz bewusst: Gerade hier in Bochum, gerade bei Opel, gerade in einer Region, die Strukturwandel nicht aus Büchern kennt, sondern aus eigener Erfahrung — wir wissen, was Unsicherheit mit Menschen macht.
Wir haben erlebt, was es heißt, wenn Standorte wackeln.
Wenn Familien nicht wissen, wie es weitergeht.
Wenn Kolleginnen und Kollegen Angst um ihre Zukunft haben.
Deshalb akzeptieren wir nicht, dass Unsicherheit jetzt politisch zum Normalmodell gemacht werden soll.
Arbeitskräftemangel ist kein Freibrief für schlechtere Rechte.
Arbeitskräftemangel ist ein Auftrag, Arbeit besser zu machen.
Und darum lautet unsere Botschaft heute aus Bochum:
Wer Fachkräfte will, muss Fachkräfte halten.
Wer junge Menschen gewinnen will, muss ihnen Sicherheit geben.
Wer Respekt predigt, darf Befristung nicht ausweiten.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wir lassen nicht zu, dass gute Arbeit Stück für Stück ausgehöhlt wird. Nicht mit schönen Überschriften. Nicht mit angeblichem Bürokratieabbau. Und nicht mit dem Märchen, dass Unsicherheit Arbeitsplätze schafft.
Sichere Arbeit schafft Zukunft.
Befristung schafft Angst.
Und Angst war noch nie ein gutes Fundament für ein starkes Land.
Deshalb sagen wir hier und heute, laut und deutlich:
Nein zur Ausweitung der sachgrundlosen Befristung!
Ja zu unbefristeter, tariflich bezahlter, mitbestimmter Arbeit!
Ja zu Respekt für die Menschen, die dieses Land am Laufen halten!
Vielen Dank. Glück auf!


