
„Hunderte Bochumer Menschen, Erwachsene und Kinder, mit geistigen Behinderungen, mit psychischen Erkrankungen oder mit sogenanntem „asozialen“ Verhalten, sind in der Nazizeit Opfer des „Euthanasie“-Programms geworden“. Daran erinnerte gestern Anette Wichmann von den Omas gegen Rechts bei der Verlegung einer „Stolperschwelle“ vor dem Bochumer Rathaus.
Das Gesundheitsamt der Stadt Bochum war wesentlich daran beteiligt, dass ca. 400 Menschen aus Bochum als „unwertes Leben“ ermordet wurden. Daher wurde die Stolperschwelle vor dem Rathaus in den Fußweg eingelassen. Zusätzlich zur Stolperschwelle sind am Montag acht neue Stolpersteine auf Bochumer Stadtgebiet verlegt worden. Sie sind Teil eines bundesweiten Projekts des Künstlers Gunter Demnig, der damit die Erinnerung an die Vertreibung und Ermordung von den Nazis verfolgter Menschen lebendig erhält.
Bilder der Stolperschwellenverlegung
Die Ansprache von Anette Wichmann, Omas gegen Rechts, zur Stolperschwellen-Verlegung:
Schon 2023 haben wir mit einem einzelnen Stolperstein an Willi Klein erinnert, der als uneheliches Kind Patient in einer Heilanstalt war und später, im Alter von 13 Jahren, in einer Tötungsanstalt umgebracht wurde. Das Thema hat uns nicht losgelassen. Also haben wir die Initiative ergriffen, eine Stolperschwelle zur Erinnerung an alle Bochumer Opfer des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten verlegen zu lassen, um ihnen einen Teil ihrer Würde zurückzugeben.
Dass das überhaupt in dieser Form möglich ist, haben wir Gunter Demnig zu verdanken. Vielen Dank, Herr Mann, dass Sie stellvertretend für ihn heute hier in Bochum das inzwischen größte, dezentrale Mahnmal der Welt erweitern, das an Menschen erinnert, die der Nazi-Diktatur zum Opfer fielen!
Hunderte Bochumer Menschen, Erwachsene und Kinder, mit geistigen Behinderungen, mit psychischen Erkrankungen oder mit sogenanntem „asozialen“ Verhalten, sind in der Nazizeit Opfer des „Euthanasie“-Programms geworden.
Dieses Programm war Teil der Erbgesundheits- und Rassenpolitik der Nationalsozialisten, die eine biologisch homogene ‚Volksgemeinschaft‘ schaffen wollten. Welches Leid die Urteile von willfährigen Richtern sowie die ärztlichen Gutachten für die Betroffenen und ihre Familien bedeutete, kann sich kaum jemand vorstellen.
Mit einem geheimen Führererlass hat Hitler 1939 Ärzte dazu ermächtigt nach ihrem Ermessen zu entscheiden, ob Patient*innen weiterleben durften oder ob sie getötet werden sollten. Dies kam einem Freibrief zum Töten von Zigtausenden ahnungslosen, unschuldigen und schutzbedürftigen Menschen gleich. Sie wurden aus der Gesellschaft ausgeschlossen, entrechtet, eingesperrt und schließlich ermordet – das betraf auch Bochumer Bürger*innen.
Hier einige Beispiele, die wir recherchiert haben:
– Gustav Korfmann war 3 Jahre alt, als er starb. Er wurde als schwachsinnig und geisteskrank bezeichnet. Seine Familie war arm.
– Paul Hülsmann wurde aus dem Arbeitshaus Benninghausen in das KZ Buchenwald verlegt. Sein „Fehler“: er konnte keinen Unterhalt zahlen.
– Elvira Zoch wurde nur 2 Monate und 9 Tage alt. In der Sterbeurkunde ist als Todesursache „Angeborene Lebensschwäche“ angegeben.
– Olga Laubheim war eine jüdische Patientin. Deshalb musste sie sterben.
– Erna überlebte, weil Betreuerinnen sich für sie einsetzten. Sie wurde nach der Nazizeit Krankenschwester.
– Helene Hoffmann litt an einem Anfallsleiden. Sie wurde als „unheilbar“ bezeichnet und als „Ballastexistenz“ getötet.
– Auguste W. geriet nach der Geburt ihres zweiten Kindes wegen einer psychiatrischen Diagnose in eine Anstalt, wurde zwangssterilisiert und später in Hadamar umgebracht.
– Günter Peter wurde aufgrund negativer Verhaltensweisen in eine Anstalt gesteckt und starb dort im Alter von 13 Jahren. Als Todesursache ist u.a. Lungentuberkulose angegeben.
Nun wird auch hier in Bochum an mehr als 400 Menschen erinnert, deren Existenz durch Urteile, Verwaltungsakte und ärztliche und pflegerische Eingriffe vernichtet wurde. Das Grauen des Nationalsozialismus fand nicht nur weit weg in Berlin statt, nicht nur die politischen Eliten waren beteiligt, auch hier wurden Verbrechen begangen, wurden Albträume Realität: Dieses Grauen gab es auch in Bochum. Das zu begreifen, ist schwieriger, als historische Daten wiederzugeben; zu begreifen heißt, Verantwortung vor Ort zu übernehmen.
Die Stolperschwelle lädt dazu ein, die Menschen in den Mittelpunkt unseres Erinnerns zu rücken, denen unfassbares Leid geschehen ist. Nichts kann dies ungeschehen machen. Aber die Stolperschwelle wird hier als Mahnung und Verpflichtung liegen. Als Aufforderung, heute und in Zukunft aufmerksam zu sein, nicht wegzusehen, aufzustehen und Widerstand zu leisten, wenn Unrecht geschieht, wenn Menschenwürde verletzt wird;
– wenn heute z.B. Kosten für Eingliederungshilfen für Menschen mit Behinderungen als „nicht länger akzeptabel“ bezeichnet werden, also Geld für Assistenz, Wohnen, Schule und Alltag gekürzt werden soll;
– wenn durch drastische Kürzungsvorschläge im Bereich der Teilhabe die Angst vor unzumutbaren Einschnitten bei Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen befeuert wird;
– wenn Inklusion als ideologischer Irrtum diskreditiert und abgelehnt wird und im Zusammenhang mit Menschen mit Behinderungen von „Belastungsfaktoren“ gesprochen wird, die aus dem Bildungssystem entfernt werden müssten.
Lasst uns aus der Vergangenheit lernen. Lasst uns Fehler nicht wiederholen! Die Stolperschwelle soll Erinnerung und Mahnung zugleich sein.
Die Worte von Hendrik Wüst beim Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im Mai diesen Jahres bekräftigen das. Er sagte: „Erinnerung ist kein Ritual der Vergangenheit, sondern ein Auftrag für die Gegenwart.“ (Quelle: Zitat des Tages WAZ Bochum, 21.5.2026, S. 4)
Und ich möchte hinzufügen: Es ist auch Auftrag für die Zukunft!
Als Patinnen der Stolperschwelle kommen wir hoffentlich dem Auftrag nach, den der NRW- Ministerpräsident formuliert hat.
Das konnten wir aber nicht allein schaffen. Für ihre großartige Unterstützung in unterschiedlichster Form bedanken wir uns von Herzen
– bei den Schüler*innen und Lehrer*innen der Mansfeld-Schule,
– bei den Studierenden und Lehrern des Berufskollegs im evangelischen Johanneswerk,
– bei Herrn Professor Dr. Georg Juckel von der LWL-Klinik für Psychiatrie in Bochum
– bei Herrn Eckhard Sundermann vom Verein für aufsuchende medizinische Hilfe für Wohnungslose e.V.
– und last but not least bei Herrn Dr. Rawe und Herrn Froning vom Stadtarchiv Bochum.
Herzlichen Dank!
Liste der Namen der Menschen, an die mit Stolpersteinen in Bochum erinnert wird.
Wilfried Korngiebel hat einen Kommentar geschrieben, den wir auf der Startseite veröffentlicht haben:
„Euthanasie“ überlebt – und dann?