Freitag 12.02.21, 21:45 Uhr

Die Stadt bestreitet ein Versagen bei der Versorgung von Wohnungslosen 1


Die Lokalzeit Ruhr des WDR berichtete am 8. 2. 2021 über „erschreckende Zustände in Bochum“ für obdachlose Menschen.

Die Hilfsorganisation für Wohnungslose bodo hatte bereits am 11.12.2020 das Kältekonzept der Stadt für Wohnungslose als unzureichend bezeichnet: „30 Schlafsäcke sind kein Konzept“. Am 29. Januar gab es öffentliche Empörung über die brutale Räumung von Obdachlosen aus dem Bahnhofbereich durch Polizei und Ordnungsamt. Nach Einbruch der extremen Kälte berichtete bodo am 7. 2. 2021: „Das Kältekonzept der Stadt funktioniert nicht„. Der WDR recherchierte und die Lokalzeit berichtete am 8. 2. 2021 über „erschreckende Zustände in Bochum“ für obdachlose Menschen.

Heute haben dann 32 Initiativen und Organisationen an den Oberbürgermeister und die Sozialdezernentin appelliert: Hotels und öffentliche Einrichtungen für Obdachlose zu öffnen. In ihrer Antwort bestreitet die grüne Sozialdezernentin Britta Anger ein Versagen der Stadt bei der Versorgung von Wohnungslosen. Sie erklärt, dass es ein breit aufgestelltes Hilfsangebote der Stadt Bochum für Wohnungslose gäbe.

Die Stellungnahme der Sozialdezernentin im Wortlaut: »Vielen Dank für die Übersendung Ihres Offenen Briefes vom 12.02.21 an die Stadt Bochum. Bei einem Offenen Brief handelt es sich um ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit, um aktuellen Themen eine gesellschaftliche Plattform zu bieten. Daher ist es im politischen Kontext eigentlich üblich, dass Offene Briefe – im Gegensatz zu persönlichen Anschreiben – nicht beantwortet werden. Unbesehen dessen möchte ich Ihnen jedoch im Namen der Stadt Bochum die sachlichen Erwägungen und Entscheidungen des Kältekonzepts Obdachlosigkeit gerne erläutern.

Sie schildern in Ihrem Offenen Brief Ihre Sorge um obdachlose Personen in Bochum. Ich danke Ihnen bereits jetzt für Ihre Aufmerksamkeit und Mitgefühl gegenüber diesem Personenkreis.

Die Stadt Bochum hat neben dem Konzept zur Unterbringung von wohnungslosen und obdachlosen Menschen im Dezember 2020 auch ein Kältekonzept verabschiedet, in dem die Maßnahmen der Stadt Bochum zusammengefasst wurden.

Grundsätzlich sind bereits jetzt 281 obdachlose Menschen vom Sozialamt in der Stadt Bochum ordnungsbehördlich untergebracht. Dies erfolgt in Wohnungen, im Kolpinghotel und in Flüchtlingseinrichtungen, wobei wir anstreben, die Unterbringung von geflüchteten Menschen und obdachlosen Menschen zu trennen.

Unter anderem ist zum Beispiel mit der Uhlandstraße im letzten Jahr eine neue Unterbringungseinheit für wohnungslose Frauen eröffnet worden. Im Dezember 2020 wurde die Pension Plus / „Die Villa“ mit 12 Plätzen für psychisch auffällige wohnungslose Menschen im Zillertal eröffnet.

Übernachtungsmöglichkeiten sind ausreichend vorhanden. Es stehen Schlafplätze im „Fliednerhaus“ und in der „Graf-von-der-Recke-Schule“ nach einem kostenlos zur Verfügung gestellten PoC-Antigen-Schnelltest zur Verfügung.

Sollte ein Test positiv ausfallen, kann ebenfalls eine Unterbringung gewährleistet werden. Speziell an obdachlose Jugendliche wendet sich die Notschlafstelle „Schlaf am Zug“ der Evangelischen Stiftung „Overdyck“.

In der jetzigen Situation ist es nicht bei dem Kältekonzept allein geblieben – durch die aktuelle Entwicklung der Witterungsverhältnisse wurden weitere Unterstützungsangebote für obdachlose Personen ermöglicht. Unter anderem in Zusammenarbeit mit den Netzwerkpartnern „Innere Mission- Diakonisches Werk Bochum e. cV.“, Caritas und der evangelischen Stiftung „Overdyck“ konnte das Konzept erweitert werden.

Aktuell sind Tagesaufenthalte in der Henriettenstraße 36, in der Beratungsstelle „Frauen in Not“ Uhlandstr.8a, Bahnhofsmission in der Propsteikirche „Peter und Paul“, in der „Graf-vonder- Recke-Schule“ und im „Fliednerhaus“, Am Stadion 7 zu den jeweiligen Öffnungszeiten möglich. Das „Fliednerhaus“ und die „Graf-von-der-Recke-Schule“ sind ganztägig geöffnet.

Von dem Angebot einer Suppenküche, kostenloser medizinischer Beratung, Ausstattung mit Bekleidung und Notfallpaketen (mit Rucksack, Schlafsack, Iso-Matte und einem Hygieneset) und ggf. Transportmöglichkeiten mit dem ÖPNV (sollte dieser nicht fahren, ist die Ausstellung eines Taxi Gutscheines möglich) zur „Graf-von-der-Recke-Schule“ können nachfragende Personen Gebrauch machen.

Anzumerken ist natürlich, dass die Corona-Pandemie auch in diesem Zusammenhang leider Einschränkungen verursacht. Platzzahlen und Öffnungszeiten der Tagesaufenthalte mussten den Corona-Hygienekonzepten angepasst werden.

Bei den derzeit vorherrschenden niedrigen Temperaturen ist ein Bochumer Bahnhof auch nachts geöffnet.

Den unterschiedlichen Bedürfnissen der einzelnen Personen wird Rechnung getragen und jedem/jeder ein Angebot unterbreitet. Es erfolgt eine Unterbringung getrennt zwischen den Geschlechtern, selbst Hunde (z.B. in der Graf- von der Recke- Schule) können mitgebracht werden.

Die ca. 50 Kapazitäten der Übernachtungsstellen wurden bisher nicht ausgeschöpft und sind somit ausreichend vorhanden. Bei Bedarf ist eine Erhöhung der Anzahl der Schlafplätze kurzfristig möglich. Grundsätzlich wird niemand abgewiesen, selbst bei einem zuvor ausgesprochenen Hausverbot.

Vor diesem Hintergrund sind Ihre Überlegungen Hotels und öffentliche Gebäude für obdachlose Menschen zu öffnen sind im Grundsatz richtig, wenn es nicht genügend Unterbringungs- und Aufenthaltsorte in Bochum gäben sollte. Dies ist allerdings wie geschildert aktuell nicht der Fall.

Streetworker*innen haben feste Touren und agieren zusätzlich nach Bedarf. Diese sogenannten „Kältegänge“ stellen eine gute Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu obdachlosen Personen dar. Hilfsangebote können somit individuell unterbreitet und auch eingeleitet werden. Darüber hinaus gibt es auch das Angebot eines Kältebusses der Johanniter und demnächst auch des DRK Wattenscheids.

Davon unabhängig bietet das Amt für Soziales Unterstützung für Wohnungslose bei der Wohnungssuche an.

Ich hoffe, dass ich Ihre Sorgen durch die Darstellung der breit aufgestellten Hilfsangebote der Stadt Bochum weitestgehend nehmen konnte.

Danke für Ihr Interesse am Wohlergehen der obdachlosen Personen in Bochum.«

 


Ein Gedanke zu “Die Stadt bestreitet ein Versagen bei der Versorgung von Wohnungslosen

  • Friedel

    Wenn die Stadt 281 Wohnungslose Menschen registriert hat, wie können da 50 Schlafplätze reichen?

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