Ihr Lieben,
vor einigen Monaten durfte ich auf einer Bildungsfahrt die Mutter von Ferhat Unvar
kennenlernen: Serpil Temiz Unvar.
Eine Mutter, der man nicht nur ihren Sohn genommen hat, sondern ihr ganzes
Leben.
Und doch kam sie nicht zu uns als trauernde Mutter. Sie kam als Bildungsreferentin.
Als Frau, die uns empowern wollte.
Und dann sagte sie einen Satz, der mich bis heute begleitet:
„Ich lebe gar nicht mehr. Ich existiere nur noch.
Ich existiere, weil Ferhat immer gesagt hat:
Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.“
Dieser Satz ist mehr als Erinnerung. Er ist Auftrag.
Serpil sagte uns: Mischt euch ein und engagiert euch. Kämpft für Gerechtigkeit.
Unterschätzt eure Kraft nicht. Ihr seid stärker, wenn ihr zusammenhaltet, egal in welcher
Organisation oder Partei.
Wenn es um Menschenwürde geht, darf es kein Gegeneinander geben.
Gerade deshalb darf Hanau kein Datum bleiben. Kein Ritual, das wir abhaken.
Solche Taten passieren nicht über Nacht.
Hinter ihnen stehen Ideologien und Strukturen, die über Jahre normalisiert wurden, weil
man weggeschaut und relativiert hat.
Und während wir heute hier stehen, steigt rechtsextreme Gewalt wieder an.
Menschen fühlen sich erneut bedroht, nur weil sie anders heißen, anders
aussehen, anders lieben oder glauben.
Doch es geht nicht um Mitleid.
Serpil sagte auch:
„Ich brauche kein Mitleid. Mitleid ist nur da, damit diejenigen, die es aussprechen,
sich besser fühlen. Mir hilft das nicht. Wenn euch Gerechtigkeit, Frieden und
Freiheit wirklich wichtig sind, dann zeigt es durch eure Taten, nicht durch euer
schlechtes Gewissen.“
Genau das ist der Unterschied.
Es reicht nicht, betroRen zu sein.
Es reicht nicht, einmal im Jahr hier zu stehen.
Der echte Einsatz beginnt im Alltag.
Wenn jemand beleidigt wird und wir den Mund aufmachen.
Wenn rassistische Witze fallen und wir widersprechen.
Wenn wir Haltung zeigen, obwohl es unbequem ist.
Zivilcourage kostet Mut. Aber Schweigen kostet Menschenleben.
Heute erinnern wir an neun Namen.
Neun Leben. Neun Geschichten.
Neun Zukunftspläne, die nie weitergeschrieben werden durften.
Sie waren keine Schlagzeilen.
Sie waren Töchter und Söhne.
Menschen mit Träumen und HoRnungen.
Und wenn es eine Sache gibt, die stärker ist als Hass, dann ist es Liebe.
Ich glaube nicht, dass die Opfer von Hanau gewollt hätten, dass wir zurückhassen.
Ich glaube, sie hätten gewollt, dass wir zusammenstehen.
Aber erinnern allein reicht nicht.
Unsere Antwort auf Hanau muss Haltung sein.
Im Alltag. In der Politik. In unseren Worten und in unseren Taten.
Und deshalb gilt was Ferhat sagte:
„Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.“
Und wir werden nicht vergessen.
Danke.