Liebe Menschen, die heute hier zusammengekommen sind, um zu erinnern, um zu mahnen, um zu kämpfen. Sechs Jahre sind seit den Morden von Hanau vergangen. Sechs Jahre, in denen wir die Namen Gökhan, Sedat, Said, Mercedes, Hamza, Vili, Fatih, Ferhat und Kaloyan nicht vergessen haben. Wir sind hier, weil wir sie nicht vergessen. Wir sind hier, weil der Schmerz bei den Familien geblieben ist. Und wir sind hier, weil die Gefahr nicht vorbei ist. Denn wir müssen heute über etwas sprechen, das uns alle angeht: Rassismus tötet. Das ist keine Floskel. Das ist die Realität.
Und wir müssen über Ibrahim Akkuş sprechen.
Er war 70 Jahre alt, als er am 10. Januar dieses Jahres gestorben ist. Er hat den Anschlag in der Arena-Bar schwer verletzt überlebt – aber nur dem Namen nach. Acht Schüsse trafen ihn in jener Nacht. Monatelang Krankenhaus, unzählige Operationen, dann der Rollstuhl. Das Grauen der Tat und die Ungerechtigkeit, die er erlebte, ließen ihn nie los.
Ibrahim Akkuş ist das zehnte Todesopfer von Hanau.
Sein Tod ist der endgültige Beweis: Rassismus tötet – manchmal sofort, manchmal langsam, aber er tötet.
Doch wir müssen noch tiefer gehen. Wir müssen über die Nacht sprechen. Über die Minuten, in denen Menschen um ihr Leben kämpften und der Staat, der sie schützen sollte, einfach nicht da war.
Als die ersten Schüsse fielen, da hieß es schnell: Das sind Clanstreitigkeiten. Die Opfer? Alles Ausländer. Die Täter? Sind wohl unter sich. Die Medien sprachen von Clan-Kriminalität, bagatellisierten ein Massaker als eine Auseinandersetzung „untereinander“. Neun Menschen starben – und die erste Reaktion war nicht Entsetzen, sondern Verdacht. Nicht Hilfe, sondern Kategorisierung. Nicht „Unsere Mitbürger“, sondern „die da“.
Wir sehen: Es waren nicht nur die Kugeln des Täters, die an diesem Abend töteten. Es war ein ganzes System, das versagte.
Die Polizei hat viel zu spät eingegriffen. Verzweifelte Anrufer wurden nicht ernst genommen. Der Notruf war blockiert. Man ließ die Menschen im Stich – in ihrer Todesangst, in ihrer Panik. Wären so viele junge Deutsche in einer Diskothek oder einer Bar gestorben – glauben Sie mir, die Polizei wäre von der ersten Minute an mit allen Mitteln vor Ort gewesen. Aber weil die Opfer einen Migrationshintergrund hatten, weil ihre Namen fremd klangen, da war die Schwere der Tat auf einmal relativ.
Und dann das Unfassbare: Die Leiche eines der Opfer wurde obduziert – ohne Zustimmung der Familie. Obduziert! Ein Opfer wird behandelt wie ein Beweisstück, wie eine Nummer. Nicht wie ein Sohn, ein Bruder, ein Freund. Den Familien wurde die Würde genommen, noch bevor sie überhaupt begreifen konnten, dass ihre Liebsten für immer weg sind.
Das ist die Wahrheit über Deutschland. Das ist die Realität von Rassismus: Er sitzt tief. In den Köpfen. In den Institutionen. In der Polizei. In den Medien.
Und dann stehe ich hier und frage mich – und ich frage euch, ich frage alle, die das hören:
Wen soll ich anrufen, wenn es so weit ist? Wer hört mich? Wer glaubt mir?
Wenn ich in Panik bin, wenn ich um mein Leben fürchte, wenn ich die 110 wähle – wer garantiert mir, dass man mich ernst nimmt? Dass man nicht erst fragt, woher ich komme, bevor man fragt, wie es mir geht? Dass man mich nicht als Kriminellen sieht, bevor man mich als Opfer sieht?
Diese Frage bleibt. Seit Hanau. Seit Solingen. Seit dem NSU. Seit über dreißig Jahren rechter Gewalt in diesem Land. Sie bleibt.
Hanau hat uns alle traumatisiert. Aber es hat uns vor allem eines vorgeführt: Wie Deutschland wirklich tickt. Wie tief der Rassismus sitzt. Dass wir es nicht mit ein paar wirren Einzeltätern zu tun haben, sondern mit einem System, das Menschen aussortiert, kategorisiert und fallen lässt.
Wir sind heute hier, weil wir das nicht akzeptieren. Weil wir laut sind. Weil wir uns wehren. Weil wir die Antwort auf diese Frage selbst geben: Wir hören einander. Wir glauben einander. Und wir lassen nicht zu, dass noch ein einziger Mensch in diesem Land sterben muss, weil sein Name falsch klingt, seine Haut die falsche Farbe hat oder seine Herkunft nicht in das Stadtbild passt.
Und was ist die Realität dieser Politik? Deutschland schiebt ab wie nie zuvor. Die jetzige Politik macht aus Menschen zu Täter*innen, nur weil sie woanders geboren wurden. Sie schaffen Fakten, die genau diejenigen treffen, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stehen. Sie kriminalisieren und hetzen gegen die Schwächsten.
Plötzlich sind wir wieder an einem Punkt, an dem niemand mehr sein wollte. Menschen mit Migrationshintergrund werden verachtet, Frauen werden angefeindet, queere Personen werden attackiert. Kommt euch das bekannt vor? Die Geschichte lehrt uns, wohin diese Spirale führt. Hanau hat es uns auf brutale Weise vor Augen geführt: Rassismus ist kein Gefühl, Rassismus ist eine Tat. Und im schlimmsten Fall ist er ein Mord.
Wir haben ein Grundgesetz. Es ist vielleicht das fairste und schönste der Welt. Es gilt für alle Menschen, die in Deutschland leben – Punkt. Es macht keine Unterschiede zwischen denen, die schon länger hier sind, und denen, die erst kürzlich gekommen sind.
Aber ein Grundgesetz, das nicht gelebt wird, ist nur ein Stück Papier. Eine Demokratie, die sich nicht wehrt, ist nur eine Fassade. Wir müssen danach leben! Wir dürfen nicht zulassen, dass ein Kanzler oder eine Partei dieses Versprechen mit Füßen tritt. Wir müssen laut sein. Wir müssen sichtbar sein. Wir müssen füreinander einstehen.
Heute in Hanau, morgen in jeder anderen Stadt. Für Gökhan, für Ferhat, für Ibrahim, für alle. Wir sind hier. Wir vergessen nicht. Und wir lassen nicht zu, dass ihr Tod für billige politische Stimmungsmache missbraucht wird.
Niemals wieder ist jetzt! Siamo Tutti Antifascisti!