Ein Kommentar von Sabine Reich, prt bochum
Diskussionen über Kunst und Kultur verhandeln oft ihre wirtschaftlichen Nöte und prekäre öffentliche Förderung, sprechen über Krisen und Kosten, manchmal auch im Besonderen über die Nöte der Freien Szene, doch viel zu selten über jene positive und kraftvolle Verbindung zwischen Freiheit, Kunst und Gesellschaft, die so wesentlich ist für eine Demokratie. Ihre Relevanz für gesellschaftliche Entwicklungen wird immer weniger anerkannt und gefördert, die Kunst muss sich rechtfertigen, rechnen, muss sich verteidigen – so wie die Demokratie selber sich verteidigen muss gegen rechtsextreme Angriffe. Doch Kunst und Kultur ist relevant, nicht „nice to have“, sondern wesentliche Säule der Gesellschaft. Einer demokratischen Gesellschaft, wollte ich gerade schreiben, doch das stimmt nicht. Denn auch autoritäre, faschistische Staaten nutzen Kunst für ihre Narrative. Der Faschismus in Deutschland instrumentalisierte Kulturpolitik aggressiv für ihre Zwecke und Propaganda, prägte den Begriff „Entartete Kunst“ und verbot damit Ästhetiken und Denkweisen.
Das Bauhaus Dessau sei „undeutsch“, verkündete die Nationalsozialisten damals. Ein „Irrweg der Moderne“ so nennt die AfD das Bauhaus heute und schließt damit direkt an die faschistische Rhetorik an. Auch die AfD hat die Bedeutung von Kunst und Kultur erkannt, denn ihre Politik ist auf beängstigende Art und Weise „Kulturpolitik“. Für sie ist Kultur systemrelevant. Sie wissen, dass Kunst und Kultur Narrative und Bilder ändern, dass unsere Vorstellung von Gesellschaft und Miteinander auf den Bühnen, in den Museen und in Literatur eingeübt wird. Kunst ist der Raum, in dem eine Gesellschaft sich selbst und ihre Zukunft entwirft – das hat die AfD verstanden. Für Sachsen-Anhalt kündigt sie eine „patriotische Wende“ in der Kulturpolitik an. Der Umbau der Gesellschaft beginnt für die AfD mit dem Umbau der kulturellen Landschaft. Ich zitiere aus der gemeinsamen Stellungnahme von Kulturinstitutionen Sachsen-Anhalts über die Kulturpolitik der AfD: „Erinnerung wird selektiv umgedeutet, Kunst normiert, Institutionen ab- und umgebaut und Förderung politisch instrumentalisiert.“
Die AfD weiß, wie wichtig Kunst und Kultur für eine offene Gesellschaft ist, deshalb sind Kunst und Kultur ein wichtiger Hebel, mit dem sie die demokratische Gesellschaft vernichten möchte. Schleichend haben die AfD und ein konservativer Diskurs in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass Kunst und Kultur verzichtbar erscheinen, elitär und überflüssig, zu woke, zu links, zu liberal, zu bunt, „Regenbogen-ideologie“ nennen sie das. Die Diskreditierung wirkt bereits jetzt, nicht erst nach einem zu befürchtenden Wahlsieg, nicht in der Zukunft, die wir zu verhindern suchen. Sie schleicht sich ein in Etatverhandungen und Förderprogramme, in Talkshows und Debatten. Schleicht sich ein in Angst, die lähmt, weil Bedrohungen, Übergriffe und Gewalt bereits heute stattfinden. Und jedes Mal verliert die Demokratie.
Deshalb brauchen wir Kunst und Kultur, Bildung und Inklusion dringender denn je. Wir brauchen die Kultur-Institutionen und die Freie Szene gleichermaßen, müssen Bündnisse schließen, solidarisch teilen und stärken. Genau hier und genau jetzt ist Kunst systemrelevant, daran müssen wir erinnern. Immer dann, wenn über Etats und Budgets verhandelt wird, müssen wir daran erinnern. Wenn über Zugänglichkeit und kulturelle Bildung verhandelt wird, müssen wir an die Freiheit und Gleichheit aller erinnern. Wenn in Bochum Institutionen wie die Ko-Fabrik öffentlich angegriffen werden, müssen wir daran erinnern, was auf dem Spiel steht. Und wir müssen uns daran erinnern, dass jedes Mal, wenn Kunst und Kultur, Inklusion und Bildung geschwächt wird, wenn Förderungen eingestellt, wenn Programme gestrichen und Veranstaltungen nicht mehr stattfinden können, immer dann hat die AfD gewonnen. Immer dann haben sie ein Stück von dem genommen, was Freiheit ausmacht. Das werden wir nicht zulassen.
Es ist Zeit, sich daran erinnern, das Freie Kultur für Freiheit steht. Kunst steht für Freiheit. Denn wenn es um die Freiheit der Kunst geht, dann geht es immer auch um die Freiheit der Gesellschaft und damit um die Freiheit und Gleichheit aller. Die unbedingte Freiheit der Kunst ist die Bedingung und der Garant für eine freie, plurale Gesellschaft, in der wir gemeinsam leben können. Kunst, Freiheit und Gesellschaft gehören zusammen – sie bedingen und erschaffen sich gegenseitig.
Vielen Dank für den Kommentar.
Anmerkung:
Wer ist Sabine Reich, Was ist »prt bochum«?
Ich weiß das. Glück gehabt!?
Es wäre auch gegenüber der Künstlerin sehr freundlich, nur kurz ein paar Worte zusagen und das Kürzel prt aufzulösen.
Raus aus der Blase!
Anm. d. Red.: PRT steht für Prinz-Regent-Theater und Sabine Reich ist seit 2025 die Intendantin.