Dienstag 07.07.26, 17:22 Uhr
Hinter den Zahlen der Asylstatistik: Nimcas Geschichte

Alleine von Somalia nach Bochum


Nimca ist eine von rund 5000 unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, die 2025 einen Asylerstantrag in Deutschland gestellt haben. Sie floh allein aus Somalia, wo sie als junges Mädchen viel Gewalt und Unsicherheit erlebt hat, und lebt nun in einer betreuten Wohngruppe in Bochum. Gerade hat sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um ihre Mutter und jüngeren Geschwister nachholen zu können. Im Interview mit der Seebrücke Bochum, die sich für sichere Fluchtwege und ein gutes Ankommen und Bleiben einsetzt, erzählt sie von ihrem Weg nach Deutschland und den Hürden bei der Familienzusammenführung.

Situation in Somalia

Seebrücke: Erzähl uns von deiner Familie. Wie war euer Leben in Somalia?

Nimca: Mein Vater hatte mehrere Ehefrauen. Meine Mutter und mein Vater ließen sich scheiden, als ich noch sehr klein war. In Somalia kümmert sich nach einer Scheidung die Mutter um die Kinder, und der Vater muss Unterhalt zahlen. Aber ich entschied mich, mit meinem Vater zu leben, gemeinsam mit meiner Tante und meiner ältesten Schwester. Meine Mutter zog mit meinen jüngeren Geschwistern nach Kenia, wo sie früher studiert hatte.

Aber nach einiger Zeit heiratete mein Vater erneut, und seine neue Frau zog bei uns ein. Anfangs war es in Ordnung, aber je älter ich wurde, desto mehr stellte ich fest, dass sie mich schlecht behandelte. Manchmal blieb ich mehrere Tage hungrig, weil sie nur Essen machte, das ich nicht mochte. Meinen Vater interessierte das nicht, er ignorierte es einfach. Er war selten zuhause und lebte die meiste Zeit bei seinen anderen Ehefrauen.

Eines Tages vermisste ich meine Mutter so sehr, dass ich von zuhause weglief. Es dauerte 10 Tage, bis ich Kenia erreichte, teils zu Fuß, teils mit dem Bus. Der Weg war sehr gefährlich, weil die Al-Shabaab Miliz das Gebiet kontrolliert. Wenn mir etwas passiert wäre, hätte mich niemand je wieder gefunden. Als ich ankam, war meine Mutter völlig überrascht.

Wir waren glücklich, aber einige Wochen später fand mein Vater heraus, dass ich bei ihr war. Er sagte, er würde keinen Unterhalt mehr bezahlen, und warf meiner Mutter vor, dass sie mir gesagt hätte, ich soll zu ihr kommen. Das Leben in Kenia ist sehr teuer, und ohne das Geld hätten sie nicht genug zu essen. Meine Mutter hat einen kleinen Laden, aber auch damit reichte das Geld nur gerade eben um einen kleinen Raum zu bezahlen, in dem wir alle zusammen lebten. Sie kann sich auch nicht leisten, die Kinder zur Schule zu schicken.

Also überzeugte mich meine Mutter, zu ihm zurückzukehren, und schließlich willigte ich ein, und ging zurück nach Somalia. Ich lebe also schon sehr lange von meiner Mutter und meinen Geschwistern getrennt.

Seebrücke: Viele Menschen in Deutschland wissen wenig über Somalia. Wie ist das Leben dort?

Nimca: Es ist sehr gefährlich. Es gibt keine richtige Regierung und viele Bewaffnete, die einander bekämpfen, so dass sich die Menschen kaum noch auf die Straße trauen. Meine älteste Schwester studiert Politik, sie muss dafür zur Universität gehen. Wenn sie rausgeht, sagt sie mir: “Wenn ich sterben muss, dann sterbe ich halt. Wir leben hier sowieso ständig in Gefahr.” Sie hat recht. Selbst wenn wir in unserer Wohnung bleiben, können wir jederzeit überfallen werden. Oft zerstören sie alles. Manche Leute haben an einem Tag noch ein Haus, und am nächsten Tag gar nichts mehr.

Ich liebe mein Land, aber das Land gehört uns nicht mehr. Andere Menschen kontrollieren es. Es gibt zwar Wahlen, aber wir haben keine wirkliche Wahl. Niemand bekommt die Rechte, die ihm zustehen, und es wird leider schlimmer. Wir brauchen jemanden, der das Land liebt, nicht das Geld. Jemand, der das Land zusammenbringen kann, es wieder sicher und schön machen kann.

Die Menschen, die unser Land regieren, kümmern sich nicht um das Land und seine Bevölkerung. Ihre Kinder leben nicht in Somalia, sondern in Europa oder den USA. In einem islamischen Staat sollte ein Anführer Verantwortung für das Wohlergehen der Menschen übernehmen. Wenn man nachts schläft, während jemand anderes nichts zu essen hat, ist das eine Sünde. Aber sie stören sich nicht daran. Viele Menschen hier haben nicht einmal drei Mahlzeiten pro Tag. Unsere Regierungsverantwortlichen behaupten zwar, im Sinne des Islam zu handeln, tun dies aber nicht. Sie benutzen lediglich den Namen des Islam.

Seebrücke: Was war der Moment, in dem du dich entschieden hast, Somalia zu verlassen?

Nimca: Ich habe einen Fehler gemacht. Als ich von Kenia zurückkehrte, gab mir meine Mutter etwas Geld. In Somalia gab es in der Nähe einen kleinen Laden, wo man ein Tatoo bekommen konnte. In Kenia liebte ich die Schmetterlinge sehr, also ging ich zu dem Künstler und ließ mir einen Schmetterling auf den Arm tätowieren. Als meine Stiefmutter das Tatoo sah, schickte sie meinem Vater ein Foto davon. Nach zwei Tagen kam er nach Hause und fragte mich: “Wie kannst du dich bloß tätowieren lassen?” Ich sagte, dass es ein Fehler gewesen sei. Er sagte, es sei unislamisch und verließ das Haus wütend. Nach einigen Tagen kehrte er zurück und sagte mir, dass er entschieden hatte, mich an einen Freund von ihm zu verheiraten. Er sei ein guter Muslim und würde mich zurück zum Islam führen. Sein Freund war 40 Jahre alt, ich war 16. Ich war völlig überrascht und sagte, dass ich ihn nicht heiraten werde. Er fragte, was mit mir los sei, und dass ich das nicht entscheiden könnte. Nächste Woche sei die Henna-Zeremonie und am Tag danach die Hochzeit. Ich sagte: “Ich werde nicht heiraten.” Er sagte: “Du wirst!”


Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) war Somalia 2025 nach Syrien und Afghanistan mit 17,6% das häufigste Herkunftsland von unbegleiteten minderjährigen Asylerstantragsstellenden. Die Gründe dafür sind vielfältig:

Somalia ist weiterhin von bewaffneten Konflikten geprägt. Die islamistische Miliz Al-Shabaab kontrolliert oder beeinflusst in Teilen des Landes große Gebiete und verübt regelmäßig Anschläge. Die Miliz rekrutiert auch gezielt Minderjährige: laut einer Schätzung des UN-Generalsekretärs machen Jungen etwa die Hälfte der Kämpfer aus, während Mädchen oft als Sexsklaven gehalten oder an Al-Shabaab-Kämpfer verheiratet werden.

Laut UNICEF weist Somalia weltweit eine der höchsten Raten für weibliche Genitalverstümmelung auf. Über 98% der Mädchen werden im Alter zwischen 5 und 10 Jahren Opfer dieser grausamen Praxis, bei der ihre äußeren Genitalien teilweise oder vollständig entfernt werden, oft unter unhygienischen Bedingungen. Viele Betroffene leiden ihr Leben lang unter den physischen und psychischen Folgen.

Auch bei Kinderehen hat Somalia eine der höchsten Raten: 45% der Mädchen werden vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet. Mädchen und Frauen sind in Somalia darüber hinaus einem hohen Risiko für sexualisierte Gewalt ausgesetzt und haben aufgrund patriarchalischer Strukturen und traditioneller Rollenbilder einen eingeschränkten Zugang zu Bildung und kaum Möglichkeiten, ein eigenes Einkommen zu erzielen.

Daneben spielen Armut, Binnenvertreibung, Clan-Konflikte und schwache staatliche Institutionen eine Rolle. Millionen Menschen sind innerhalb Somalias auf der Flucht oder leben unter prekären Bedingungen.

Angesichts dessen ist es wenig überrascht, dass die Schutzquote für unbegleitete Minderjährige aus Somalia mit 84% relativ hoch ist.

Transport, Helfer, Dokumente und Unterkünfte auf dem Fluchtweg sind teuer – oft kann eine Familie dies allenfalls für eine einzige Person finanzieren. Da Minderjährige im europäischen Asylrecht als besonders schutzbedürftig gelten und somit eine gute Chance auf einen erfolgreichen Asylantrag haben, kommt es vor, dass sie allein auf die gefährliche Reise geschickt werden.


Flucht nach Europa

Seebrücke: Wie gelang dir die Flucht aus Somalia?

Nimca: Eine Cousine half mir, meinen Onkel in den USA anzurufen, den Bruder meiner Mutter. Er war vor langer Zeit aus Somalia geflohen, weil er den buddhistischen Glauben angenommen hatte. Am Telefon sagte er mir: “Ich habe Kinder mit Tattoos. Das ist keine große Sache.”

Er half mir, von zuhause wegzulaufen. Dieses Mal war es sehr schwierig, weil ich schon einmal weggelaufen war. Ich versuchte es fünf Tage lang, jede Minute suchte ich nach einem Weg, aber es war immer jemand da und passte auf. Doch eines nachts klappte es, und ich lief fort. Mein Onkel organisierte ein Flugticket in die Türkei. Von dort wollte ich zu meinem Onkel in die USA, aber er sagte, das sei schwierig, aber er könnte für eine Überfahrt nach Europa bezahlen. Ich verbrachte einen Monat in der Türkei, zusammen mit anderen, die ebenfalls nach Europa wollten. Wir versuchten zweimal, in kleinen Booten das Meer zu überqueren, aber wir wurden beide Male von der Küstenwache aufgehalten. Dann versuchten wir es zu Fuß: drei Tage lang liefen wir im Dunkeln durch Wälder, und kamen schließlich in Griechenland an.


In Griechenland erhalten Geflüchtete oft sehr wenig Unterstützung. Zwar haben Asylsuchende einen Anspruch auf Unterbringung und Grundversorgung, aber diese Rechte bestehen oft nur auf dem Papier und viele Unterstützungsleistungen enden mit der Anerkennung als Flüchtling.


Seebrücke: Wie bist du von Griechenland nach Deutschland gekommen?

Nimca: In Griechenland kann man für etwa 500 Euro einen Ausweis von jemandem kaufen, der einem ähnelt. Aber ich konnte niemanden finden, der aussah wie ich. Nach einer Weile waren alle, mit denen ich angekommen war, schon fort, und die nächsten Gruppen kamen an, und ich war immer noch da. Ich war völlig allein und begann, alle Hoffnung zu verlieren. Ich rief meinen Onkel an, doch auch ihm gelang es nicht, einen Ausweis für mich zu organisieren. Ich fragte ihn: “Bin ich so hässlich, dass es niemanden gibt, der wie ich aussieht?” und er entgegnete: “Du bist nicht hässlich, aber wir konnten einfach niemanden finden. Du musst Geduld haben.”

Es dauerte sehr lange, bis schließlich ein Mann zu mir kam, und mir einen Ausweis anbot. Er war sehr teuer, doch mein Onkel bezahlte schließlich den geforderten Preis. Dann kam ein großes Auto, in dem bereits weitere Passagiere saßen. Die Reise dauerte fünf Tage und schließlich erreichten wir Holland. Dort leben Verwandte meines Vaters. Ich sagte, ich möchte hier nicht bleiben, ich möchte in die Schweiz. Er fragte nach Geld, aber ich hatte keins mehr. Er nahm mir meine Ohrringe und Halskette ab und brachte mich nach Dortmund.

Seebrücke: Wie lange hat dein Weg von Somalia bis Deutschland insgesamt gedauert?

Nimca: Acht Monate.

Nimca denkt nach, zählt die Monate zwischen Abreise und Ankunft und ruft überrascht:

Warte, nein, es waren nur drei Monate. Es hat sich für mich so lang angefühlt! Es waren bloß drei Monate? Wenn jemand gesagt hätte, es wäre ein Jahr, hätte ich es sofort geglaubt.

Ankunft in Deutschland

Seebrücke: Was hast du bei deiner Ankunft in Dortmund erlebt?

Nimca: Als ich in Dortmund ankam, begegnete ich einer Frau. Sie gab mir etwas zu essen und wir fingen an zu reden. Sie war selbst neu in Dortmund, aber sie hatte gehört, dass es in Bochum eine Erstaufnahmestelle gibt, wo man Asyl beantragen kann. Sie brachte mich bis zum Hauptbahnhof in Bochum. Sie gab mir ihre Telefonnummer und bot an, dass ich sie anrufen kann, wenn ich etwas brauche. Leider habe ich den Zettel mit ihrer Telefonnummer verloren, und obwohl ich viele Menschen nach ihr gefragt habe, konnte ich sie nie wiederfinden. Vielleicht liest sie dieses Interview und meldet sich bei mir, so dass ich mich endlich bei ihr bedanken kann!


Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie einen Hinweis haben, melden Sie sich gerne unter bochum@seebruecke.org um den Kontakt herzustellen.


Seebrücke: Seit wann lebst du nun schon in Deutschland und wie hast du dich in der ersten Zeit nach deiner Ankunft gefühlt?

Nimca: Ich bin vor einem Jahr und fünf Monaten nach Deutschland gekommen. Zunächst war ich in einer Einrichtung in Essen, und seit neun Monaten lebe ich in Bochum.

Anfangs war es sehr schwierig: Ich kannte niemanden hier, weder das Land, noch die Sprache noch die Leute. Ich war sehr verängstigt, traumatisiert und schüchtern, habe kaum gesprochen und hatte Angst vor dem, was die Zukunft bringen würde. Ich konnte nicht schlafen und versuchte sogar, Alkohol zu trinken, um zur Ruhe zu kommen. Ich hatte kein Vertrauen zu den Menschen um mich herum und dachte, sie könnten mich verletzen oder unfreundlich sein.

Meine Betreuer brachten mich zu einem Therapeuten, der mir helfen sollte. Ich war erst sehr skeptisch, doch irgendwann ließ ich mich darauf ein und sprach über alles in meinem Herzen. Es machte mich krank, aber es half auch. In diesem Moment merkte ich, dass es hier wirklich Menschen gab, die mir helfen wollten – nicht nur die Ärzte, sondern auch die anderen Jugendlichen und meine Betreuer. Sie sagten, wenn ich mich schlecht fühle, soll ich zu ihnen kommen und mit ihnen reden. Ich gewann Vertrauen, fing an zu reden – schließlich redete ich so viel, dass mich die Leute sogar fragten: „Bist du beim Radio?“

Die Menschen sind so gut hier! Manchmal habe ich Angst, dass ich das alles nur träume. Und zugleich kann ich oft den nächsten Morgen kaum erwarten, um zu sehen, was als Nächstes geschehen wird. Ich bin sehr glücklich mit den Menschen, mit denen ich hier lebe.

Seebrücke: Wieviele seid ihr hier in der Wohngruppe?

Nimca: Wir sind 19 Jugendliche hier, alle zwischen 16 und 21 Jahren. Wir haben alle unser eigenes Apartment mit einer kleinen Küche und Badezimmer, und einen Gemeinschaftsraum. Manchmal, wenn es mir nicht gut geht, bleibe ich tagelang in meinem Zimmer. Dann kommen die anderen an meine Tür, klopfen, und fragen “Nimca, wo bist du? Was ist los? Was machst du?” Sie passen gut auf mich auf. Wir haben alle Ähnliches erlebt, das schweißt zusammen.

Seebrücke: Wie sieht ein typischer Tag in deinem Leben aus?

Nimca: Ich gehe zur Schule. Ich nehme an einem Integrationskurs teil und lerne Deutsch. Ich möchte die Schule abschließen und dann möchte ich Krankenpflege oder chirurgische Assistenz lernen. Und ich würde gerne für UNICEF arbeiten.

Seebrücke: Gab es hier etwas, das schwieriger war, als du es erwartet hattest?

Nimca: Nein.

Seebrücke: Wir hören sonst oft von großen Schwierigkeiten im Umgang mit den Behörden.

Nimca: Das Jugendamt arbeitet sehr langsam. Es hat über ein Jahr gedauert, bis meine Brille genehmigt wurde. Ich sehe schlecht. Ohne Brille musste ich im Unterricht ganz vorne sitzen um überhaupt etwas zu erkennen, und selbst dann bekam ich Kopfschmerzen und meine Augen tränten. So kann man nicht lernen. Ich bekomme nur Jugendhilfe (Anmerkung der Redaktion: vergleichbar mit der Grundsicherung), davon kann ich keine Brille bezahlen. Gemeinsam mit meiner Betreuerin haben wir Beschwerde eingelegt, weil es meinen Lernfortschritt extrem erschwert hat, aber lange passierte trotzdem gar nichts.

Seebrücke: Du bist inzwischen als Flüchtling anerkannt. Wie hast du den Asylprozess erlebt?

Nimca: Unsere Betreuer haben uns gut auf das Interview vorbereitet. Das Gespräch war sehr lang, aber die Mitarbeiterin, die mein Interview führte, war freundlich und verständnisvoll. Als ich hungrig wurde, gab sie mir sogar Schokolade und Cola. Die Entscheidung über meinen Antrag folgte schon kurze Zeit später: Ich wurde als Flüchtling anerkannt.

Seebrücke: Was glaubst du, sollte die Politik in Deutschland und Europa anders machen, um jungen Menschen, die fliehen müssen, besser zu helfen?

Nimca: Ich wünschte, wir müssten uns nicht allein auf eine so gefährliche Reise begeben, um Hilfe zu finden. Viele Kinder in meiner Situation haben niemanden, der ihnen helfen kann. Kinder in Afrika haben oft keine Rechte. Alle die hier mit mir leben, haben eine sehr schwierige Reise hinter sich.

Hier in Deutschland haben Kinder Rechte, und sie können Freude am Leben haben. Wenn ihre Eltern sich hier nicht um sie kümmern, tun es andere Menschen. Wir sind jetzt hier ohne unsere Eltern, aber wir fühlen uns nicht mehr allein. Wir haben Menschen, die uns helfen – uns selbst und die Betreuer, und wir passen aufeinander auf. Wir sind nicht daheim, aber dennoch zuhause.

Seebrücke: Heute (Anmerkung der Redaktion: das Interview fand am 12.06.2026 statt) ist die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) in Kraft getreten. Sie wird unter anderem dazu führen, dass Asylsuchende für das Asylverfahren nicht mehr in die EU einreisen dürfen, sondern zunächst in einem Lager an der europäischen Außengrenzen bleiben müssen, wo ein sogenanntes Screening-Verfahren durchgeführt wird. Je nach Ergebnis des Screening-Verfahrens wird ihr Asylantrag anschließend als Asylgrenzverfahren durchgeführt, so dass sie während des gesamten Verfahrens das Lager nicht verlassen können. Es ist unklar, ob in der Praxis Zugang zu unabhängiger Asylberatung möglich sein wird, so dass die Gefahr besteht, dass Schutzsuchende ohne Unterstützung bleiben und ihre Rechte nicht wahrnehmen können. Das Verfahren wird auch Kinder betreffen. Was denkst du über diese neue Regelung?

Nimca: Ich glaube, dass das nicht gut ist. In meiner Gruppe war ein Mädchen aus Afrika. Ich weiß nicht mehr, aus welchem Land sie kam, aber auf ihrer Flucht hat sie schlimme Dinge erlebt. Sie musste sehr weit laufen und hatte eine Infektion am Fuß – ihr Fuß sah nicht mal mehr wie ein menschlicher Fuß aus. Als sie ihr Asyl-Interview hatte, glaubte ihr der Interviewer nicht und sagte, sie erzählte wirres Zeug. Aber sie log nicht, sie war nur sehr nervös und völlig verängstigt. Sie hat so viel erlitten. Manche Menschen können in so einer Situation nicht mehr klar denken, und dann wird ihr Asylantrag abgelehnt, weil man ihnen nicht glaubt. Man muss auf die Situation der Menschen achten, wenn sie ihr Interview geben. Sie brauchen Vertrauen um reden zu können. Wenn sie Angst haben, können sie nicht erklären, was passiert ist. Wie soll das im Grenzverfahren funktionieren?

Ich habe keine Angst mehr, ich kann gut reden, aber viele von meinen Freundinnen sind sehr schüchtern. In vielen Ländern haben Frauen nicht das Recht zu reden. Meine Verwandten väterlicherseits haben mir immer gesagt: “Du bist eine Frau, senke deine Stimme”. Aber ich habe das nie gemacht. Manchmal habe ich geschrien, auch wenn es sie wütend machte, mir war das egal. Meine Großmutter hat mir beigebracht, alle Menschen zu respektieren, aber mich zu wehren, wenn jemand mich nicht respektiert. Von meiner Familie mütterlicherseits habe ich gelernt, für mein Leben zu kämpfen. Aber viele andere haben das nicht gelernt.

Familienzusammenführung

Seebrücke: Du hast gerade eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um deine Mutter und Geschwister nach Deutschland zu holen. Welche Schritte zur Familienzusammenführung sind schon geschafft, und was muss noch geschehen?

Nimca: Als mein Asylantrag erfolgreich abgeschlossen war, ging ich zur Beratung bei der Medizinischen Flüchtlingshilfe (MFH) um zu erfahren, wie ich meine Familie nach Deutschland nachholen kann. Für den Antrag auf Familienzusammenführung mussten wir einen DNA-Test machen, und meine Familie benötigt Reisepässe. Das Rote Kreuz hat uns dabei sehr unterstützt. Dann konnten wir Visa beantragen. Ich musste Geld von meinen Freunden leihen, um die DNA-Tests und Visakosten zu bezahlen. Ich habe einen Job als Küchenhilfe, aber ich kann nicht viel arbeiten, weil ich zur Schule gehe.

Die Ausländerbehöre hat dem Antrag auf Familennachzug zugestimmt. Sobald auch die Visa genehmigt sind, hat meine Familie drei Monate Zeit, einzureisen. Das einzige was dann noch fehlt, sind die Reisekosten. Aber die Flugtickets sind sehr teuer, insgesamt mehr als 5000 Euro. Das kann ich nicht bezahlen. Ich habe meinen Onkel gefragt, ob er helfen kann, aber er hat seine eigenen Probleme. Er würde gerne helfen, aber es geht im Moment einfach nicht. Ich habe niemanden sonst, den ich fragen könnte. Also habe ich die Crowdfunding-Kampagne gestartet.

Seebrücke: Du bist vor kurzem volljährig geworden. Wenn die Entscheidung deines Asylverfahrens etwas länger gedauert hätte und du schon 18 geworden wärest, bevor der Asylantrag abgeschlossen war, wäre dein Antrag auf Familienzusammenführung nur noch im Ausnahmefall genehmigt worden. Wenn du den politischen Verantwortlichen, die über die Regeln des Familiennachzugs entscheiden, etwas sagen könntest, was wäre deine Botschaft?

Nimca: Ich habe Angst, dass das Visum abgelehnt wird. Es ist mein Traum, wieder mit meiner Familie zusammen zu leben. Zerstören Sie nicht diese Hoffnung! Bei der Beratung habe ich erfahren, dass ich ein Recht habe, meine Familie bei mir zu haben. Und ich bezahle alles, was ich bezahlen muss. Ich würde auch die Schule abbrechen und mehr arbeiten, wenn das nötig ist. Aber eine Ablehnung wäre fürchterlich.

Ich glaube, für viele andere ist es noch schwieriger, denn sie haben keine Unterstützung. Wenn jemand deine Hoffnung zerstört, ist das sehr schlimm. Wir warten auf ein Ja. Das ist die einzige Hoffnung, die wir haben. Wir können kämpfen, um das Geld zusammen zu bekommen, aber gegen ein Nein sind wir machtlos.

Ich bin sehr froh, hier ein neues Leben starten zu können. Aber manchmal, wenn ich einen schönen Tag mit meinen Freunden hatte, komm ich nach Hause und denke, ich verdiene das nicht. Ich fühle mich schuldig. Ich habe meine Mutter und Geschwister in diese schwierige Situation gebracht. Es ist meine Verantwortung, dass sie herkommen können.

Seebrücke: Was hilft dir, um dann wieder auf gute Gedanken zu kommen?

Nimca: Ich gehe zu einem Bubble Tea Shop und trinke Mango-Milch, damit fühlt man sich direkt besser. Ich zähle bis drei und sage mir: Auf jede Schwierigkeit folgt irgendwann wieder Glück. Die Zukunft wird schön, ich kann sie schon fast riechen und berühren.

Seebrücke: Was ist deine Botschaft an Menschen, die überlegen, deine Crowdfunding-Kampagne zu unterstützen?

Nimca: Jeder Betrag hilft, egal wie klein er ist. Für meine Familie und mich bedeutet es die Welt. Ich wünsche mir so sehr, dass wir zusammen sein und füreinander da sein können.


Hier können Sie spenden, um Nimca und ihrer Familie ein gemeinsames Leben zu ermöglichen: https://www.goodcrowd.org/familienzusammenfuehrung48


Die Regeln für den Familiennachzug hängen in Deutschland vom Alter und Schutzstatus ab. Wird ein Asylantrag positiv beschieden, ist ein Antrag auf Familienzusammenführung möglich, der aber nur die enge Kernfamilie zum Nachzug berechtigt: Ehepartner, minderjährige Kinder, sowie die Eltern im Falle von minderjährigen, unbegleiteten Geflüchteten. Der Nachzug von Geschwistern, volljähriger Kinder oder Eltern von volljährigen Geflüchteten ist nur in besonderen Härtefällen möglich. Wird ein Antrag auf Familiennachzug kurz vor der Volljährigkeit gestellt, so soll er mit Priorität behandelt werden, um möglichst vor dem 18. Geburtstag entschieden zu werden.

Für Asylsuchende, denen nur subsidiären Schutz zuerkannt wird, gelten noch strengere Regeln für den Familiennachzug. Subsidiären Schutz erhalten Person, die zwar nicht als Flüchtling anerkannt wird, aber bei einer Rückkehr ernsthaften Gefahren ausgesetzt wäre, beispielsweise wenn jemand aus einem Bürgerkriegsgebiet flieht, ohne persönlich verfolgt worden zu sein.

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