Sonntag 17.05.26, 13:21 Uhr
Seebrücke Bochum

Das Mittelmeer ist kein „Unglücksort“ –


es ist ein Massengrab europäischer Politik.

Das berichtet die Seebrücke Bochum in einem neuen Artikel auf ihrer Website und ruft auf, aktiv zu werden: »2026 könnte das tödlichste Jahr auf dem Mittelmeer seit Beginn der Erfassung werden. Bereits Anfang April registrierte die Internationale Organisation für Migration (IOM) fast 1.000 Tote und Vermisste im Mittelmeer. Allein auf der zentralen Mittelmeerroute starben in den ersten Monaten des Jahres 765 Menschen – ein Anstieg um 150 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die IOM spricht von „einem der tödlichsten Jahresanfänge seit 2014“.

Doch selbst diese Zahlen zeigen nur einen Teil der Realität. Wissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass zahlreiche Bootsunglücke niemals dokumentiert werden. Ganze Boote verschwinden spurlos. Forschende schätzen, dass die tatsächliche Zahl der Toten deutlich höher liegt als die offiziell registrierten Fälle. Während Menschen im Mittelmeer ertrinken, reagiert Europa nicht mit Rettung – sondern mit weiterer Abschottung.

Europa rüstet auf – gegen Schutzsuchende

Die europäische Grenzschutzagentur Frontex wurde in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Ihr Budget lag 2005 noch bei rund 6 Millionen Euro. Für 2026 verfügt Frontex inzwischen über ein Jahresbudget von rund einer Milliarde Euro und tausende Einsatzkräfte. Gleichzeitig baut die EU ihre Überwachungs- und Abschottungsinfrastruktur immer weiter aus:

  • mehr Drohnenüberwachung,
  • mehr Kooperationen mit autoritären Transitstaaten,
  • mehr illegale Pushbacks,
  • mehr Militarisierung der Außengrenzen.

Für sichere Fluchtwege fehlt dagegen weiterhin der politische Wille, wie auch die Mitte Juni in Kraft tretende Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) deutlich zeigt.
Die Botschaft europäischer Politik lautet längst nicht mehr: „Wir retten Menschenleben“, sondern: „Wir halten Menschen fern.“
Die EU finanziert Milizen – und nennt sie „Küstenwache“
Besonders skandalös ist die Zusammenarbeit der Europäischen Union mit der sogenannten libyschen Küstenwache.

Denn bei dieser handelt es sich keineswegs um eine reguläre zivile Seenotrettungsbehörde. Internationale Organisationen, NGOs und Journalist*innen dokumentieren seit Jahren Verbindungen zu bewaffneten Milizen, Menschenhandel und schwersten Menschenrechtsverletzungen.

Trotzdem hat die EU seit 2015 rund 700 Millionen Euro in die Zusammenarbeit mit libyschen Akteuren im Grenzschutz investiert.

Was diese Politik konkret bedeutet, zeigte sich erneut im Mai 2026.

Die Sea-Watch berichtete, dass bewaffnete Einheiten der sogenannten libyschen Küstenwache das zivile Rettungsschiff „Sea-Watch 5“ in internationalen Gewässern mit scharfer Munition beschossen hätten – unmittelbar nachdem die Crew rund 90 Menschen aus Seenot gerettet hatte. Laut Sea-Watch wurden zunächst einzelne Schüsse, anschließend Salven mit 10 bis 15 Schuss abgegeben. Die bewaffneten Boote drohten damit, das Schiff zu entern und die Geretteten gewaltsam nach Libyen zurückzubringen.

Die Crew setzte Mayday-Notrufe ab und erklärte, sie fürchte um das Leben aller Menschen an Bord.

Es war nicht der erste Angriff. Bereits 2025 wurde die „Sea-Watch 5“ nach Angaben der Organisation beschossen. Auch andere zivile Rettungsschiffe wie die „Ocean Viking“ berichteten von Angriffen und Schüssen durch libysche Akteure.

Dass von der EU finanzierte Kräfte auf zivile Rettungsschiffe schießen, müsste eigentlich ein politischer Skandal ersten Ranges sein. Doch die Reaktion Europas bleibt weitgehend dieselbe wie seit Jahren:

Schweigen, Relativieren, Weitermachen.
Kriminalisiert werden nicht die Täter – sondern die Retter*innen
Während bewaffnete libysche Akteure Rettungsschiffe angreifen, werden zivile Seenotretter*innen in Europa kriminalisiert.
Schiffe werden festgesetzt, NGOs mit Verfahren überzogen und Crews systematisch behindert. Italien weist Rettungsschiffen regelmäßig weit entfernte Häfen zu, wodurch sie tagelang aus dem Einsatz genommen werden.

Die Botschaft ist eindeutig:
Zivile Seenotrettung ist politisch unerwünscht.

Dabei schließen Organisationen wie Sea-Watch oder SOS Humanity lediglich eine Lücke, die europäische Staaten bewusst geschaffen haben. Denn staatliche Seenotrettung wurde in den vergangenen Jahren massiv zurückgefahren. 2025 stellte das Auswärtige Amt die Förderung der zivilen Seenotrettung ganz ein, bereits zugesagte Förderungen wurden zurückgezogen.

Gleichzeitig werden Schutzsuchende immer gefährlichere Routen aufgezwungen.
Das Sterben im Mittelmeer ist deshalb keine „Tragödie“, die einfach passiert.
Es ist die direkte Folge politischer Entscheidungen.
Menschenrechte enden nicht an Europas Außengrenzen

Für uns als Seebrücke Bochum ist klar:

Seenotrettung ist keine Straftat.
Menschenrechte gelten universell.
Kein Mensch ist illegal.

Wir fordern:

  • sichere und legale Fluchtwege,
  • ein Ende der Kooperation mit der sogenannten libyschen Küstenwache,
  • die Entkriminalisierung ziviler Seenotrettung,
  • eine staatlich organisierte europäische Seenotrettung,
  • ein Ende der europäischen Abschottungspolitik.

Das Mittelmeer darf nicht länger Europas Massengrab bleiben.

Werdet aktiv – gemeinsam mit uns

Die Seebrücke Bochum setzt sich auch in Bochum gegen Abschottungspolitik und für sichere Fluchtwege ein.
Wir treffen uns jeden zweiten Donnerstag im Monat ab 19 Uhr im Botopia.
Folgt uns außerdem in den Sozialen Medien – dort informieren wir über kommende Aktionen, Veranstaltungen und unsere in Kürze startende Online-Kampagne zur Situation im Mittelmeer.
Denn Solidarität darf nicht an Europas Grenzen enden.

Ihr könnt auch aktiv werden, indem ihr Schreiben an Politiker*innen der EU und der Bundesregierung schickt:

Sehr geehrte / sehr geehrter xyz,

das Mittelmeer ist zur tödlichsten Grenze Europas geworden. Tausende Menschen sterben jedes Jahr bei dem Versuch, Schutz und Sicherheit zu erreichen. Bereits die ersten Monate des Jahres 2026 zählen laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) zu den tödlichsten seit Beginn der Erfassung.

Dieses Sterben ist keine Naturkatastrophe. Es ist die Folge politischer Entscheidungen.

Während Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, investiert die Europäische Union Milliarden in Abschottung, Grenzüberwachung und Militarisierung. Die europäische Grenzschutzagentur Frontex wurde massiv aufgerüstet, während sichere Fluchtwege weiterhin fehlen und staatliche Seenotrettung weitgehend abgebaut wurde.

Besonders alarmierend ist die fortgesetzte Zusammenarbeit der EU mit der sogenannten libyschen Küstenwache. Internationale Organisationen, Journalist*innen und Menschenrechtsgruppen dokumentieren seit Jahren schwerste Menschenrechtsverletzungen, Gewalt, Folter und Verbindungen zu bewaffneten Milizen.

Trotzdem finanziert und unterstützt die Europäische Union weiterhin Akteure, die Schutzsuchende gewaltsam nach Libyen zurückbringen – in Lager, in denen systematisch unmenschliche Bedingungen herrschen.

Besonders erschütternd sind die wiederholten Angriffe auf zivile Seenotrettungsorganisationen. Erst im Mai 2026 berichtete die Sea-Watch 5 von Schüssen bewaffneter libyscher Einheiten auf ihr Rettungsschiff in internationalen Gewässern. Dass von der EU unterstützte Kräfte auf zivile Rettungsschiffe schießen, ist ein politischer und humanitärer Skandal.

Gleichzeitig werden nicht die Verantwortlichen für diese Gewalt zur Rechenschaft gezogen, sondern jene kriminalisiert, die Menschenleben retten.

Wir fordern Sie deshalb auf:

  • schaffen Sie sichere und legale Fluchtwege nach Europa,
  • beenden Sie die Finanzierung und Zusammenarbeit mit der sogenannten libyschen Küstenwache,
  • setzen Sie sich für die Entkriminalisierung ziviler Seenotrettung ein,
  • fördern und unterstützen Sie zivile Seenotrettungsorganisationen dauerhaft,
  • etablieren Sie eine staatlich organisierte europäische Seenotrettung,
  • stoppen Sie die weitere Militarisierung und Abschottung der europäischen Außengrenzen.

Menschenrechte dürfen nicht an Europas Außengrenzen enden.

Europa steht in der Verantwortung, Menschenleben zu schützen – nicht Schutzsuchende mit Gewalt fernzuhalten.

Mit freundlichen Grüßen«