Sonntag 10.05.26, 16:32 Uhr
Gedenkrundgang am Tag der Befreiung am 8. 5. 2026 in Bochum

Redebeitrag von Dennis Huy und Sebastian Cramer, DGB Jugend Bochum


Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg

Sebastian:
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde,
wir stehen heute hier am 8. Mai – dem Tag der Befreiung.
Vor 81 Jahren endete die nationalsozialistische Terrorherrschaft. Für Millionen Menschen bedeutete dieser Tag das Ende von Krieg, Verfolgung, Konzentrationslagern und Zwangsarbeit.
Der 8. Mai erinnert uns aber nicht nur an das Ende des Nationalsozialismus. Er erinnert uns auch daran, wie schnell Demokratie verloren gehen kann.
Und genau deshalb stehen wir heute als Gewerkschaftsjugend hier.
Denn Gewerkschaften waren für die Nazis von Anfang an Feinde.
Warum? Weil freie Gewerkschaften für Solidarität stehen. Für Mitbestimmung. Für gleiche Rechte. Für die Idee, dass Menschen gemeinsam stärker sind als Angst und Spaltung.

Dennis:
Die Nationalsozialisten kamen nicht plötzlich an die Macht.
Sie nutzten wirtschaftliche Krisen, soziale Unsicherheit und Abstiegsängste aus. Sie suchten Schuldige. Sie spalteten Menschen gegeneinander. Und sie behaupteten, nur sie allein würden „das Volk“ vertreten.
Zu ihren Gegnern gehörten deshalb sehr früh: freie Gewerkschaften, Demokratinnen und Demokraten, Sozialistinnen und Sozialisten, Kommunistinnen und Kommunisten.
Denn unabhängige Organisationen standen ihrem Machtanspruch im Weg.
Am 1. Mai 1933 inszenierten die Nazis noch den sogenannten „Tag der nationalen Arbeit“. Doch nur einen Tag später – am 2. Mai 1933 – wurden die freien Gewerkschaften zerschlagen.
Allein der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund hatte damals rund 8 Millionen Mitglieder und war die größte Gewerkschaftsorganisation der Welt.
Gewerkschaftshäuser wurden besetzt. Funktionärinnen und Funktionäre verhaftet, misshandelt und ermordet. Tausende Gewerkschafter kamen in Haft.
Auch hier in Bochum stürmte die SA Gewerkschaftshäuser und besetzte Einrichtungen der Arbeiterbewegung.
Was blieb, war keine Interessenvertretung der Beschäftigten mehr – sondern Kontrolle, Einschüchterung und Angst.

Sebastian:
Mit der Zerschlagung der Gewerkschaften verloren Beschäftigte jede unabhängige Vertretung ihrer Interessen.
Das hatte auch massive Folgen für die Arbeitswelt im Nationalsozialismus.
Millionen Menschen wurden unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen. Mehr als 13 Millionen Menschen aus den besetzten Ländern Europas mussten im Deutschen Reich Zwangsarbeit leisten.
Auch das Ruhrgebiet und Bochum waren davon betroffen.
In der Industrie, auf Zechen und in Rüstungsbetrieben arbeiteten verschleppte Menschen unter brutalen Bedingungen – oft bewacht, entrechtet und ausgebeutet.
Viele starben an Hunger, Krankheit, Gewalt oder den Folgen der Arbeit.
Gerade hier in Bochum erinnern heute noch Gräber und Gedenkorte an Opfer der Zwangsarbeit und des Nationalsozialismus.
Und genau deshalb ist Erinnerung wichtig: Weil hinter jeder Zahl ein Mensch stand.

Dennis:
Und trotzdem gab es Widerstand.
Auch Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter leisteten Widerstand gegen das NS-Regime. Sie organisierten sich heimlich, verbreiteten Informationen und unterstützten Verfolgte.
Viele bezahlten dafür mit ihrem Leben.
Der Bochumer Gewerkschafter und Betriebsrat Alfred Jurke wurde wegen seines Widerstandes 1942 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Er steht stellvertretend für viele Menschen, deren Namen heute kaum noch bekannt sind – die aber den Mut hatten, nicht zu schweigen.
Gerade an einem Ort wie diesem sollten wir daran erinnern: Die Opfer waren keine abstrakten Zahlen.
Es waren Kolleginnen und Kollegen. Nachbarn. Freundinnen und Freunde.

Sebastian:
Nach 1945 begannen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter direkt wieder mit dem demokratischen Wiederaufbau.
Die Lehre aus Faschismus und Krieg war klar:
Nie wieder dürfen Menschen gegeneinander ausgespielt werden. Nie wieder dürfen Beschäftigte entrechtet werden. Nie wieder darf Demokratie zerstört werden.
Deshalb entstanden Mitbestimmung, Tarifautonomie und starke Gewerkschaften nicht zufällig – sie wurden aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus heraus erkämpft.

Dennis:
Und genau deshalb reicht Erinnerung allein nicht aus.
Die Frage ist: Was bedeutet der 8. Mai heute?
Denn auch heute erleben wir wieder rechte Hetze, Angriffe auf demokratische Institutionen und Versuche, Menschen gegeneinander auszuspielen.
Und wir erleben Angriffe auf Gewerkschaften und politische Bildung.
Die AfD stellt sich offen gegen Mindestlohn, Tarifbindung und Mitbestimmung. Gleichzeitig greift sie Gewerkschaften und Jugendverbände an – auch uns als DGB Jugend.
Uns wird vorgeworfen, wir seien „nicht neutral“.
Aber dazu gehört eine klare Antwort:
Demokratie ist nicht neutral gegenüber Menschenfeindlichkeit. Gewerkschaften sind nicht neutral, wenn Beschäftigte ausgegrenzt oder gegeneinander ausgespielt werden.
Und Erinnerungskultur ist nicht neutral gegenüber Faschismus.

Sebastian:
Vielleicht sollten wir uns deshalb gerade heute eine einfache Frage stellen:
Was passiert eigentlich, wenn Menschen aufhören, sich einzumischen? Wenn Solidarität verloren geht? Wenn demokratische Kräfte schweigen?
Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Aber sie zeigt, wie gefährlich Gleichgültigkeit sein kann.

Dennis:
Der 8. Mai bleibt deshalb ein Auftrag:
Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg. Nie wieder Ausbeutung und Menschenverachtung. Und nie wieder wegsehen.
Solidarität statt Ausgrenzung.
Vielen Dank.