Samstag 02.05.26, 11:58 Uhr
Vorabenddemo "Den Zuständen keine Ruhr" am 30. 4. 26 in Witten

Redebeitrag eines „Arbeiterkindes“*


Ich stehe heute hier als Arbeiterkind. Und ich sage das nicht, weil es auf einem Plakat gut aussieht, sondern weil es meine Realität ist. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man am Küchentisch sitzt und vom verschimmelten Brot die Ränder abschneiden muss, damit man überhaupt etwas im Magen hat. Ich weiß, wie es ist, wenn man die Wohnung, in der man aufgewachsen ist, verlassen muss, weil sie dem Amt plötzlich ein paar Quadratmeter zu ‚groß‘ ist.


Und während wir um jeden Quadratmeter kämpften, kauft sich ein Jens Spahn in Berlin eine 4-Millionen-Villa – und niemand schreit auf! Ich bin so scheiße sauer auf dieses System und auf jeden, der immer noch behauptet, das sei alles gerecht.
Ich bin stolz auf meine Eltern, die sich den Rücken krumm geschuftet haben. Denn ihr Fleiß ist es, der den Reichtum derer da oben überhaupt erst möglich macht. Ein Reichtum, von dem weder sie noch sonst jemand hier unten jemals etwas sehen wird.

2.
Wisst ihr, was es heißt, 13.000 Euro im Monat zu verdienen? Ich auch nicht. Aber ich weiß, was es heißt, wenn Kinder heute noch zur Arche oder zur Tafel müssen. Ich kenne das Gefühl an der Kasse, wenn das restliche Geld nicht reicht und man im Erdboden versinken will. Ich weiß, wie es ist, wenn die Familie an Weihnachten und Geburtstagen arbeiten muss, während andere feiern.
Ich habe mich immer geschämt, als die Lehrerin vor der versammelten Klasse fragte, wer die Reise nicht bezahlen kann. Weil Miete und Medizin nun mal wichtiger sind als eine Reise ans Meer. In diesem Land entscheiden nicht dein Fleiß oder dein Talent über deine Zukunft, sondern dein Elternhaus. Und das ist die größte Lüge unserer Zeit!

3.
Aber ich stehe auch hier, um Danke zu sagen. Ich möchte all denen danken, die ehrenamtlich oder in Lohnarbeit Leuten wie mir geholfen haben und Betroffenen immer noch helfen. Ein Friedrich Merz wird sich nie bedanken, deswegen mache ich es umso mehr von Herzen. Danke an die Kassiererinnen und Kundinnen, die mir damals die restlichen Cents gegeben haben, damit ich den Einkauf mitnehmen konnte.
Danke an die Lehrerinnen, die zweimal hinschauen, wenn ein Kind kein Pausenbrot dabei hat.
Und vor allem: Danke an meine migrantischen Freundinnen und ihre Familien. Ihr wart damals die Einzigen, die wirklich hingesehen haben. Ihr habt mir gezeigt, was es heißt, füreinander einzustehen, wenn das System einen ignoriert. Wir waren vielleicht nicht alle in der gleichen Lage, aber wir standen an derselben Front gegen eine Politik, die uns nicht einbezogen hat.
Aber ich muss heute ehrlich zu euch sein: Jene Leute, die mir damals zur Seite standen, sind nicht die, die heute in Parlamenten sitzen. Es waren die Kinder von Arbeitsmigrant*innen. Sie haben mich aufgenommen und unterstützt – und dabei hatte ich absolut keine Ahnung von ihren heftigen Geschichten und Erfahrungen. Zu oft habe ich Gelegenheiten ignoriert, mich für sie einzusetzen, und zu oft habe auch ich sie in Schubladen gesteckt.
Ich habe erst viel zu spät gesehen, dass dieser Hass genau das Werkzeug ist, mit dem sie uns gegeneinander aufhetzen, damit wir nicht gemeinsam nach oben schauen und uns wehren. Es tut mir von ganzem Herzen leid. Wir sind eine Klasse, und wir dürfen uns nie wieder spalten lassen!

4.
Diese Verbundenheit, von der ich spreche, kam damals nicht aus Büchern. Sie kam von anderen Arbeiterkindern. Von jenen, deren Eltern alles hinter sich gelassen hatten – ihr soziales Umfeld, ihre Freunde, ihre vertraute Heimat und ihre eigene Familie. Nicht, weil sie so gerne für den deutschen Reichtum schuften wollten, sondern weil dieses globale System ihnen keine Wahl ließ.
Sie sind hergekommen, um uns ein Leben zu ermöglichen, während sie selbst in den Mühlen des Kapitalismus zerrieben wurden. Dieser Mut, diese pure Liebe zu den eigenen Kindern ist stärker als jedes Gesetz und jeder Profit!
Und während wir diesen Menschen unseren tiefsten Respekt aussprechen, zeigt uns die deutsche Politik jeden Tag ihre Verachtung. Ihre Probleme wurden nie ernst genommen, zu oft wurden sie ausgegrenzt, und noch immer möchte die BRD den physischen und psychischen Schaden, den sie angerichtet hat, nicht anerkennen – und vor allem nicht aufarbeiten. Sie lässt sie systematisch im Stich, weil sie Menschen nur als verwertbares Material betrachtet.
Ich möchte diesen Platz nutzen, um Zeugnissen Raum zu geben, die zeigen, wie sie uns heute immer noch ausbeuten und gegeneinander aufhetzen:
Hier nun einige Aussagen von Arbeiterkindern. Ich möchte nicht für sie sprechen, sondern ihnen in einem anonymisierten Umfeld einen sicheren Ort geben, um von ihren Erfahrungen zu berichten.

• A. berichtet vom Verrat:
„Meine Eltern haben ihre Gesundheit in deren Fabriken gelassen. Jetzt, wo sie nicht mehr „nützlich“ für den Markt sind, werden sie weggeworfen. Die Politik schaut auf sie herab, als wären sie eine Last. Aber wir vergessen nicht: Ohne ihre Knochenarbeit gäbe es diesen ganzen Reichtum da oben gar nicht!“

• S. sagt über die Spaltung:
„Die Politiker im Fernsehen lügen uns an. Sie sagen dem deutschen Arbeiter: „Der Migrant nimmt dir den Kitaplatz weg.“ Aber die Wahrheit ist: Es gibt keine Kitas, weil sie das Geld lieber in Waffen und Privatjets stecken! Sie instrumentalisieren das Schicksal meiner Eltern, um uns unten gegeneinander aufzuhetzen, damit wir nicht merken, wer uns wirklich die Taschen leer macht.„

• Sara berichtet vom Überlebenskampf: ‚Ich arbeite in der Pflege, genau wie meine Mutter. Wir sehen jeden Tag, dass Profit mehr zählt als Menschenleben. Die Politik lässt uns bewusst im Stich und hält uns mit Bürokratie klein, damit wir keine Kraft haben, uns gegen die miesen Bedingungen zu wehren.‘

• T. über das Ausspielen: „Die Drohung mit Abschiebung ist die schärfste Waffe der Bosse. Wer Angst hat, muckt nicht auf. Wer Angst hat, streikt nicht. Sie halten uns rechtlos, um den Lohn für uns ALLE zu drücken. Unsere Unsicherheit ist ihr Gewinn. Das ist das hässlichste Gesicht dieses Systems!„

• Und schließlich O.: „Wir lassen uns das nicht mehr gefallen. Wir wissen, dass ein Friedrich Merz oder ein Christian Lindner noch nie im Leben einen Finger krumm gemacht haben für andere. Die kennen nur Zahlen, wir das Leben – und vor allem kennen sie uns nicht. Sie unterschätzen uns. Sie wollen uns weismachen, dass unsere Herkunft uns trennt – aber unser gemeinsamer Kampf gegen diese Ausbeutung schweißt uns zusammen!„

Wir sagen heute ganz deutlich: Wir lassen uns nicht mehr spalten! Wir schulden diesem Staat und diesem System gar nichts. Wir schulden uns gegenseitig alles! Wir ehren das Opfer unserer Eltern nicht durch noch mehr Arbeit, sondern durch unseren gemeinsamen Widerstand. Wir sind eine Klasse, und wir holen uns zurück, was uns zusteht!

5.
Wenn wir diese Stimmen nicht ernst nehmen, haben wir schon verloren. Denn draußen wartet ein Friedrich Merz, der von ‚kleinen Paschas‘ spricht und sich ins Fäustchen lacht, während er die Reichen noch reicher macht.
Genau deshalb kämpfen wir im Hinterland! Es bringt nichts, nur in den Metropolen zu laufen. Der Faschismus wächst in den Vororten, in Letmathe, wo sich Rechte regelmäßig in Ruhe treffen können, in kleinen Vereinen, Dörfern oder Gemeinden. Dort bereiten sich Rechte ganz offen auf ihren ‚Tag X‘ vor.
Wenn Neonazis offen über Deportationen fantasieren, dann zählt jeder einzelne Mensch hier – heute Abend und morgen auf den Straßen. Wir dürfen diesen Boden nicht denen überlassen, die unseren Frust über das System in Hass verwandeln wollen. Wir stellen uns ihnen entgegen – genau hier, in unseren Straßen!

6.
Morgen ist der 1. Mai.
Wir gehen raus für alle Arbeiterkinder, denen an der Kasse das Geld fehlt.
Wir gehen für die migrantischen Kolleginnen und Kollegen, denen wir unendlich viel zu verdanken haben und die diese Politik im Stich lässt! Wir gehen für Sara, T., O., S. und A., weil wir ihren Kampf zu unserem Kampf machen.
Wir gehen für unsere Eltern, die sich kaputt gearbeitet haben.
Für unsere Zukunft, in der das Wort Rente nur noch ein Platzhalter ist. Und wir gehen gegen Typen wie Merz, die uns von oben herab belehren wollen, auf die Straße! Die mich so wütend machen, dass ich solchen Leuten am besten nie begegnen werde.
Bringt eure Wut mit, bringt eure Erfahrungen mit! Wir lassen niemanden allein – nicht im Antifaschismus und nicht in der Nachbarstraße. Und vor allem nicht bei unseren Demos!

The people united will never be defeated!“

* Die Rede wurde – wie unschwer erkennbar – nicht von einem Kind, sondern einer erwachsenden Person gehalten.