Freitag 20.02.26, 18:55 Uhr
Gedenkveranstaltung zum 6. Jahrestags des rassistischen Anschlags in Hanau

Redebeitrag von Miman Jasharovski


Heute sind wir zusammengekommen, um zum sechsten mal der Opfer von Hanau zu gedenken. Explizit erwähnen möchte ich Ibrahim Akush. Er stellt nun das zehnte Opfer von Hanau dar. Wisst ihr, ich höre immer, „Hanau ist überall“. Und ich verstehe absolut, was damit gemeint ist. Es soll zum Ausdruck gebracht werden, dass so etwas über all passieren kann. Aber geographisch betrachtet ist Hanau in Hanau. Und gar nicht so nah hier. Doch wisst ihr, was ganz in der Nähe ist?

Dormagen. Dort wurde der 14-jährige Yosef ermordet. Von einem 12-jährigen, bei dem immer klarer wird, dass er doch einen rassistischen Hintergrund hatte. Nicht durch Staatsanwaltschaft oder Polizei ermittelt, sondern von Socialmedia Aktivis*innen, die selbst Nachforschungen betreiben. Sein Alter soll ihn vor Strafe schützen. Wer schützt unsere Kinder vor ihm?

Auch ganz in der Nähe ist Dortmund. Dort wurde der 15-jährige Mohammad von einem Polizisten regelrecht hingerichtet. Einige Tage nach dem Freispruch des Mörders wurde er zum Beamten auf Lebenszeit ernannt.

Auch nah ist Krefeld. Dort starben 2019 zwei Menschen bei einem Brandanschlag. Ermittlungen wurden eingestellt – trotz rechter Verdächtiger.

Ebenfalls nah ist Solingen. Wir sind wir noch gar nicht über den Angriff auf die Familie Genc hinweggekommen, da passierte 2023 der nächste Brandanschlag. Eine 4-köpfige Familie starb. Eine weitere, 3-köpfige Familie überlebt schwer verletzt, weil sie sich mit samt Baby aus dem Fenster warf. 3 Monate später, ein weiterer Brandanschlag in Solingen. Verletzte, keine Toten. Öffentliches Interesse daran – null. Der Täter von Solingen wurde verurteilt, aber seine rechte Gesinnung wurde vehement von der Staatsanwaltschaft verneint, klein geredet und ins Lächerliche gezogen.

Ich könnte ewig so weiter machen, aber ich möchte lieber über uns reden. PoC’s. Die, die nie dazu gehören sollten, oder sollen. Egal seid wie vielen Jahren oder Generationen sie auch hier sind. Die, die immer gefragt werden, wo sie denn herkommen, als Ausdruck der Ablehnung ihrer Zugehörigkeit.

Wie wollen wir damit umgehen? Wollen wir weiter unsere Unterschiede in den Vordergrund stellen? Jeder für sich, und keiner für keinen? Oder wollen wir uns endlich in unserer Unterschiedlichkeiten würdigen, doch in der tiefen Erkenntnis, dass wir zusammengehören, weil wir im selben Boot sitzen.

Denn es mag sein, dass es heute hauptsächlich schwarze Kinder sind die erschossen, abgestochen und totgeprügelt werden. Oder dass es heute vor allem Rom*nija sind, die im Schlaf verbrannt werden. Oder dass es vor allem gläubige Musliminnen sind, die auf offener Straße beschimpft, bespuckt und geschlagen werden. Aber ich sag euch Freund*innen, heute die und die ihren. morgen du und die deinen.

Wisst ihr, liebe Freund*innen, ich wurde, so wie viele von uns, in weißen, linken und autonomen Räumen geprägt. Und für die meisten dieser Räume empfinde ich immer noch tiefsten Respekt und Verbundenheit. Aber ich empfinde auch Dankbarkeit für die unter ihnen, die uns sagen wollten, welcher Antirassismus wichtig ist, und welcher nicht. Welche Diskriminierung Beachtung verdient und welche rigoros ignoriert wird. Die, die selektiven Antirassismus betreiben. Sie haben mich zu der Erkenntnis gebracht, die ich heute ganz klar vertrete.

In diesen weißen Räumen ist es totschick, so Sachen zu sagen, wie, „bildet Banden!“ Wir sollten besser nicht davon reden, dass wir Banden bilden wollen. Ihr wisst genau warum, das muss ich nicht erklären.

Aber genau das ist es, was wir brauchen. Sichere Räume, in denen wir in Massen zusammenkommen können, um unsere Zugehörigkeit zueinander zu proben und zelebrieren können. In denen wir unverhohlen das aussprechen können, was uns belastet und uns unsere Herzen schwer macht. In denen wir unsere Wut rauslassen und teilen können, nur um uns gegenseitig aufzufangen, zu trösten und zu stärken. In denen wir entscheiden, was Integration ist, und wo geforderte Assimilierung anfängt. Wo wir darüber reden wollen, was unser Platz in dieser Gesellschaft ist, und wie wir dorthin kommen.

Und wenn wir uns darüber im Klaren sind, werden wir nach Außen treten. Und die in dieser Gesellschaft, die wirklich unsere Freunde und auf unserer Seite sind, werden das verstehen und uns darin unterstützen und bestärken. Alles andere ist nur Sand, den sie uns in die Augen streuen.

Also, yallah, Brüder und Schwestern. Ajde, bildet Banden. 161 für immer.