Liebe Mitmenschen,
Wie wollen wir erinnern?
Am 19. Februar 2020 erschoss ein Attentäter in Hanau neun Menschen aus rassistischen
Motiven. Auch İbrahim Akkuş, der angeschossen wurde, starb in diesem Jahr an den Spätfolgen.
Neun Namen. Jetzt zehn. Zehn Leben.
Wie wollen wir erinnern?
Erinnern heißt, nicht zu vergessen, doch wie verhält sich das zu Hanau?
200 Meter weiter ist die Brüderstraße. Dort sitzen Menschen, die aufgrund ihres Aussehens
nicht in Clubs kommen, für die Shisha Cafés letzte Zufluchtsorte sind.
Hanau war kein „Einzelfall“ bedeutet, dass wir auch an Zusammenhänge erinnern.
Nicht einmal 14 Jahre vor Hanau flog der NSU auf , während Behörden versagten.
In den 1990er-Jahren brannten Unterkünfte, Menschen wurden auf offener Straße mit
Baseballschlägern gejagt.
Und als mein Opa Ende der 60er hierher kam sprach man in Bezug zu Gastarbeitern vom
„Ausländerproblem“.
Nicht mal 30 Jahre nach der Schoah.
Erinnern heißt auch, diese Linien zu sehen.
Rassismus hat in der Geschichte der Bundesrepublik eine Kontinuität.
Er verändert seine Begriffe – aber nicht immer seine Logik.
Aus „Ausländerproblem“ wird „Überfremdung“.
Aus „Flüchtlingswelle“ wird „Remigration“.
Aus einer legal erworbenen Waffe feuert jemand, zehn Menschen sterben und es trifft uns
alle.
Wie wollen wir erinnern?
mit Kerzen? mit Kränzen?
„Say their names“ – ja, das gehört dazu.
Zusammenstehen, uns Kraft Schenken gehört dazu. Aber reicht das?
Erinnern heißt auch, die Strukturen anzuschauen und sie zu verändern.
In der Nacht des Anschlags versuchte ein Opfer mehrfach, den Notruf zu erreichen.
Polizeiberichte bestätigten später Fehler in der Tatnacht.
Auch das gehört zur Erinnerung.
Rassismus ist ein ein Prozess.
Er zeigt sich auch im Lehrer, der sagt:
„Leute wie du schaffen kein Abitur.“
Im Kommentar über das „Stadtbild“.
Es sind diese kleinen und großen Verschiebungen, die Zugehörigkeit markieren.
Die fragen: Bist du wirklich Teil von uns?
Ich habe als Jugendlicher viel Zeit in Shisha-Bars verbracht.
Weil es oft die Orte waren, an denen wir sein konnten.
Seit Hanau kann ich an keiner Shisha-Bar vorbeigehen, ohne zu denken: Hier hätte es
auch passieren können.
Seit Hanau ist ein Kiosk nicht nur ein Kiosk.
Ist das Erinnern?
Erinnerung ist auch ein gesellschaftliches, kollektives Gefühl.
Ein Wissen darum, dass Sicherheit nicht für alle gleich verteilt ist.
Erinnerung stellt Fragen:
Wer schützt wen? Wessen Angst wird ernst genommen?
Wir stehen heute hier, weil wir nicht vergessen wollen.
Aber Erinnern darf nicht am 19. Februar enden. Es muss Konsequenzen haben.
Wir dürfen nicht mehr tatenlos zusehen,
Wir müssen immer noch müde nach unserem Alltag geradestehen,
weil es um unser Leben geht. Es reicht nicht, dass wir erinnern, wie das unsere Elterngeneration
gelernt hat.
Erinnern ist unseren Kindern beizubringen, was es heißt Widerstand zu leisten, im Kleinen
zu rebellieren, den Mund aufzumachen
und dafür zu sorgen, dass wir gemeinsam stehen, dass sich Hanau nicht wiederholt.
Erinnern heißt, die Würde der Ermordeten zu verteidigen –
indem wir Widerspruch leisten, wenn Rassismus verharmlost wird.
Indem wir nicht schweigen, wenn Grenzen des Sagbaren weiter nach rechts verschoben
werden.
Wie wollen wir erinnern?
So, dass sich niemand mehr fragen muss,
ob er hier dazugehört.
So, dass ein Shisha-Café einfach ein Café ist.
Ein Kiosk einfach ein Kiosk.
Und ein Name einfach ein Name. Kein Ziel