Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,
mein Name ist Sebastian Cramer, ich bin Jugendbildungsreferent beim Deutschen Gewerkschaftsbund NRW und zuständig für die DGB-Region Ruhr-Mark. Ich freue mich, heute hier an der Ruhr-Universität Bochum zu sprechen – nicht nur über Tarifforderungen, sondern eben auch über die grundsätzliche Frage, wie wir Arbeit, Solidarität und politische Verantwortung in unserer Gesellschaft verstehen.
Wir müssen uns fragen: Was ist uns unser Gemeinwesen, unsere Daseinsvorsorge und die Arbeit jener wert, die sie täglich organisieren? Was ist uns Forschung und Lehre wert und die Fachkräftesicherung von Morgen?
Und wollen wir eine Gesellschaft, in der diese Arbeit nicht angemessen gewürdigt und abgesichert ist?
Wir stehen in einer Tarifrunde, in der es um Gerechtigkeit, Anerkennung und die Zukunft unseres Gemeinwesens geht. Es geht nicht nur um Lohnprozente – es geht darum, wie wir Solidarität und Wertschätzung organisieren. Sei es im Gesundheitswesen, in den Verwaltungen, in Forschung und Lehre oder bei den studentischen Beschäftigten, die wichtige Arbeiten an den Hochschulen leisten.
In den letzten Monaten hören wir immer wieder politische Aussagen, die suggerieren, Beschäftigte müssten „mehr arbeiten“, seien „zu oft krank“ oder lebten in einer Freizeitblase. Diese Narrative dienen dazu, von politischem Versagen der letzten Jahrzehnte abzulenken – von fehlender Personalplanung, von unzureichender Bezahlung, von kaputten Strukturen.
Die Realität zeigt etwas ganz anderes:
Laut Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) haben Arbeitnehmer*innen in Deutschland im Jahr 2024 rund 1,2 Milliarden Überstunden geleistet – das entspricht mehr als 750.000 Vollzeitstellen.
Und: 53,6 % dieser Überstunden wurden nicht bezahlt. Das zeigt, dass Arbeit nicht zu wenig, sondern oft über das Leistbare hinaus und unbezahlt geleistet wird.
Auch die Debatte um „Work‑Life‑Balance“ in Teilzeit greift zu kurz. Viele Menschen arbeiten Teilzeit nicht freiwillig, sondern weil:
- Betreuung für Kinder oder Pflege fehlt,
- Vollzeitangebote nicht verfügbar sind,
- oder weil nach einer Phase der Teilzeit kein Übergang in Vollzeit ermöglicht wird.
Minijobs sind vielerorts kein Traumjob, sondern Ausdruck von unsicheren Beschäftigungsverhältnissen. Diese strukturellen Probleme sind politisch verursacht, nicht Ausdruck mangelnder Arbeitsbereitschaft.
Deshalb ist diese Tarifrunde auch ein Moment der Solidarität über verschiedene Gruppen hinweg. Studentische Beschäftigte sind heute bundesweit aktiv für den Tarifvertrag TV Stud – einen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte.
Heute finden bundesweit und in NRW Aktionstage statt, um bessere Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und einen bundesweiten Tarifvertrag durchzusetzen.
Auch hier an der Ruhr-Universität Bochum setzen wir ein Zeichen – und gleichzeitig zeigen andere Städte, dass der Druck auf die Tarifgemeinschaft deutscher Länder wächst. So finden zum Beispiel in Düsseldorf, Wuppertal und Paderborn Demonstrationen und Streiks statt.
Im Fokus stehen existenzsichernde Löhne (TV-L + TV Stud), ein Ende der Befristungen und unbezahlter Überstunden sowie die Einbeziehung studentischer Beschäftigter in Tarifverträge.
Was hier tariflich gefordert und durch Aktionen unterstrichen wird, ist nicht nur für die Studierenden relevant, sondern für alle Beschäftigten, die sich auf Tarifverträge verlassen, um faire Arbeitsbedingungen durchzusetzen.
Die politischen Angriffe auf Arbeitnehmer*innen – sei es durch falsche Narrative oder das Leugnen realer Arbeitsbedingungen – spalten unsere Gesellschaft. Wenn Beschäftigte gegeneinander ausgespielt werden, wenn einzelne Gruppen für Probleme verantwortlich gemacht werden, die politisches Versagen und strukturelle Ungleichheiten verursacht haben, dann gefährdet das unsere Demokratie.
Eine demokratische Gesellschaft braucht Solidarität, Respekt und Anerkennung von Leistung – nicht Spaltung, nicht Schuldzuweisungen.
All das zeigt: Jetzt ist die beste Zeit, Mitglied in einer Gewerkschaft zu werden.
Denn nur gemeinsam können wir uns gegen diese Tendenzen wehren, für gute Tarifverträge kämpfen und ein solidarisches Miteinander aufrechterhalten.
Gemeinsam sind wir stark.
Gemeinsam können wir Druck machen, damit Politik und Arbeitgeber sich bewegen.
Gemeinsam können wir eine starke, gerechte Arbeitswelt erkämpfen und jene Solidarität leben, die unsere Gesellschaft zusammenhält.
Glück auf!