Sonntag 07.11.21, 19:03 Uhr
Redebeitrag auf der Demonstration am 6. November 2021 anlässlich des 10. Jahrestags der Selbstentarnung des NSU

Opferbiografien


ENVER ŞIMŞEK ist das erste Opfer des NSU. Der 38-Jährige wurde am 9. September 2000 vor seinem Blumenstand in Nürnberg mit acht Schüssen aus zwei verschiedenen Waffen niedergeschossen. Zwei Tage kämpfte er in einem Krankenhaus um sein Leben und erlag schließlich am 11. September seinen schweren Verletzungen. Enver ŞIMŞEK immigrierte 1985 aus der Türkei und baute zusammen mit seiner Frau einen Blumengroßhandel auf. Er war Vater von zwei Kindern, Semiya und Abdulkerim. Seine Tochter Semiya sagte später bei einer Gedenkveranstaltung, sie habe elf Jahre lang „nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein“ dürfe. Hiermit bezog sie sich auf die Ermittlungen, die bis zur Selbstenttarnung des NSU die Täter*innen in der Familie ŞIMŞEK vermutete und Rassismus als Tatmotiv konsequent ausblendete.

ABDURRAHIM ÖZÜDOĞRU wurde am 13. Juni 2001 ebenfalls in Nürnberg getötet. Nachdem die Täter ihm zweimal in den Kopf geschossen haben, fotografierten sie ihn für ihr späteres Bekennervideo. Der 49-Jährige war im mittelfränkischen Röthenbach an der Pegnitz als Maschinenarbeiter tätig und baute parallel mit seiner Frau eine Schneiderei in der Nürnberger Innenstadt auf. Abdurrahim Özüdoğru hinterlässt eine Tochter, die zum Tatzeitpunkt 16 Jahre alt war. Seine Tochter, so berichten Freund*innen und Verwandte, war sein ganzes Leben. Die Polizei vermutete – ohne Anhaltspunkte hierfür zu haben – Drogenkriminalität und untersuchte die Schneiderei und die Privatwohnung mit Drogenspürhunden. Im Polizeibericht fanden sich abfällige und rassistische Bemerkungen über die Wohnung der Özüdogrus.

SÜLEYMAN TAŞKÖPRÜ kam als Kind aus der Türkei nach Hamburg. Er wurde nur 31 Jahre alt, als er am 27. Juni 2001 nur 2 Wochen nach dem Mord an Abdurrahim Öuüdogru im Lebensmittelladen der Familie aus zwei verschiedenen Waffen erschossen wurde. Sein Vater fand den schwer verletzten Sohn unmittelbar nach der Tat. Süleyman starb kurz darauf. Er hinterließ eine Tochter, die zum Zeitpunkt der Tat erst drei Jahre alt war. Auch hier vermutete die Polizei anhaltslos Drogenkriminalität. Viele Freunde und Bekannte wandten sich damals von der Familie ab, als in den Zeitungen von Drogen und Mafia zu lesen war. Heute hat die Hamburger Bürger*innenschaft sich bei der Familie entschuldigt und eine Straße nach Süleyman TAŞKÖPRÜ benannt. Dennoch ist Hamburg das einzige Bundesland, dass noch keinen NSU Untersuchungsausschuss ins Leben gerufen hat.

HABIL KILIC wurde am 29. August 2001 in dem Obst- und Gemüseladen seiner Frau in München mit zwei Schüssen getötet. Er wurde nur 38 Jahre alt. Zum Zeitpunkt der Tat befand sich seine Ehefrau mit der gemeinsamen 12jährigen Tochter im Urlaub in der Türkei. Habil Kilic wurde von einer Kundin schwer verletzt hinter der Ladentheke gefunden und starb kurz darauf. Die Familie musste das Blut am Tatort selbst beseitigen, eine professionelle Tatortreinigung wurde ihr aus unerfindlichen Gründen nicht geschickt. Die Tochter wurde wenig später mit der Begründung, der Täter könne auch hinter ihr her sein und somit Mitschüler*innen gefährden, von der Schule verwiesen. Auch beim Mord an Habil Kilic wurde Rassismus als Tatmotiv nicht bedacht, die Ermittler*innen vermuteten dieses Mal einen Zusammenhang zur kurdischen Arbeiterpartei PKK oder zur organisierten Kriminalität.

MEHMET TURGUT starb am 25. Februar 2004 durch drei Kopfschüsse vor einem Dönerimbiss in Rostock. Er wurde nur 25 Jahre alt. Mehmet Turgut, von Freunden und Familie „Memo“ genannt, wohnte eigentlich in Hamburg und arbeitete am Tattag spontan als Aushilfe in dem Imbiss seines Freunds. Er war Kurde und hatte in Deutschland Asyl beantragt. Die Polizei ging jahrelang von einem Mord im „Milieu“ aus, eine „Soko Bosporus“ wurde eingerichtet und es wurde u.a. gegen den Betreiber des Imbiss ermittelt. Bereits wenige Tage nach der Tat war in der Pressemitteilung der Polizei zu lesen: „ein ausländerfeindlicher Hintergrund kann derzeit ausgeschlossen werden.“ In den Ermittlungsakten und auch Prozessunterlagen war immer von Yunus Turgut die Rede, seinem in der Tükei lebenden älteren Bruder. Dass es sich bei dem Todesopfer um Mehmet Turgut handelte, wurde nur in den Fußnoten erwähnt. Sein Bruder Yunus wurde von deutschen Ermittler*innen in Verhören mitgeteilt, dass er das eigentliche Opfer eines türkischen Auftragskiller hätte sein sollen.

ISMAIL YAŞAR wurde am 9. Juni 2005 in seinem Nürnberger Dönerimbiss erschossen. Bis zu acht Schüsse wurden auf ihn abgefeuert. Er wuchs im kurdisch-syrischen Grenzgebiet auf und kam 1978 nach Deutschland Er hinterließ seinen Sohn Kerem (damals 15 Jahre alt), seine Tochter Dilek (damals 22 Jahre alt) und seine Stieftochter Deniz. Er wurde 50 Jahre alt. Als sein Tod bekannt wurde, brachen viele Kinder einer nahe dem Imbiss gelegenen Schule in Tränen aus, da sie bei dem als freundlich beschriebenen Mann immer Süßigkeiten gekauft haben. Viele Kinder haben in den Tagen nach dem Mord kleine Briefe, selbst gemalte Bilder sowie Kerzen und Blumen zum Tatort gebracht. Nach diesem Mordfall sprach die Polizei fälschlicherweise offen davon, die bisherigen sechs Opfer könnten „in Verbindung mit türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden“ stehen. In den Medien kam der abwertende Begriff „Döner-Morde“ auf. Übereinstimmende Zeugen*innenaussagen an allen vorangegangenen Tatorten zu zwei kahlgeschorenen, deutsch aussehenden Männern wurden konsequent ignoriert.

THEODOROS BOULGARIDES kam 1973 aus Griechenland mit seiner Familie nach München, wo er Abitur und eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann machte. Boulgarides arbeitete erst bei Siemens und der Deutschen Bahn, dann machte er sich mit einem Schlüsseldienst selbstständig. Boulgarides wurde 41 Jahre alt als er am 15. Juni 2005 in seinem Laden mit 3 Kopfschüssen ermordet wurde. Er hinterließ seine Frau Yvonne und zwei Kinder. Die Polizei ermittelte unter anderem in Richtung Drogendealer, Mafia und Prostitution. Während der Ermittlungen wurde seiner Frau dasselbe Foto einer angeblichen Geliebten gezeigt wie der Ehefrau von ENVER ŞIMŞEK. Durch voreingenommene Ermittlungen und falsche Beschuldigungen in den Medien verlor die Familie nahezu sämtliche sozialen Kontakte. Plötzlich wurde aus dem Opfer Theodoros Boulgarides ein Verdächtiger, und aus dem Mord an ihm wurde Rufmord an seiner ganzen Familie, sagt Angelika Lex, die Rechtsanwältin der Witwe Yvonne Boulgarides: „Man hat ja alles Mögliche unterstellt, ist aber nicht auf das nächstliegende Motiv gekommen, nämlich, dass diese Verbrechen rassistisch motiviert waren.“ Seine Mutter und sein jüngerer Bruder Gavril, für den Theodoros wie ein Vater war, zogen nach dem Mord nach Griechenland zurück, wo sie völlig entwurzelt nicht Fuß fassen konnten.

MEHMET KUBAŞİK erhielt 1991 mit seiner Frau Elif und seiner Tochter Gamze in Deutschland politisches Asyl, weil er als alevitischer Kurde in der Türkei politisch verfolgt wurde. Kubaşık arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter in einem Großhandel und auf dem Bau, machte sich dann nach einem Schlaganfall mit einem Kiosk in Dortmund an der Mallinckrodstrasse selbstständig. 2003 nahm die Familie die deutsche Staatsbürger*innenschaft an. In seinem Kiosk wurde er am 4. April 2006 mit Kopfschüssen ermordet. Mehmet Kubaşık wurde 39 Jahre alt, er hinterließ seine Frau Elif, seine Tochter Gamze und die in Deutschland geborenen Söhne Mert und Ergün. Am Tag nach dem Mord wurden Elif und Gamze von der Polizei abgeholt und mehr als sechs Stunden getrennt voneinander verhört. Auch hier wurde Rassismus als Tatmotiv konsequent ausgeblendet, die Familie nach Verwicklungen ins Drogenmillieu und Verbindungen zur Mafia und PKK befragt.

HALIT YOZGAT wurde nur zwei Tage nach Mehmet Kubaşık mit zwei Kopfschüssen mit derselben Waffe in einem von seiner Familie betriebenen Kasseler Internetcafé getötet. Yozgat war mit nur 21 Jahren das jüngste NSU-Opfer. Sein Vater Ismail war aus der Türkei eingewandert, er selbst wurde in Kassel geboren. Zur Tatzeit befand sich ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes in dem Internetcafé, der bis heute in widersprüchlichen Aussagen bestreitet, von der Tat etwas mitbekommen zu haben. Ein interner Bericht des Verfassungsschutzes zu dem betreffenden V-Mann wurde für 120 Jahre gesperrt. Die nachfolgenden Ermittlungen waren wie die Ermittlungen in den anderen Mordfällen voreingenommen und wurden schlampig durchgeführt. Nach dem Mord an Halit Yozgat organisierten die Angehörigen in Dortmund und Kassel Demonstrationen unter dem Motto „kein 10. Opfer“. Die rassistische Botschaft war angekommen, nur die Ermittlungsbehördern wollten sie nicht erkennen.

MICHÈLE KIESEWETTER ist das letzte bislang bekannte Opfer des NSU. Sie wuchs in Thüringen auf und war begeisterte Biathletin. Später arbeitete sie in Heilbronn als Polizistin. Dort wurde sie am 25. April 2007 im Alter von 23 Jahren auf einem Parkplatz mit einem Kopfschuss getötet. Auch ihr Kollege wurde mit einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt, überlebte aber. Was auf dem Parkplatz passierte, ist bis heute ungeklärt. Obwohl mehrere Zeug*innen Männer mit blutverschmierten Händen in Tatortnähe beschreiben, wird gegen in der Nähe des Tatorts rastende Sinti und Roma ermittelt. In den Polizeiakten wurde rassistisch spekuliert, „Z“ und „N“ hätten die Kollegin Kiesewetter ermordet. Dienstwaffen beider Polizist*innen wurden später bei Mundlos und Böhnhardt in Eisenach gefunden. Beide konnten nach dem Mord in Heilbronn mit Beate Zschäpe noch viereinhalb Jahre unerkannt im Untergrund leben.

Am 9. Juni 2004 explodierte in der Keupstrasse in Köln um 15:56 Uhr ein Sprengsatz mit großer Sprengkraft und 800 Zentimeter langen Zimmermannsnägeln vor einem Friseursalon in der migrantisch geprägten Straße. Mindestens 23 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Unter ihnen Atilla Özer, der von einem Nagel schwer am Kopf verletzt wurde. Atilla Özer erholte sich nie von den Folgen das Anschlags und litt an einer schweren posttraumatischen Störung. Er verstarb 14 Jahre nach dem Anschlag an den Spätfolgen. Seine Witwe kämpft bis heute um Anerkennung. Die Biografie von Atilla Özer steht exemplarisch für die vielen Menschen, die die Anschläge des NSU überlebt haben oder die geliebte Menschen verloren haben, aber deren Leben durch körperliche und seelische Verletzungen nachhaltig aus der Bahn geworfen wurde.