Samstag 03.10.20, 12:03 Uhr
Am 3. Oktober 1980 in der Bergstraße 115

Bochums erste Hausbesetzung 3


Ein Beitrag von Heiko Koch

Am 3. Oktober 1980 besetzte das „Bochumer Rotes-Punkt-Komitee gegen Wohnungsnot, Mietwucher und Bodenspekulation“ das leerstehende Haus Bergstraße 115 (Ecke Freiligrathstraße). Keine Woche später wurde das Gebäude von einer Hundertschaft geräumt und das obwohl die Besetzung symbolisch gemeint war und die Besetzer*innen für denselben Tag ihren Auszug angekündigt hatten.

Bis Mitte Mai 1980 hatte noch das Deutsche Institut für Puppenspiel in der Bergstraße 115 ihren Sitz. Das Gebäude gehörte der Schneider-Bauträgergesellschaft mbH & Co Kg., die das von ihr erworbene Gebäude angeblich abreißen wollte. Die Besetzer*innen aus dem DKP/SDAJ – Spektrum hingegen wollten das Gebäude für Familien und Student*innen als Wohnraum erhalten. Die Schneider-Bauträgergesellschaft erklärte daraufhin, dass sie das Gebäude sanieren und umbauen wolle. Laut der Lokalpresse stellte sie beim Amtsgericht einen Antrag auf Räumung der Bergstraße 115 und – auf Betreiben des Oberstaatsanwalt Rauschendorf – zusätzlich noch auf Hausfriedensbruch.

Die Hausbesetzer *innen hatten zwar angekündigt, das Haus nach einer Pressekonferenz am Mittwoch den 8. Oktober zu räumen, aber die Polizei wollte, so Schutzpolizei-Direktor Theodor Kraushaar, unbedingt die Personalien der Besetzer*innen feststellen und räumte das Haus noch vor dem freiwilligen Auszug der Schüler*innen, Auszubildenden und Student*innen. Ungefähr 100 Polizeibeamte waren unter Polizeioberrat Neuhaus im Einsatz. Sie brachten schließlich das verbliebene Dutzend Besetzer*innen in das Bochumer Polizeipräsidium zur Identitätsfeststellung.

Um diese erste Besetzung in Bochum besser einschätzen zu können, hänge ich hier einen Ausschnitt meiner Master-Thesis aus dem Jahr 2017 über das besetzte Heusnerviertel an. Bevor ich in meiner Abschlussarbeit an der Hochschule zu meinem eigentlichen Forschungsinteresse, dem besetzten Heusnerviertel kam, beschrieb ich darin zunächst die lokale Besetzer*innen-Bewegung, samt der Bewegung für ein Autonomes Kulturzentrum, sowie: 5.4 Studentischer Protest gegen Wohnungslosigkeit, 5.5 Das „Rote Punkt“ – Komitee und die erste Hausbesetzung und 5.6 Die Jugendrevolte `81 in Bochum oder „1 Jahr Garantie“ (aus: Heiko Koch, „Das besetzte Heusnerviertel der 80er Jahre als Laboratorium politischen Aktivismus und präfigurativer Praxis“, Master-Thesis 2017, überarbeitete Fassung, Bochum 2019)

5.4 Studentischer Protest gegen Wohnungslosigkeit

Zu den Leidtragenden der Wohnungsnot gehörten auch die StudentInnen der Bochumer Universität. Zwar wurde das Lehrangebot an der Ruhr-Universität immer größer, an ausreichende StudentInnenwohnheime hatte aber anscheinend niemand gedacht. So war die Wohnungsnot unter StudentInnen 1970 in Bochum schon so groß, dass der AStA um den Forderungen nach Wohnraum Nachdruck zu verleihen am 16. und 17. Oktober eineinhalb Tage ein Zeltlager in der Bochumer Innenstadt aufschlug. (WAZ, 16./17.10.1970) In der DKP-Zeitung „Unsere Zeit“ hieß es: „kampierten des nachts Studentinnen und Studenten in Zelten auf dem Husemannplatz mitten in der Stadt.“ (UZ Nr. 43, 24.10.1970) Und „In einem Flugblatt des AStA fordert die Bochumer Studentenschaft von der Landesregierung mehr Studentenheime und von der Stadtverwaltung Bochums die Freigabe des toten Mietraums.“ Denn schon 1969 hatte der Hauptausschuss der Stadt Bochum beschlossen dass kein Haus, das dem Liegenschaftsamt untersteht, an Studenten vermietet werden darf, aus welchen Gründen auch immer es leerstehen mag. Es ist entweder sofort abzureißen, oder es muss unbewohnt bleiben.“ Auf den bestehenden Leerstand verweisend kommentierte die Autorin Hannelore Nowak weiter: Man braucht sich darum nicht zu wundern, wenn Studenten oder auch andere Bürger, wie zum Beispiel in Frankfurt, zur Selbsthilfe greifen, die Häuser besetzen und sie bewohnbar machen.“ Eine Folge des Protestcamps war der Umstand, dass die Stadt Bochum über das AkaFö drei Abbruchhäuser zum Bewohnen für 15 StudentInnen in der Buscheystr. 119, Römerstraße 25 und Grimmestraße 10 bereit stellte. (BSZ. 66, 22.10.1970)

In den folgenden Jahren versuchte das Akademische Förderungswerk durch die Anmietung städtischer oder privater Wohnhäuser der studentischen Wohnungsnot in Bochum Abhilfe zu verschaffen. In Folge von Mieterhöhungen durch das AkaFö und privaten Vermietern kam es aber ab 1972 und 1973 in verschiedenen StudentInnenwohnheimen Bochums zu Bildung von Mieterräten und Mietstreiks. 1979 befanden sich rund 430 StudentInnen im Ausstand und veranstalteten u.a. ein „sleep out“ in einer Zeltstadt vor einem der betroffenen Wohnheime. (BV, Nr. 24/25) Der Mietstreik in der Girondelle 6 drohte im Juni 1980 zu eskalieren. Die MieterInnen hatten letztinstanzlich alle Prozesse verloren. Das Haus stand somit bei Weigerung der MieterInnen zum Auszug kurz vor (s)einer Besetzung. In dieser Situation kaufte das Land NRW das Gebäude. Einige Mietstreiks dauerten bis 1981 und endeten erfolgreich für die StudentInnen. (BS, Nr. 47)

Der studentischen Wohnungsnot ließ sich aber unter der Liberalisierung des Wohnungsmarktes, der städtischen Leerstandspolitik, der sich verbreitenden allgemeinen Wohnungsnot und den steigenden StudentInnenzahlen so nicht Herr werden. So schaltete sich 1980 der Rektor der Universität in die Debatte um die studentische Wohnungsmisere ein. Er verkündete Die Wohnsituation der Studenten ist unsere Hauptsorge“ (WAZ, 14.08.1980) und wandte sich über die Lokalzeitungen an die Bevölkerung „Studentenbuden“ zu vermieten.

Neben diversen Protesten der StudentInnenschaft kam es im September 1980 wieder zu einer Zeltstadt. Mit einer außergewöhnlichen Aktion beginnt an der Bochumer Ruhruniversität das Wintersemester. Wegen der Wohnraum-Misere für Studenten wird vom 15. bis 30. September auf dem Campus eine Zeltstadt errichtet, in der 100 Studenten eine vorläufige Bleibe finden sollen. Die Aktion gilt als Appell an Behörden und Privatvermieter. Für 25.000 Studenten der Universität und Fachhochschule stehen bisher nur 5.000 Plätze in Wohnheimen und wenigen Privatunterkünften zur Verfügung.“ (WAZ, 22.08.1980) Über das „Lagerbüro“ erhielten 25 StudentInnen von privaten Personen und 120 StudentInnen über das AkaFö Wohnraum (BS, Nr. 41)

Die WAZ verkündete im Dezember 1980, dass in Folge des Protestcamps 500 Angebote von BochumerInnen an die StudentInnen ergangen seien, 250 Unterkünfte seien bis dato vermittelt worden. Die Stadt Bochum sei dazu übergegangen Sozialscheine zusammenzulegen und Abbruchhäuser zur Zwischennutzung bereit zu stellen. (WAZ, 02.12.1980) Dennoch erwies sich die Selbsthilfe-Aktion der StudentInnen mit der Zeltstadt im September 1980 als „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Zum Beginn des Wintersemesters 80/81 wurden ca. 40 StudentInnen in Notunterkünften in der Laerholzstraße 84 einquartiert. (RN, 14.10.1980) Und das Problem der studentischen Wohnungsnot stieg am Anfang der 80er Jahre weiter. So verkündete die Bochumer WAZ: „10.000 Erstsemestler drängen in Universitäten des Reviers – Studenten sollen Notunterkunft in leerstehender Schule erhalten“. Und Dr. Fritz Melchers, der Bochumer Geschäftsführer des Akademischen Förderungswerk wurde zitiert mit dem Satz, dass sie sich bemühten, aber dennoch „1.000 Studenten bei uns auf der Matte stehen und nicht wissen, wohin.“ (WAZ, 30.08.1983)

Kurze Zeit darauf kündigte das Bochumer Akademischen Förderungswerk den mehr als 100 StudentInnen, die im Heusnerviertel untergekommen waren, die Mietverträge. Anlässlich einer Betroffenversammlung in der Kneipe „Alcatraz“ an der Kohlenstraße im Dezember 1983 zum Weiterbau der Westtangente hieß es: Geschäftsführer Melchers vom Akademischen Förderungswerk war enttäuscht. Er war von der Kündigung der mehr als 100 Studenten völlig überrascht. Adäquaten Ersatz für diesen preiswerten Wohnraum gebe es mit Sicherheit nicht. Das unterstrich auch der Vertreter des Mietervereins….“ (RN, 19.12.1983)

Ähnlich erging es den ca. 30 BewohnerInnen des „Haus Berlin“, einem ehemaligen Lehrlingswohnheim der „Harpener Bergbau AG“. Das Haus am Werner Hellweg 433 war über das AkaFö in der 70er Jahren an StudentInnen vermietet worden. Die StudentInnen, Alternative Jugendliche und Punks erhielten zum 30. Juli 1983 ihre Räumungsfrist. Kurze Zeit hatte das Haus einen Besetzerstatus. Peu a peu wurde es von seinen BewohnerInnen verlassen und 1984 zugemauert. Es stand noch ca. 15 Jahre leer, verfiel und wurde schließlich abgerissen.

5.5 Das „Rote Punkt“ – Komitee und die erste Hausbesetzung

Dennoch hatte die Zeltstadt ungefähr 150 StudentInnen eine Unterkunft organisiert. Durch den Erfolg des Zeltlagers motiviert gründeten Mitglieder des „Marxistische Studenten Bund“ (MSB) und der DKP ein „Rote Punkt“ – Komitee und besetzten im Oktober 1980 das erste Haus in Bochum. Die Besetzung der Bergstraße 115 am 02.10. war von ihnen als eine symbolische Aktion geplant worden. Nach einer Woche wurden sie am 08.10.1980 von der Polizei geräumt. (BS, Nr. 43) Einen Monat später pfändete das „Rote-Punkt-Komitee gegen Wohnungsnot, Mietwucher und Bodenspekulationen“ am 22.11.1980 symbolisch ein Haus an der Yorckstr.2, Ecke Hattinger Straße mit dem Aufhängen von Transparenten „Leer seit 1978“ und „Dieses Haus ist gepfändet“. Und am 26. Februar 1981 überreichte das Komitee dem Oberbürgermeister Eikelbeck Bauschutt, um auf die Wohnungsnot und den gezielten Leerstand und Verfall diverser städtischer Häuser hinzuweisen. Im März 1981 besichtigte das „Rote Punkt“ – Komitee die baufällige Villa Auf den Holln 1-3, um bald darauf zu verkünden, dass es die Villa besetzen wolle. Von Seiten der Spontis wurden diese Aktionen des DKP-lastigen Komitees im „Bochumer Stattblatt“ als reine Symbolpolitik kritisiert. In der kurz darauf einsetzenden BesetzerInnenwelle in Bochum war das „Rote Punkt“ – Komitee kaum mehr wahrzunehmen.

5.6 Die Jugendrevolte `81 in Bochum oder „1 Jahr Garantie“

Die sogenannte Jugendrevolte `81 zeichnete sich in der BRD schon lange ab. Die Bundesrepublik mit ihrer wachsenden Wirtschaftskrise, den mangelnden Ausbildungsplätzen, der steigenden Arbeitslosigkeit und der Wohnungsnot bot jungen Menschen kaum Perspektiven. Diese bundesweiten Missstände bildeten ein Fundament für eine große Unzufriedenheit unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Zudem kam eine allgemeine kritische Stimmung gegenüber einer Wirtschafts- und Sozialpolitik, in der die Menschen und die Umwelt zu kurz kamen. Dies machte sich deutlich in einem breiten Protest- und Alternativmilieu. Schon im Jahr 1979 schätzte eine Infratest-Studie „den Anteil alternativerJugendlicher auf 10 bis 15 Prozent“ (Reichardt, 2014, S. 41) Und eine Umfrage des Marplan-Institut aus dem Jahr 1980wies in den Altersgruppen der 14- bis 54- Jährigen einen Anteil von 2,7 Millionen Alternativen aus. Weitere 3,4 Millionen zeigten sich sehr aufgeschlossen für alternativeAnregungen oder Programme‘“ (Reichardt, 2014, S. 42) Ende der 70er Jahre neigte sich die Zeit der dogmatischen K-Gruppen dem Ende zu, die RAF hatte sich mit ihrer bewaffneten Politik als Sackgasse erwiesen und breite Teile der Bürgerinitiativen-Bewegung schickten sich über die Grünen an ihre Politik zu institutionalisieren. Die Jugendlichen sahen die gescheiterten Experimente und Versuche ihrer Vorgänger. Was ihnen blieb war das „Modell Deutschland“, ihre Perspektivlosigkeit und jede Menge Wut. Die Bewegung des Punks mit der Parole „No Future“ war ein Ausdruck dieser Situation. Eine Situation, in der die Hausbesetzungen und Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht in Amsterdam und Zürich, aber auch Freiburg, wie eine Initialzündung zu einer Revolte wirkte.

Auch in Bochum gab es für das Gros der Jugendlichen wenig Perspektiven. Der Alltag war gekennzeichnet von einer Tristesse und das existierende alternative Milieu beklagte, dass es keine Räume für eine eigenständige kulturelle Entfaltung gäbe. In dieser Situation bekamen die Bochumer Jugendlichen ihre Impulse durch die Hausbesetzungen, die sie in Berlin, Freiburg und Zürich wahrnahmen.

Eine ergänzende Pressedokumentation zu dem Beitrag


3 Gedanken zu “Bochums erste Hausbesetzung

  • Werner Niederlohmann

    Hallo Heiko, danke für deinen Beitrag. Du hast damit viele Erinnerungen wieder aufgefrischt. Viele Grüße.

  • redaktion Autor des Beitrags

    Vielen Dank für den Hinweis. Es gibt ca. 34.000 Meldungen auf bo-alternativ.de. Nur selten haben wir die Muße, in der Suchmaschine nach so interessanten Beiträgen zu schauen und sie zu verlinken. Wir sind da schon auf die Mitwirkung der Leser*innen angewiesen.

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