Bastian Pütter, Redaktionsleiter des Straßenmagazins Bodo, ergänzt die Vorstellung der Oktoberausgabe der Zeitschrift durch einen Bericht über ein Treffen von StraßenzeitungsmacherInnen aus aller Welt in Glasgow. Außerdem problematisiert er den Diskurs über das Sicherheitsgefühl: „Gerade die Menschen, die anderen ein Gefühl von Unsicherheit vermitteln – etwa Obdachlose oder drogenabhängige Menschen – haben jedoch ein reales Risiko, Gewalt zu erfahren. Um wessen Sicherheitsgefühl geht es also?“
Sebastian Pütter: »Im vergangenen Monat trafen sich StraßenzeitungsmacherInnen aus aller Welt in Glasgow, wo wir mit KollegInnen beim Kongress der Internationalen Straßenzeitungen eine Woche intensiv an unseren journalistischen, politischen und sozialarbeiterischen Themen arbeiten durften. Viele neue, junge KollegInnen waren dabei, und da versucht man sich beim gegenseitigen Vorstellen stets in sehr basalen geografischen und sozioökonomischen Einordnungen. In internationaler Perspektive kommt bodo aus der Großregion „Ruhr Area“, tief im Westen Deutschlands und mitteltief in der Krise, so nah an Paris wie an Berlin.
Und passenderweise sind wir in diesem Heft wirklich in der ganzen „Ruhr Area“ unterwegs: Wir treffen den umtriebigen Punkmusiker und Veranstalter Alex Schwers in Gladbeck, schauen uns Urban Farming in Oberhausen an und besuchen ein klinisches Angebot für Jugendliche mit Medienabhängigkeit in Hamm. Von dort sind auch die inzwischen riesigen Giant Rooks – die Herren von unserem Titel –, die vor ihrer Amerikatour mit uns sprachen.
Mit Gruß nach Dortmund, wo man die populistische Kategorie des „Sicherheitsgefühls“ inzwischen sogar mit einer App abfragt, übernehmen wir ein Interview unserer Kölner KollegInnen mit den Kriminologinnen Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger. (Gut, Köln ist wirklich nicht mehr „Ruhr Area“, aber das Tauschen von Inhalten ist ein ganz praktisches Beispiel für den Nutzen unseres internationalen Netzwerks.)
Die beiden Forscherinnen haben aus der Erfahrung, wie verkürzt und unverstanden wissenschaftliche Erkenntnisse über Kriminalität in Journalismus und Politik verarbeitet werden, einen sehr lohnenswerten Podcast gemacht, aus Notwehr sozusagen. Denn mit der Kriminalität ist es so eine Sache: Wir lernen wenig über Methoden der Soziologie, fast nichts über Statistik, haben aber einen lebensweltlichen Bezug zu Verbrechen und zur Kriminalitätsangst. Also reagieren wir emotional, generalisieren, improvisieren Deutungen und verlagern Ängste von anderswo auf die Furcht vor dem Verbrechen.
Aus dieser Kombination von fehlendem Wissen und emotionaler Anspielbarkeit lassen sich wunderbar Profite schlagen. Man könnte ja nachschauen und feststellen, dass in der Dortmunder Innenstadt die Zahl der erfassten Straftaten im Jahr 2015 um 23 Prozent höher lag als zehn Jahre später, die im Bereich Straßenkriminalität um 31 Prozent höher als heute. Das wäre verkürzt, wenn auch richtiger als vieles, mit dem man in Dortmund gerade Politik macht.
Im Interview lernt man, dass die Anwesenheit von sozialen Randgruppen in bestimmten öffentlichen Räumen zwar bei vielen Menschen ein ungutes Gefühl auslöst (Ab in die App damit!), dass sie aber dort in der Regel kein höheres Risiko haben, Opfer von Kriminalität zu werden. „Gerade die Menschen, die anderen ein Gefühl von Unsicherheit vermitteln – etwa Obdachlose oder drogenabhängige Menschen – haben jedoch ein reales Risiko, Gewalt zu erfahren.“ Um wessen Sicherheitsgefühl geht es also?«