Mittwoch 02.09.26, 09:58 Uhr
Diskussionspapier zu einer antifaschistischen Perspektive im Ruhrgebiet

Vom Dagegen zum Wofür 3


Die Antifaschistiche Linke hat eine Diskussionspapier erstellt, das eine Auswertung aktueller strategischer Debatten darstellt und zur Diskussion um eine antifaschistische Perspektive im Ruhrgebiet beitragen möchte. Es stellt nach eigenem Bekunden ausdrücklich keinen Aufruf oder fertiges Programm dar, sondern soll ein Beitrag zur internen und öffentlichen Diskussion sein:

»Die extreme Rechte entwickelt sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Sie ist in Teilen institutionell verankert, gewinnt über digitale Räume neue Anhänger und arbeitet zunehmend an ihrer gesellschaftlichen Präsenz vor Ort. Auch in Bochum und im Ruhrgebiet lassen sich diese unterschiedlichen Entwicklungen beobachten. Rechtsextreme Akteure und Netzwerke treten dabei nicht immer offen auf. Teilweise bewegen sie sich in gesellschaftlichen Bereichen, die auf den ersten Blick wenig mit organisierter rechter Politik zu tun haben. Gleichzeitig entstehen Radikalisierungsprozesse zunehmend digital. Menschen können heute über soziale Medien und algorithmisch gesteuerte Inhalte mit rechten Weltbildern in Kontakt kommen, ohne zuvor Teil einer lokalen Szene gewesen zu sein.

Demgegenüber reagiert antifaschistische Arbeit häufig auf konkrete Ereignisse: auf Aufmärsche, Parteitage, rechte Veranstaltungen oder öffentlich auftretende Akteure. Diese Reaktionen sind oft notwendig und können wirksam sein. Dennoch stellt sich die strategische Frage, ob ein Antifaschismus, der überwiegend reagiert, langfristig ausreicht. Dieses Papier greift diese Frage auf. Es diskutiert aktuelle Debatten, untersucht ihre Stärken und Grenzen und fragt danach, welche Konsequenzen sich daraus möglicherweise für die antifaschistische Arbeit im Ruhrgebiet ergeben.

1. Warum diese Debatte jetzt geführt werden sollte

Im Spätsommer 2026 erreichen rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien in verschiedenen Regionen Deutschlands hohe Zustimmungswerte. Die Entwicklung lässt sich kaum noch ausschließlich als regionales oder ostdeutsches Phänomen verstehen. Auch in westdeutschen Industrieregionen sind gesellschaftliche Voraussetzungen vorhanden, die rechte Politik begünstigen können. Gleichzeitig wird innerhalb linker, antifaschistischer und progressiver Debatten zunehmend offen darüber gesprochen, ob bisherige Strategien noch ausreichen. Unterschiedliche Autor*innen kritisieren einen Antifaschismus, der sich zu stark auf symbolische Konfrontationen, moralische Abgrenzung oder kurzfristige Mobilisierung konzentriert. Andere weisen auf Erschöpfung und Sinnverlust innerhalb politischer Bewegungen hin oder diskutieren, wie im Alltag mit Menschen umzugehen ist, die rechte Parteien wählen.

Die Positionen unterscheiden sich teilweise erheblich. Dennoch verbindet sie ein gemeinsamer Ausgangspunkt: Die bisherigen Formen antifaschistischer Arbeit sollten möglicherweise strategisch weiterentwickelt werden. Dieses Papier will dazu beitragen, die Debatte zu sortieren. Es ersetzt weder politische Entscheidungen noch konkrete Strategien. Vielmehr soll es Argumente bündeln und Fragen formulieren, die für die Arbeit vor Ort relevant sein könnten.

2. Die Stärken und Grenzen eines konfrontativen Antifaschismus

Zunächst muss festgehalten werden: Konfrontativer Antifaschismus hat wichtige Leistungen erbracht. Recherchen haben über Jahre hinweg rechte Strukturen sichtbar gemacht, die andernfalls möglicherweise unbeachtet geblieben wären. Sie haben Netzwerke, personelle Überschneidungen und ideologische Entwicklungen dokumentiert und damit eine Grundlage für gesellschaftliche Auseinandersetzung geschaffen. Auch öffentliche Mobilisierungen gegen rechte Aufmärsche oder Veranstaltungen haben ihre Bedeutung. Sie können zeigen, dass rechte Akteure nicht unwidersprochen auftreten, und sie können Menschen miteinander verbinden, die sich gegen rechte Entwicklungen engagieren wollen.

Gleichzeitig bestehen strategische Grenzen. Das unmittelbare Ziel einer Demonstration oder Blockade wird nicht immer erreicht. Selbst wenn eine Veranstaltung verhindert oder erheblich gestört wird, verändert dies nicht automatisch die gesellschaftlichen Ursachen für den Erfolg rechter Parteien oder Ideologien. Hinzu kommt ein möglicher Effekt der Konfrontation: Rechte Akteure können öffentliche Empörung in ihre eigene Erzählung integrieren. Wer sich als vermeintliche Opposition gegen ein übermächtiges „System“ inszenieren möchte, kann von starker Aufmerksamkeit oder öffentlicher Zuspitzung profitieren. Das bedeutet nicht, dass Widerspruch unterbleiben sollte. Es spricht jedoch dafür, genauer zu unterscheiden, wann Konfrontation politisch sinnvoll ist und wann sie unbeabsichtigt zur Selbstinszenierung des Gegners beitragen könnte.

Entscheidend ist außerdem der Unterschied zwischen unterschiedlichen Adressaten. Gegen organisierte, gewaltbereite oder konspirativ arbeitende rechtsextreme Strukturen bleiben Recherche, Aufklärung, Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Druck zentrale Instrumente. Eine gesellschaftlich breit verankerte Wählerschaft lässt sich dagegen kaum mit denselben Mitteln erreichen. Der organisierte Rechtsextreme und der unentschlossene oder protestorientierte Wähler sind nicht dasselbe politische Problem. Wer beide gleich behandelt, riskiert, strategische Unterschiede zu übersehen.

3. Die soziale Frage als Teil antifaschistischer Politik

Ein zentraler Gedanke der aktuellen Debatte lautet, dass Antifaschismus langfristig mehr sein muss als die Ablehnung der extremen Rechten. Historisch war antifaschistische Politik häufig mit der Vorstellung verbunden, gesellschaftliche Verhältnisse so zu verändern, dass autoritäre und faschistische Entwicklungen weniger attraktiv werden. Im Mittelpunkt stand damit nicht nur die Abwehr, sondern auch die Frage, wie eine demokratische, soziale und solidarische Gesellschaft aussehen könnte. Von diesem positiven Horizont ist in Teilen der heutigen Praxis möglicherweise wenig geblieben. Vieles richtet sich gegen etwas: gegen rechte Aufmärsche, gegen Parteien, gegen Ideologien und gegen konkrete Akteure. Diese Arbeit bleibt notwendig. Sie beantwortet jedoch nicht automatisch die Frage, wofür eine politische Alternative steht.

Genau hier gewinnt die soziale Frage an Bedeutung. Menschen wenden sich nicht aus einem einzigen Grund rechten Parteien zu. Gesellschaftliche Unsicherheit, Abstiegsängste, schlechte Arbeitsbedingungen, fehlende Perspektiven und das Gefühl, politisch nicht wahrgenommen zu werden, können eine Rolle spielen. Rechte Akteure bieten dafür häufig einfache Erklärungen und klare Schuldzuweisungen an. Für das Ruhrgebiet ist diese Frage besonders relevant. Die Region ist geprägt von industriellem Wandel, Strukturbrüchen und sozialen Ungleichheiten. Viele dieser Entwicklungen reichen weit zurück und wirken dennoch bis heute nach. Ein Antifaschismus, der soziale Fragen vollständig anderen politischen Akteuren überlässt, könnte deshalb einen wichtigen Teil des gesellschaftlichen Konflikts aus dem Blick verlieren.

Gleichzeitig wäre es zu einfach, rechte Entwicklungen ausschließlich sozial oder ökonomisch zu erklären. Ideologien besitzen eine eigene Anziehungskraft. Digitale Räume können Zugehörigkeit, Identität und klare Feindbilder vermitteln. Auch Menschen, die wirtschaftlich nicht unmittelbar benachteiligt sind, können sich rechten Weltbildern zuwenden. Die soziale Frage erklärt daher möglicherweise einen Teil des gesellschaftlichen Zulaufs. Sie erklärt jedoch nicht jede Form organisierter rechter Ideologie oder Radikalisierung. Eine tragfähige Strategie sollte beide Ebenen berücksichtigen.

4. Alltag, Nähe und die Grenzen des Dialogs

Besonders anspruchsvoll ist die Frage, wie im Alltag mit Menschen umzugehen ist, die rechte Parteien wählen oder rechten Positionen nahestehen. Politische Auseinandersetzung findet nicht nur auf Demonstrationen oder in sozialen Medien statt. Sie findet auch im Betrieb, im Verein, in der Nachbarschaft und in Familien statt. Dort bestehen häufig Beziehungen, die sich nicht einfach entlang politischer Grenzen auflösen lassen. Für manche Menschen kann es sinnvoll sein, den Kontakt nicht vorschnell abzubrechen und politische Auseinandersetzungen im Alltag zu führen. Insbesondere bei Personen, deren Wahlverhalten von Enttäuschung, Protest oder Unsicherheit geprägt ist, kann eine direkte soziale Beziehung möglicherweise mehr bewirken als öffentliche Beschämung.

Dieser Ansatz hat jedoch klare Grenzen. Nicht alle Menschen befinden sich in derselben Position. Für migrantische, jüdische, queere oder andere von rechter Politik betroffene Menschen kann die Begegnung mit rechten Einstellungen eine unmittelbare Frage der Sicherheit und persönlichen Würde sein. Von Betroffenen zu verlangen, mit Personen im Gespräch zu bleiben, die ihre Rechte oder ihre Existenz infrage stellen, wäre problematisch. Deshalb sollte Dialog niemals zur Pflicht derjenigen werden, die von rechter Politik unmittelbar betroffen sind.

Eine mögliche strategische Unterscheidung liegt nahe: Menschen, die aus Protest oder Unsicherheit rechte Parteien wählen, können in bestimmten Situationen ansprechbar sein. Organisierte rechtsextreme Akteure, ideologische Kader und Personen, die gezielt an rechten Netzwerken arbeiten, erfordern dagegen andere Formen der Auseinandersetzung. Dialog, Recherche, gesellschaftlicher Druck und klare Abgrenzung schließen sich nicht gegenseitig aus. Sie richten sich lediglich an unterschiedliche Situationen und Adressaten.

5. Die eigene Bewegung als strategische Voraussetzung

Eine weitere Frage richtet sich nach innen: Wie handlungsfähig bleibt eine politische Bewegung, wenn sich über Jahre hinweg dieselben Abläufe wiederholen? Viele Engagierte kennen die Erfahrung, immer wieder auf ähnliche Ereignisse zu reagieren: den nächsten Aufmarsch, die nächste rechte Veranstaltung, die nächste Provokation. Politische Arbeit kann dadurch zu einer Abfolge von Terminen werden, deren unmittelbare Notwendigkeit zwar klar ist, deren langfristige Wirkung jedoch schwer erkennbar bleibt. Erschöpfung entsteht dabei möglicherweise nicht nur durch Arbeitsbelastung. Sie kann auch aus dem Gefühl entstehen, dass sich trotz großer Anstrengungen wenig verändert. Eine politische Bewegung, die ihre eigenen Kräfte dauerhaft überfordert, gefährdet ihre langfristige Handlungsfähigkeit. Selbstfürsorge und nachhaltige Arbeitsstrukturen sind deshalb nicht nur persönliche, sondern auch strategische Fragen.

Ein stärker aufbauender Antifaschismus könnte hier einen anderen Horizont eröffnen. Wer nicht ausschließlich reagiert, sondern Beziehungen, Projekte und soziale Verankerung entwickelt, schafft möglicherweise auch sichtbare Erfahrungen von Wirksamkeit. Kleine Erfolge im Stadtteil, im Betrieb oder in lokalen Zusammenhängen können langfristig dazu beitragen, politisches Engagement tragfähig zu halten. Die Frage nach den eigenen Ressourcen sollte daher als Teil einer langfristigen Strategie verstanden werden.

6. Verankerung im Alltag: Ein umkämpfter Raum

Ein Blick auf die extreme Rechte zeigt, dass langfristige gesellschaftliche Verankerung bereits seit Längerem Teil ihrer Strategie ist. Rechte Parteien und Netzwerke versuchen, in lokalen Räumen präsent zu sein: durch Veranstaltungen, persönliche Kontakte, digitale Angebote, Jugendstrukturen und die Inszenierung als scheinbar alltägliche Ansprechpartner. Entscheidend ist dabei häufig weniger die einzelne spektakuläre Aktion als die dauerhafte Präsenz. Auch im Ruhrgebiet lassen sich Formen solcher Verankerungsarbeit beobachten. Rechte Akteure versuchen, soziale Räume zu nutzen und insbesondere jungen Menschen Angebote von Zugehörigkeit und Gemeinschaft zu machen. Dabei können politische Ideologie, Freizeitangebote und persönliche Bindungen miteinander verbunden werden.

Daraus ergibt sich eine unangenehme, aber wichtige Feststellung: Der gesellschaftliche Raum ist nicht neutral. Wer heute über stärkere lokale Verankerung nachdenkt, beginnt nicht auf einem leeren Feld. Das spricht nicht gegen lokale Präsenz. Im Gegenteil: Es macht sie möglicherweise dringlicher. Allerdings reicht es vermutlich nicht aus, lediglich freundlicher aufzutreten oder allgemein soziale Forderungen zu formulieren. Entscheidend könnte sein, über längere Zeit glaubwürdig präsent zu sein und konkrete Erfahrungen solidarischer Praxis zu ermöglichen.

7. Konsequenzen für die antifaschistische Arbeit vor Ort

Aus dieser Analyse ergibt sich kein fertiges Programm. Einige strategische Richtungen lassen sich jedoch benennen.

Erstens: Die Arbeit an organisierten rechten Strukturen bleibt unverzichtbar. Recherche, Aufklärung und öffentliche Auseinandersetzung bleiben notwendig, insbesondere dort, wo rechtsextreme Netzwerke organisiert arbeiten, Gewalt fördern oder gezielt Einfluss gewinnen wollen. Dafür ist es entscheidend, den politischen Gegner möglichst genau zu kennen: seine Strukturen, Strategien, Akteure und Entwicklungen. Wirksame antifaschistische Arbeit sollte dabei nicht nur reagieren, sondern auch kreativ handeln und versuchen, interne Spannungen, Widersprüche und Bruchlinien innerhalb rechter Strukturen für die eigene Arbeit zu nutzen.

Zweitens: Unterschiedliche Adressaten erfordern unterschiedliche Strategien. Zwischen organisierten Rechtsextremen und Menschen, die aus Protest, Unsicherheit oder Enttäuschung rechte Parteien wählen, bestehen erhebliche Unterschiede. Eine politische Strategie sollte diese Unterschiede berücksichtigen, ohne rechte Ideologien zu verharmlosen.

Drittens: Soziale Fragen gehören in die antifaschistische Perspektive. Im Ruhrgebiet kann eine glaubwürdige demokratische Gegenstrategie kaum ohne Antworten auf soziale Unsicherheit, Wohnen, Arbeit und öffentliche Infrastruktur auskommen. Der Satz „gegen rechts“ gewinnt möglicherweise an Überzeugungskraft, wenn zugleich deutlich wird, wofür eine andere gesellschaftliche Entwicklung stehen soll.

Viertens: Verankerung bedeutet langfristige Präsenz. Politische Arbeit im Stadtteil, im Betrieb oder in Vereinen lässt sich nicht kurzfristig als Kampagne organisieren. Sie entsteht durch Beziehungen, Verlässlichkeit und kontinuierliche Beteiligung. Diese Arbeit ist oft wenig spektakulär. Gerade deshalb könnte sie langfristig besonders wichtig sein.

Fünftens: Die eigenen Kräfte müssen geschützt und entwickelt werden. Eine Bewegung, die ihre Engagierten dauerhaft überfordert, verliert langfristig an Handlungsfähigkeit. Nachhaltige Strukturen, realistische Erwartungen und ein bewusster Umgang mit Ressourcen sind deshalb Teil politischer Strategie.

Sechstens: Digitale Räume müssen als politisches Feld verstanden werden. Ein erheblicher Teil öffentlicher und politischer Kommunikation findet heute über soziale Medien statt. In Deutschland nutzen 33 Prozent der erwachsenen Online-Bevölkerung soziale Medien regelmäßig für Nachrichten; bei den 18- bis 24-Jährigen ist es etwa jede zweite Person. Für rund ein Drittel dieser Altersgruppe sind soziale Medien sogar die wichtigste Nachrichtenquelle. Demonstrationen, Kundgebungen und politische Arbeit vor Ort bleiben wichtig, erreichen aber häufig vor allem bereits politisierte Menschen. Wer gesellschaftliche Deutungen und kulturelle Hegemonie beeinflussen will, muss deshalb stärker berücksichtigen, wie Menschen heute digital informiert, sozialisiert und politisch geprägt werden. Digitale Arbeit sollte nicht als Ergänzung neben der politischen Praxis stehen, sondern als eigenständiger strategischer Bereich verstanden werden.

Siebtens: Anschlussfähigkeit an breite Teile der Gesellschaft muss neu hergestellt werden. Wer gesellschaftliche Verhältnisse verändern will, muss zugleich verstehen, welche Fragen Menschen aktuell beschäftigen. Nach aktuellen Umfragen gehören Migration, Armut und soziale Ungleichheit, Inflation, Kriminalität und Gewalt sowie das Gesundheitswesen zu den wichtigsten Sorgen in Deutschland. Anschlussfähigkeit bedeutet nicht, politische Grundsätze aufzugeben oder gesellschaftlichen Stimmungen einfach nachzugeben. Es bedeutet, Antworten auf reale Erfahrungen und Sorgen zu entwickeln und dabei Sprache, Auftreten, Ästhetik und Themenwahl zu hinterfragen. Gerade soziale Sicherheit, Wohnen, Arbeit, öffentliche Infrastruktur und wirtschaftliche Zukunftsperspektiven können Anknüpfungspunkte sein, um linke und antifaschistische Politik wieder stärker mit den Erfahrungen breiter Teile der Bevölkerung zu verbinden.

8. Vom Dagegen zum Wofür

Die zentrale Frage dieses Papiers lautet nicht, ob antifaschistische Konfrontation notwendig ist. Sie ist es in vielen Situationen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob sie allein ausreicht. Ein Antifaschismus, der dauerhaft gesellschaftlich wirksam sein will, braucht vermutlich beides: die Fähigkeit, rechte Strukturen zu erkennen und ihnen entgegenzutreten, sowie die Fähigkeit, soziale und demokratische Alternativen praktisch erfahrbar zu machen. Das Ruhrgebiet bietet dafür besondere Herausforderungen. Seine Geschichte, seine sozialen Unterschiede und seine Erfahrungen mit wirtschaftlichem Wandel prägen politische Konflikte bis heute. Bochum und andere Städte der Region sind deshalb nicht nur Orte, an denen rechte Entwicklungen bekämpft werden müssen. Sie sind auch Orte, an denen entschieden wird, welche Formen von Zusammenhalt, Teilhabe und gesellschaftlicher Sicherheit künftig entstehen können.

Die notwendige Verankerungsarbeit wird langsam sein. Sie wird selten schnelle Erfolge oder große öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Ihre Wirkung zeigt sich möglicherweise erst über längere Zeiträume. Gerade darin liegt ihre Schwierigkeit. Politische Bewegungen müssen immer wieder auf unmittelbare Entwicklungen reagieren. Gleichzeitig brauchen sie einen Horizont, der über den nächsten Aufmarsch, die nächste Wahl oder die nächste Provokation hinausgeht. Die Aufgabe könnte deshalb darin bestehen, das notwendige Dagegen mit einem glaubwürdigen Wofür zu verbinden.

Demonstrationen, Recherche und öffentlicher Widerstand bleiben wichtige Bestandteile antifaschistischer Arbeit. Sie sind nicht bedeutungslos. Für eine langfristige gesellschaftliche Perspektive könnten sie jedoch durch etwas ergänzt werden müssen: durch dauerhafte soziale Verankerung, konkrete Solidarität und die Fähigkeit, eine demokratische und gerechtere Alternative sichtbar zu machen. Das ist keine schnelle Lösung. Aber möglicherweise beginnt genau dort die strategische Frage, die in den kommenden Jahren beantwortet werden muss.

Antifaschistische Linke Bochum,

September 2026

Quellen und weiterführende Bezüge:

Thomas Zimmermann: Antifaschismus ohne Unterbau. Der Kulturkampf-Antifaschismus ist gescheitert. Was kann ihn ersetzen? In: Jacobin, Ausgabe #25 „Antifaschismus“, 2026.

Robert Misik: Autoritäre Persönlichkeit und Faschismus: Antifa ist Kopfarbeit. Kolumne „Schlagloch“. In: taz, 29. Juli 2026.

Sebastian Puschner: „Im AfD-Nachbarn nicht sofort das Böse sehen“. Interview mit Jana Glaese. In: der Freitag, Nr. 33, 13. August 2026. Bezugnehmend auf: Jana Glaese, Mit Rechten leben. Widerstand und Nähe im Alltag, Gutkind Verlag, Berlin 2026.

Wenn der Zorn selbst erschöpft: Über das Ausbrennen in aktivistischen Kreisen. In: de.indymedia.org, 21. Juli 2026.

Weitere im Zusammenhang der Debatte genannte Bezüge sind unter anderem Eva von Redeckers Konzept des „Phantombesitzes“, Studien zum autoritären Charakter, insbesondere von Else Frenkel-Brunswik und weiteren Forschenden, sowie Wolfgang Fritz Haugs Überlegungen zum Antifaschismus.«


3 Gedanken zu “Vom Dagegen zum Wofür

  • Bianc0

    Die Positionen werden sicher großen Konsens finden!

    Sie sind aber auch nichts wirklich neues.

    Anstatt die Soziale Frage „zu stellen“, müssen wir uns zur aktuellen Zeit eher bewusst werden, dasa es bald eine Antwort auf die Frage nach „Sozialismus oder Barbarei‘ geben wird? Welche? Das hängt davon ab ob sich stabile Bewegungen gegen Krieg und Ausbeutung gründen, die eben nicht auf langsame Erfolge hinarbeiten sondern den Laden ordentlich aufmischen.

  • Rolf

    Nichts Neues unter der Sonne.
    Thesen, die in letzter Zeit schon in diversen Foren und auf Internetplattformen von anderen Gruppen gepostet werden. Fragestellungen in der Geschichte der bundesdeutschen Antifa-Bewegung, die alle paar Jahre immer wieder gestellt werden und in alten Broschüren und Büchern nachzulesen sind. Die Antworten auf diese Fragestellungen sind wie immer blass und nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte kommen die realen Handlingsperspektiven nicht aus diesen Antifa-Bereichen. Proletariat – K-Wunschtraum aus den 20er Jahren, MigrantInnen – tauchen zumeist nur als Opferzahlen auf, Ökologie – man geht zum Biokauf, Patriachat – hält sich bestens in den Machogehabe der Szene, usw..
    Es ist doch verwunderlich, dass die auf sektiererisch und klandestin machenden Antifa-Grüppchen, die ihr Renommee aus „alten Zeiten“ beziehen, den Militanzfetisch heiligen und sich vor allem aus Mittelschichts-kids rekrutieren, sich jetzt mal wieder die gleichen (sozialen) Fragen stellen, wie ihre Vorgänger.

    Same produce like the last year, James!

  • Norbert Hermann

    Soziale Verankerung

    Gute Idee – nicht neu, spät wiederentdeckt und immer ohne Konsequenzen.
    Dabei sind sind die aktuelle Flüchtlingspolitik und das Jobcenter-Regime Vorgriffe auf das, was Marginalisierte und Unterstützungsbedürftige von der AFD zu erwarten haben. Für sich alleine schon Grund genug zu intervenieren.

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