
Anlässlich der heutigen Uraufführung des Theaterstücks „Blutiger Januar“ im Schauspielhaus Bochum fand am Freitag eine bewegende Pressekonferenz statt. Im Mittelpunkt standen Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Iran, die dramatische Zunahme politisch motivierter Hinrichtungen sowie die Rolle von Kunst und Kultur als Mittel des Widerstands und der Erinnerung.
Das Theaterstück „Blutiger Januar“ ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Künstler:innen, Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen. Das Stück verbindet künstlerische Ausdrucksformen mit politischer Aufklärung und soll die menschlichen Geschichten hinter den Statistiken erzählen. Die Uraufführung findet am 12. Juli 2026 im Schauspielhaus Bochum (Oval Office) statt.
Bei der von Bianca Schmolze (Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum e.V.) moderierten Pressekonferenz verdeutlichten persönliche Berichte, Fakten und künstlerische Visionen die Dringlichkeit des Themas.
Shole Pakravan: Ein Leben im Kampf gegen die Todesstrafe
Die Schauspielerin und Aktivistin Shole Pakravan, Mutter der 2014 hingerichteten Reyhaneh Jabbari, eröffnete die Konferenz mit einer ergreifenden Rede. Ihr Kampf gegen die Todesstrafe habe einen „mütterlichen Ursprung“, betonte sie. Seit fast 20 Jahren lebe sie mit dem Schmerz des Verlustes – doch die Hinrichtung ihrer Tochter habe eine Wunde hinterlassen, „die niemals heilen wird“. Pakravan beschreibt die Todesstrafe als „institutionalisierte Form staatlicher Gewalt“, die weder Gerechtigkeit noch Sicherheit bringe. Stattdessen sei sie ein Instrument der Unterdrückung, das vor allem arme Menschen, gesellschaftlich Ausgegrenzte und politische Gegner treffe.
„Kein Urteil, keine Vergeltung und keine Hinrichtung wird mir mein Kind zurückbringen. Die Todesstrafe ist das Scheitern der Gerechtigkeit.“
— Shole Pakravan
Ihre Worte unterstrichen die Willkür des iranischen Justizsystems: Urteile werden oft in fünfminütigen Verhandlungen gefällt, basierend auf dem „Wissen des Richters“ (Elm-e Ghazi) – ohne belastbare Beweise. Geständnisse, die unter Folter erzwungen und im Fernsehen ausgestrahlt werden, gelten als Beweismittel. Pakravan appellierte an die internationale Gemeinschaft, den Kampf gegen diese „menschenverachtende Strafe“ zu unterstützen. „Schweigen bedeutet Komplizenschaft mit dem Tod“, so ihr eindringlicher Aufruf.
»Mein Kampf gegen die Todesstrafe hat einen mütterlichen Ursprung.
Seit vielen Jahren lebe ich mit dem Schmerz des Verlustes. Doch die Hinrichtung hat eine Wunde hinterlassen, die niemals heilen wird – einen Schmerz, der noch tiefer ist als der Verlust selbst.
Ich möchte nicht, dass irgendein Mensch dieses Leid erleben muss.
Kein Urteil, keine Vergeltung und keine Hinrichtung wird mir mein Kind zurückbringen. Den Tod des eigenen Kindes zu akzeptieren, ist unvorstellbar schwer. Noch schmerzlicher ist jedoch die Erkenntnis, dass Hinrichtung und Vergeltung nur neue Gewalt hervorbringen.
Ich habe den Preis der Todesstrafe bezahlt: fast zwanzig Jahre zwischen Gerichten und Gefängnissen und beinahe zwölf Jahre unter dem Albtraum des Galgens.
Doch in meinem Land wird etwa alle vier Stunden ein Mensch hingerichtet.
Vor Gerichten, deren Verhandlungen manchmal nur fünf Minuten dauern, entscheidet ein einzelner Richter – häufig mit religiöser Ausbildung – auf Grundlage dessen, was im Iran als „Wissen des Richters“ (Elm-e Ghazi) bezeichnet wird, oft ohne belastbare Beweise, über Leben und Tod. In jüngster Zeit geschieht dies sogar in Online-Verhandlungen – über ein Mobiltelefon oder einen Laptop.
Geständnisse, die unter Folter erzwungen und anschließend im Fernsehen ausgestrahlt werden, werden als Beweismittel anerkannt.
Die iranische Regierung rechtfertigt die hohe Zahl der Hinrichtungen mit der Behauptung, ohne Todesstrafe werde die Gesellschaft unsicher. Doch die weltweite Erfahrung zeigt das Gegenteil: Die Todesstrafe schafft keine Sicherheit. Sie ist ein Instrument der Unterdrückung, der politischen Ausschaltung und der systematischen Einschüchterung. Ihre Opfer sind meist arme Menschen, gesellschaftlich Ausgegrenzte und politische Gegner.
Ich halte die Todesstrafe weder für Gerechtigkeit noch für eine Lösung oder eine Garantie für Sicherheit. Sie ist eine institutionalisierte Form staatlicher Gewalt – das Töten durch den Staat, legitimiert mit dem Wort „Gesetz“.
Ich bin überzeugt, dass kein Mensch, kein Gericht und keine Regierung das Recht hat, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen – weder im Namen des Volkes noch im Namen der Religion oder der Sicherheit.
Ich stelle mich gegen die Todesstrafe, weil ich sie als das Scheitern der Gerechtigkeit betrachte. Deshalb setze ich mich für ihre vollständige Abschaffung ein.
Ich weiß, dass die Stimme eines einzelnen Menschen vielleicht nicht alles verändern kann. Aber Schweigen verändert gar nichts.
Sich gegen die Todesstrafe zu stellen, bedeutet nicht, Verbrechen zu verteidigen. Es bedeutet, das Leben und die Menschenwürde zu verteidigen.
Ich stehe an der Seite der Mütter, die nach Gerechtigkeit suchen. Schweigen bedeutet für mich Komplizenschaft mit dem Tod. Deshalb werde ich nicht schweigen.
Jedes Mal, wenn wir über Hinrichtungen sprechen, jedes Mal, wenn wir den Namen eines hingerichteten Menschen aussprechen, jedes Mal, wenn wir verhindern, dass Opfer zu bloßen Zahlen werden, verteidigen wir unsere Menschlichkeit.
Schon heute warten Hunderte, ja Tausende Menschen auf ihre Hinrichtung. Erst gestern wurden die Todesurteile gegen zwölf junge Menschen unter dreißig Jahren, die im vergangenen Januar an Straßenprotesten teilgenommen hatten, an die Vollstreckungsbehörde weitergeleitet. Gegen einige von ihnen wurden sogar zwei oder drei Todesurteile verhängt. Ihre Hinrichtung kann jederzeit vollzogen werden.
Glauben Sie mir: Es gibt Tausende Menschen wie mich, die nach solchen Nachrichten die ganze Nacht nicht schlafen können und leiden – ohne selbst irgendein Verbrechen begangen zu haben. Denn allein die Vorstellung einer Hinrichtung erschüttert einen zutiefst. Sie verfolgt einen wie ein Albtraum und raubt den Schlaf.
Mein Wunsch ist einfach: Ich wünsche mir den Tag, an dem keine Mutter irgendwo im Iran vor einem Gefängnis auf den letzten Besuch bei ihrem Kind warten muss. Den Tag, an dem keine Mutter die Striemen des Galgens am Hals ihres Kindes sehen muss.
Bis dieser Tag kommt, werde ich meinen Kampf gegen diese menschenverachtende Strafe fortsetzen – im Gedenken an meine Tochter Reyhaneh, im Gedenken an all jene, deren Namen vergessen wurden, und aus Respekt vor der Menschenwürde, die keine Nationalität, keine Religion und kein Geschlecht kennt.«
Kunst als Stimme der Unterdrückten: Solmaz Gholamis „Blutiger Januar“
Die Regisseurin und Doktorandin der Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum, Solmaz Gholami, präsentierte das Theaterstück „Blutiger Januar“ als künstlerischen Akt des Widerstands. Die Gruppe „Blutiger Januar“ wurde am 1. Februar 2026 als Reaktion auf die Massaker an Demonstrant:innen im Januar desselben Jahres gegründet. Gholami betonte, dass Kunst für sie nie nur Schönheit oder Unterhaltung sei, sondern eine Stimme gegen Ungerechtigkeit und Vergessen.
„Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Ein Leben. Eine Familie. Eine Geschichte.“
— Solmaz Gholami
Die Frage, was ein Mensch in seinen letzten Minuten vor der Hinrichtung denke, begleite sie seit der Hinrichtung ihres Onkels. Diese Frage stehe im Zentrum ihres Schaffens – und des Theaterstücks. „Blutiger Januar“ wolle die Stimmen derer sichtbar machen, die nicht gehört werden, und die Opfer der Todesstrafe aus der Anonymität der Statistik holen.
»Kunst war für mich nie nur Schönheit oder Unterhaltung. Kunst kann auch eine Stimme sein – eine Stimme gegen Ungerechtigkeit, gegen Gewalt und gegen das Vergessen.
In der Geschichte haben Künstlerinnen und Künstler immer wieder versucht, dort zu sprechen, wo Menschen zum Schweigen gebracht wurden. Sie haben versucht, Leid und die Menschen hinter Zahlen und Statistiken wieder sichtbar zu machen.
Für mich ist die Todesstrafe nicht nur ein politisches oder juristisches Thema. Sie ist eine menschliche Tragödie.
Im Iran sind so viele Menschen hingerichtet worden, dass diese Gewalt Teil der Erinnerung vieler Familien geworden ist. Auch meine Familie war davon betroffen. Seit der Hinrichtung meines Onkels begleitet mich eine Frage:
Was denkt ein Mensch in den letzten Minuten vor seiner Hinrichtung?
Denkt er an seine Familie? An seine Kindheit? An seine Träume? An das Leben, das er nicht mehr weiterleben darf?
Diese Frage begleitet mich bis heute. Sie ist auch eine der Fragen, die mich als Künstlerin, Filmemacherin und Regisseurin von „Blutiger Januar“ bewegen.
Unsere Gruppe „Blutiger Januar“ wurde nach den Massakern am 8. und 9. Januar am 1. Februar 2026 gegründet. Der Weg bis hierher war nicht einfach. Aber wir sind heute hier, weil wir die Stimmen der Menschen sichtbar machen wollen, die nicht gehört werden.
Leider gibt es keine genaue Statistik über alle Hinrichtungen im Iran. Viele Fälle werden nicht öffentlich bekannt.
Vielleicht wurde heute Morgen wieder ein Mensch hingerichtet, ohne dass die Welt davon erfahren hat.
Mit „Blutiger Januar“ möchten wir daran erinnern: Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Ein Leben. Eine Familie. Eine Geschichte.
Wir als Künstlerinnen und Künstler können die Vergangenheit nicht ändern. Aber wir können verhindern, dass Menschen vergessen werden. Wir können die Stimmen derjenigen bewahren, die heute unter dem Schatten eines Todesurteils leben.
Für mich ist Kunst eine Form des Erinnerns. Eine Form des Widerstands gegen das Vergessen. Und eine Möglichkeit, für Menschenwürde und das Recht auf Leben einzustehen.
Blutiger Januar steht für eine Kunst, die nicht schweigt. Eine Kunst, die erinnert, sichtbar macht und sich auf die Seite des Lebens stellt.«
Amnesty International: Der Iran als globaler Brennpunkt der Todesstrafe
Hans Christoph Hudde von der Bochumer Gruppe von Amnesty International lieferte erschreckende Zahlen: 2.707 Hinrichtungen wurden 2025 weltweit vollzogen – so viele wie seit 1981 nicht mehr. Allein der Iran sei für 2.159 Hinrichtungen verantwortlich, wobei die Dunkelziffer noch höher liege. Besonders alarmierend sei der Anstieg nach dem 12-tägigen Krieg mit Israel im Juni 2025 und dem Beginn des Krieges mit den USA und Israel im Februar 2026. Die Todesstrafe nicht der Gerechtigkeit, sondern als Mittel der politischen Unterdrückung.
Hudde verwies auf die systematische Missachtung von Rechtsstaatlichkeit: Unfaire Schnellverfahren, Folter zur Erpressung von Geständnissen und der Entzug von Rechtsbeistand seien an der Tagesordnung. Die Anklagen basierten oft auf vage definierten Vorwürfen wie „Feindschaft zu Gott“ oder „Verdorbenheit auf Erden“.
„Die Todesstrafe ist unter allen Umständen verabscheuenswert. Doch ihre massenhafte Anwendung nach unfairen Verfahren ist ein eklatanter Missbrauch staatlicher Macht.“
— Hans Christoph Hudde, Amnesty International
Trotz der düsteren Lage gebe es Hoffnung: Weltweit hätten zwei Drittel aller Staaten die Todesstrafe abgeschafft. Hudde betonte die Bedeutung öffentlicher Aufmerksamkeit, um Druck auf politische Entscheidungsträger:innen auszuüben.
»Mein Name ist Hans Christoph Hudde und ich bin Teil der Bochumer Gruppe von Amnesty International. Amnesty setzt sich seit 1961 weltweit für die Durchsetzung der Menschenrechte ein und arbeitet seit Jahrzehnten auch für die Abschaffung der Todesstrafe.
Im Jahr 2025 wurden weltweit mindestens 2.707 Menschen hingerichtet – so viele wie seit 1981 nicht mehr. Dieser dramatische Anstieg von Hinrichtungen um 78 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geht vor allem auf wenige Staaten zurück, die die Todesstrafe gezielt als Instrument der Einschüchterung einsetzen – allen voran China, Iran und Saudi-Arabien.
Dabei lohnt es sich, sich vor Augen zu führen, dass die Geschichte der Todesstrafe eigentlich eine Geschichte großer Fortschritte ist: 1948 hatten weltweit nur etwa zehn Staaten die Todesstrafe abgeschafft, während sie in mehr als 70 Ländern angewandt wurde. Heute hat sich dieses Verhältnis vollständig umgekehrt: Mehr als zwei Drittel aller Staaten weltweit haben die Todesstrafe gesetzlich oder zumindest in der Praxis abgeschafft. 2025 vollstreckten nur noch 16 der 193 UN-Mitgliedsstaaten Hinrichtungen.
Das ist das Ergebnis jahrzehntelangen Engagements von Menschenrechtsorganisationen und Aktivistinnen weltweit. Amnesty International wendet sich in allen Fällen vorbehaltlos gegen die Todesstrafe – ohne Ausnahme und unabhängig von Schuld oder Unschuld, der Art des Verbrechens, oder der Hinrichtungsmethode. Im Iran können wir aktuell auf bedrückendste Weise mitverfolgen, wie die Todesstrafe systematisch eingesetzt wird, um Menschen zum Schweigen zu bringen und Angst zu verbreiten. Sie dient nicht der Gerechtigkeit, nicht einmal der Abschreckung vor Straftaten, sondern wird brutal als Mittel zur Unterdrückung von friedlichem Protest und politisch-gesellschaftlicher Kontrolle eingesetzt. 2159 Menschen hat das iranische Regime nach Zählung von Amnesty International 2025 hinrichten lassen. Die Dunkelziffer liegt nochmals höher, da es keine Transparenz zu den Hinrichtungen gibt und es zudem auch zu außergerichtlichen Tötungen kommt. Ein besonders markanter Anstieg der Hinrichtungszahlungen war nach dem 12-tägigen Krieg mit Israel im Juni 2025 festzustellen, ebenso wie nun erneut seit Beginn des Krieges mit den USA und Israel seit Februar 2026. Damit folgen die Gerichte der harten Linie, die Justizchef Gholamhossein Mohseni-Ejei als Mittel gegen Kollaborateure forderte und die das Parlament in Form eines härteren Anti-Spionage-Gesetzes beschloss: schnelle Hinrichtungen und keine Gnade. Zu den Hingerichteten zählen folglich zunehmend Menschen, die an Demonstrationen teilgenommen haben, eine abweichende politische Meinung vertreten oder (tatsächliche oder vermeintliche) Verbindungen zu verbotenen Oppositionsgruppen haben. Zumeist werden sie in unfairen Schnellverfahren auf Basis vage definierter Strafbestände wie „Feindschaft zu Gott“, „Verdorbenheit auf Erden“ und „bewaffnete Rebellion gegen den Staat“ zum Tode verurteilt. Betroffene werden häufig zu einem „Geständnis“ gezwungen, indem sie gefoltert oder anderweitig misshandelt werden; dieses „Geständnis“ wird dann öffentlich ausgestrahlt. Zugang zu Rechtsbeistand und einer angemessenen Verteidigung wird ihnen meist ebensowenig gewährt wie das Recht auf Kontakt mit Familie und Freunden. Die Todesstrafe ist unter allen Umständen verabscheuenswert, doch eine solche massenhafte Anwendung nach routinemäßig grob unfairen Gerichtsverfahren verstärkt das Unrecht noch um ein Vielfaches. Dies ist ein eklatanter Missbrauch staatlicher Macht und ein Angriff auf jede Form von Menschlichkeit und Rechtsstaatlichkeit. Auch in diesem Moment sind tausende Menschen im Iran von der Hinrichtung bedroht. Im Durchschnitt werden dort jeden Tag 5 Menschen hingerichtet. Umso wichtiger ist es, dass engagierte Menschen mit Veranstaltungen wie dem Theaterstück „Blutiger Januar“ diese Grausamkeit ins Licht der Öffentlichkeit zerren und den abstrakten Zahlen ein Gesicht verleihen. Öffentliche Aufmerksamkeit ist eine der wirksamsten Waffen, die wir gegen Gewalt und Unterdrückung haben. Sie kann Betroffene schützen, und sie kann Politikerinnen in Deutschland und Europa zum Handeln drängen. Denn unsere politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen haben Einfluss. Wenn Menschenrechte mehr sein sollen als symbolische Solidaritätsbekundungen, braucht es eine konsequente menschenrechtsbasierte Außenpolitik ohne Doppelstandards. Dazu gehören die Unterstützung internationaler Ermittlungen und Strafverfolgung ebenso wie die Unterstützung der iranischen Zivilgesellschaft – im Exil und im Iran selbst.
Global gesehen ist die Anwendung der Todesstrafe mittlerweile eine Ausnahme. In Europa und Zentralasien wurden 2025 keine Todesurteile verhängt und keine Hinrichtungen vollstreckt. Auf dem amerikanischen Kontinent waren die USA im 17. Jahr in Folge das einzige Land, in dem Menschen hingerichtet wurden. In Afrika führten 2025 nur drei von 54 Staaten Hinrichtungen durch.
Nur noch eine kleine Minderheit der Staaten hält an dieser grausamen Praxis fest. Gemeinsam werden wir weiter dafür kämpfen, dass die Todesstrafe überall abgeschafft wird.«
Gabi Uhl: 25 Jahre Kampf gegen die Todesstrafe
Gabi Uhl, Vorsitzende der Initiative gegen die Todesstrafe e.V., berichte von ihren Erfahrungen als Brieffreundin von zum Tode Verurteilten in den USA und als Zeugin bei Hinrichtungen. Die Initiative setze sich für die weltweite Abschaffung der Todesstrafe ein und pflege Brieffreundschaften mit Gefangenen in US-Todestrakten. Uhl verwies auf den Rückgang der Todesstrafe in den USA: Während in den 1990er Jahren noch 80 % der Bevölkerung sie befürworteten, liege die Zustimmung heute bei etwa 50 %. Aktuell führe die Initiative eine Postkartenaktion durch, um den Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, zur Umwandlung aller Todesurteile in lebenslange Freiheitsstrafen zu bewegen.
»Mein Name ist Gabi Uhl. Ich bin seit über 25 Jahren Aktivistin gegen die Todesstrafe. In dieser Zeit habe ich eine ganze Reihe von Brieffreundschaften mit zum Tode verurteilten Menschen in den USA, insbesondere in Texas, gepflegt und war dreimal als Zeugin bei einer Hinrichtung anwesend.
Ich bin Vorsitzende der Initiative gegen die Todesstrafe e. V. Wir sind rund 100 ehrenamtliche Mitglieder, die über ganz Deutschland und die angrenzenden Nachbarländer verteilt sind. Was uns verbindet, ist das gemeinsame Ziel der weltweiten Abschaffung der Todesstrafe. Wir sind überzeugt, dass die Todesstrafe keinen Nutzen bringt, keine Verbrechen verhindert und letztlich nur neues Leid erzeugt.
Unsere Arbeitsschwerpunkte liegen vor allem in den Bereichen Information und Aufklärung. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt ist die Vermittlung von Brieffreundschaften zu Gefangenen in den Todestrakten der USA.
Auch in den USA ist die Todesstrafe – ebenso wie weltweit – auf dem Rückzug. Vor ziemlich genau 50 Jahren, am 2. Juli 1976, wurde sie nach einer vierjährigen Aussetzung durch den Obersten Gerichtshof wieder für verfassungsgemäß erklärt. In den folgenden Jahren erreichte ihre Anwendung in den 1990er Jahren ihren Höhepunkt.
Damals befürworteten rund 80 Prozent der US-Bevölkerung die Todesstrafe, und entsprechend hoch waren auch die Hinrichtungszahlen. Seit etwa der Jahrtausendwende hat sich diese Entwicklung jedoch deutlich umgekehrt. Die Zahl der Hinrichtungen ist stark zurückgegangen, und die Zustimmung zur Todesstrafe liegt inzwischen nur noch bei etwa 50 Prozent. Auch wenn die Zahlen des vergangenen Jahres zunächst einen anderen Eindruck vermitteln könnten, lohnt sich ein genauerer Blick: So wie weltweit vor allem der Iran für den deutlichen Anstieg der Hinrichtungszahlen im Jahr 2025 verantwortlich ist, geht der Anstieg innerhalb der USA in erster Linie auf Florida zurück. Zudem haben inzwischen nur noch 27 der 50 Bundesstaaten die Todesstrafe überhaupt noch in ihren Gesetzen verankert. Die Anwendung konzentriert sich zunehmend auf wenige sogenannte Hardliner-Staaten – eine Entwicklung, die sich auch weltweit beobachten lässt.
Aktuell führen wir als Verein eine Postkartenaktion durch, mit der wir den Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, dazu bewegen möchten, alle noch bestehendenTodesurteile zum Ende seiner Amtszeit in lebenslange Freiheitsstrafen umzuwandeln.
Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Gavin Newsom ist Demokrat, hat bereits die Hinrichtungskammer abbauen lassen, den Todestrakt aufgelöst und die Gefangenen auf reguläre Justizvollzugsanstalten in Kalifornien verteilt. Für dieses letzte große Signal setzen wir uns derzeit ein.
Auch wenn unser praktischer Schwerpunkt auf den USA liegt, engagieren wir uns selbstverständlich weltweit für die Abschaffung der Todesstrafe. So unterstützen wir beispielsweise die Aufklärungsarbeit über die Todesstrafe im Iran durch Lesungen aus dem Buch Wie man ein Schmetterling wird von Shole Pakravan. Unsere Solidarität gilt den Menschen im Iran ebenso wie unseren Freundinnen und Freunden in den USA.
Vielen Dank.«
Ehsan Abri: Hilfsfonds für zum Tode Verurteilte im Iran
Ehsan Abri von der Aktion für Menschenrechte e.V. konnte nicht persönlich anwesend sei, aber sein Beitrag wurde in Vertretung vorgelesen. Darin wurde ein ein konkretes Hilfsprojekt vorgestellt: der Fonds zur Zahlung von Blutgeld (Diyah). Im Iran bestehe in einigen Fällen die Möglichkeit, ein Todesurteil durch die Zahlung von Blutgeld abzuwenden – insbesondere bei Taten, die aus Unreife oder im Affekt begangen wurden. Der Fonds unterstütze nach sorgfältiger Prüfung die Zahlung der Diyah, um Hinrichtungen zu verhindern. Abri appelliere an die Öffentlichkeit, durch Spenden Leben zu retten.
»Guten Tag,
leider werden jedes Jahr weltweit zahlreiche Menschen von Gerichten zum Tode verurteilt und durch staatliche Behörden hingerichtet.
Der Iran gehört seit Jahrzehnten zu den Ländern mit der höchsten Zahl vollstreckter Todesurteile. Betrachtet man die Zahl der Hinrichtungen im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße, zählt der Iran regelmäßig zu den Ländern mit der höchsten Hinrichtungsrate weltweit.
Der Einsatz gegen die Todesstrafe ist ein langfristiger Prozess. Er erfordert sowohl gesellschaftliche Aufklärungs- und Bildungsarbeit als auch tiefgreifende rechtliche und justizielle Reformen.
Wir von der Aktion für Menschenrechte e.V. haben auf Initiative von Frau Sholeh Pakravan und Frau Solmaz Gholami das Projekt „Blutiger Januar“ ins Leben gerufen. Unser Ziel ist es, einen kulturellen und praktischen Beitrag zur Vision einer Welt ohne Todesstrafe zu leisten.
Auch wenn die Abschaffung der Todesstrafe nicht von heute auf morgen erreicht werden kann, gibt es im Iran Fälle, in denen ein Todesurteil durch die Zahlung eines sogenannten Blutgeldes (Diyah) aufgehoben werden kann. Dadurch besteht die Möglichkeit, Menschen zu retten, die als Jugendliche oder junge Erwachsene aus Unreife, im Affekt oder infolge einer unüberlegten Handlung einen Menschen getötet haben und ihre Tat heute zutiefst bereuen.
Aus diesem Grund haben wir einen Hilfsfonds eingerichtet. Nachdem wir jeden einzelnen Fall sorgfältig geprüft haben, unterstützen wir dort, wo die rechtlichen und menschlichen Voraussetzungen erfüllt sind, die Zahlung der Diyah, um eine Hinrichtung zu verhindern und einem Menschen eine zweite Chance auf Leben zu ermöglichen.
Dieser Weg ist ohne Ihre Unterstützung nicht zu bewältigen.
Sie können den QR-Code auf dem Bildschirm scannen und mit einem frei wählbaren Betrag dazu beitragen, das Leben eines Menschen zu retten.
Da die Aktion für Menschenrechte e.V. ein gemeinnütziger Verein ist, erhalten unsere Unterstützerinnen und Unterstützer am Ende jedes Kalenderjahres – neben unserem Jahresbericht – selbstverständlich auch eine Spendenbescheinigung, die steuerlich geltend gemacht werden kann.
Für weitere Informationen und um unsere Arbeit zu verfolgen, besuchen Sie uns auf der Plattform Siyavash.de.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Unterstützung.
Ehsan Abri«
Fazit: Schweigen ist keine Option
Die Pressekonferenz machte deutlich: „Blutiger Januar“ ist mehr als ein Theaterstück – es ist ein Aufruf zum Handeln, ein Beitrag zur globalen Bewegung für die Abschaffung der Todesstrafe und ein Zeichen der Solidarität mit den Opferfamilien im Iran. Die Todesstrafe im Iran ist kein abstraktes Problem, sondern eine tägliche Realität, die Tausende Familien betrifft.
Die Beteiligten waren sich einig: Kunst, Aktivismus und öffentliche Aufmerksamkeit sind zentrale Werkzeuge, um gegen diese Menschenrechtsverletzungen vorzugehen. Wie Shole Pakravan es formulierte:
„Jedes Mal, wenn wir den Namen eines hingerichteten Menschen aussprechen, verteidigen wir unsere Menschlichkeit.“
Die Uraufführung von „Blutiger Januar“ bietet die Chance, diese Stimmen zu verstärken – und vielleicht, wie Solmaz Gholami hofft, „das Vergessen zu besiegen“.
Informationen zur Uraufführung
- Datum: 12. Juli 2026, 20 Uhr
- Ort: Schauspielhaus Bochum
- Eintritt: Frei wählbar
- Mehr Informationen: www.schauspielhausbochum.de/de/stuecke/32810/blutiger-januar
Die Todesstrafe zerstört die Freiheit und ist äußerst brural und primitv!!