Samstag 21.02.26, 01:44 Uhr
Gedenkveranstaltung zum 6. Jahrestags des rassistischen Anschlags in Hanau

Redebeitrag von Serdar Yüksel


Liebe Anwesende,
ich stehe heute hier nicht als Expertin oder Experte.
Ich stehe hier als Mensch.
Als Mensch mit einer Geschichte, die irgendwo zwischen hier und woanders liegt.
Als Mensch, der gelernt hat, zwei Namen zu tragen – einen für Formulare und einen für Zuhause.
Als Mensch, der weiß, wie es sich anfühlt, in einem Raum zu sein und gleichzeitig gefragt zu werden: „Wo kommst du eigentlich wirklich her‘?“


Und deshalb stehe ich heute hier – am Vorabend des Gedenkens an Hanau – nicht nur, um an die Opfer zu erinnern, sondern um über das zu sprechen, was danach bleibt.
Denn Erinnerung beginnt mit Namen.
Gökhan Gültekin.
Sedat Gürbüz.
Said Nesar Hashemi.
Mercedes Kierpacz.
Hamza Kurtović
Vili Viorel Păun.
Kaloyan Velkov.
Fatih Saraçoğlu
Ferhat Unvar.
Neun Menschen.
Neun Leben.
Neun Geschichten, die weitergehen sollten.
Wenn wir ihre Namen aussprechen, holen wir sie aus der Anonymität der Schlagzeile zurück in unsere gemeinsame Wirklichkeit.
Sie waren keine Symbole.
Sie waren Nachbarn, Kinder, Freunde, Kolleginnen und Kollegen – Menschen, die an einem ganz normalen Abend einfach leben wollten.
Und doch blieb nach Hanau nicht nur Trauer.
Es blieb etwas in uns zurück.
Ein Gefühl, das schwer zu beschreiben ist.
Viele Menschen fragen:
„Hat sich seitdem etwas verändert?“
Ja.
Aber vielleicht nicht so, wie man es messen kann.
Was sich verändert hat, ist die Stille im Bus, wenn jemand laut über Ausländer schimpft und niemand widerspricht.
Was sich verändert hat, ist der kurze Gedanke beim als anders gesehen zu werden
Für viele Menschen ist Rassismus eine Meinung.
Für uns ist er eine Atmosphäre.
Man kann ihn nicht immer sehen – aber man spürt ihn.
In Blicken.
In Witzen.
In Diskussionen über „Integration“, in denen wir im Raum sitzen, aber nicht gemeint sind als Teil der Gesellschaft, sondern als Thema.
Nach Hanau haben viele von uns angefangen zu zählen.
Nicht Statistiken.
Sondern Wege nach Hause.
Orte, an denen man sicher sitzt.
Menschen, denen man im Ernstfall schreibt: „Ich bin gut angekommen.“
Das verändert einen.
Es verändert, wie laut man lacht.
Wie spät man bleibt.
Wie oft man seinen Namen buchstabiert.
Wie oft man entscheidet: Heute sage ich nichts – ich habe keine Kraft.
Und gleichzeitig passiert noch etwas.
Man beginnt zu erklären. Immer wieder.
Dass man hier geboren ist.
Dass man Deutsch spricht.
Dass man dazugehört.
Dass man kein Symbol ist.
Dass man einfach leben möchte.
Die große Gewalt von Hanau war schockierend.
Aber sie fiel nicht aus dem Himmel.
Sie wächst dort, wo Worte normal werden.
Wo Abwertung Alltag wird.
Wo Menschen zu Kategorien werden.
Und das hinterlässt Spuren – nicht nur in denen, die angegriffen werden, sondern in der gesamten Gesellschaft.
Denn Angst macht leiser.
Und eine leise Gesellschaft verliert Stimmen.
Viele von uns haben gelernt, sich anzupassen, um sicher zu sein.
Nicht aufzufallen.
Nicht zu widersprechen.
Nicht „zu sensibel“ zu sein.
Doch Zugehörigkeit darf kein Verhaltenstraining sein.
Zugehörigkeit ist ein Versprechen.
Ein Versprechen, dass man nicht zuerst erklären muss, warum man hier sein darf.
Heute geht es nicht nur darum, der Opfer zu gedenken.
Es geht darum, zu verstehen, was nach der Schlagzeile bleibt.
Solingen, Mölln, Hoyerswerda, NSU…
Hanau hat uns nicht nur traurig gemacht.
Hanau hat uns müde gemacht.
Müde vom Einordnen.
Müde vom Relativieren.
Müde davon, zu beweisen, dass unsere Angst berechtigt ist.
Und trotzdem stehen wir hier.
Wir arbeiten hier.
Wir lieben hier.
Wir bauen Freundschaften, Familien, Zukunft – hier.
Nicht trotz dieses Landes.
Sondern in der Hoffnung auf dieses Land.
Und doch spüren viele von uns heute noch etwas anderes:
Wenn wir sehen, wie offener Hass wieder lauter wird,
wie Grenzen in Köpfen gezogen werden,
wie manche sich über den wachsenden Faschismus freuen –
dann stellen sich viele von uns eine Frage, die niemand sich stellen sollte:
Haben wir hier eine Zukunft?
Manche überlegen sich einen Plan B.
Manche haben schon einen.
Nicht, weil sie gehen wollen.
Sondern weil sie nicht sicher sind, ob sie bleiben dürfen – emotional, gesellschaftlich, menschlich.
Und das ist vielleicht das Bitterste:
Dass Menschen, die hier leben, arbeiten, Steuern zahlen, Freundschaften und Familien haben, anfangen zu prüfen, ob ihre Heimat sie auch morgen noch meint.
Aber ich möchte diese Rede nicht mit Angst beenden.
Denn trotz allem gilt auch:
Das hier ist unser Land.
Nicht nur juristisch.
Nicht nur biografisch.
Sondern menschlich.
Unsere Geschichten sind längst Teil dieser Gesellschaft.
Unsere Erinnerungen, unsere Stimmen, unsere Hoffnungen – sie gehören hierher.
Wir werden dieses Land nicht denen überlassen, die Freiheit mit Ausgrenzung verwechseln,
die Vielfalt als Bedrohung sehen,
die Menschen sortieren wollen.
Demokratie lebt nicht davon, dass alle gleich sind.
Sondern davon, dass alle gleich viel wert sind.
Deshalb bleiben wir nicht aus Trotz.
Wir bleiben aus Überzeugung.
Wir bleiben, weil Zugehörigkeit kein Geschenk ist, das man uns geben oder nehmen kann.
Sie entsteht, indem wir jeden Tag miteinander leben.
Hanau erinnert uns, was zerstört werden kann.
Aber unser Zusammenleben entscheidet, was wachsen wird.
Und ich glaube daran:
Die lauteste Antwort auf Angst ist nicht Weggehen – sondern Zusammenstehen.
Wir sind hier.
Wir gehören hierher.
Und wir bleiben.
Danke.