Dienstag 22.09.26, 15:15 Uhr

„Dieser Tag darf nicht das Ende sein!“ 


von Sabrina Clarke

In Sachsen-Anhalt haben wir gerade gesehen, wohin dieses Land steuert, wenn wir nicht endlich handeln. Dieses Ergebnis steht am Ende einer Entwicklung, in der rassistische und rechtsextreme Positionen über Jahre hinweg immer weiter normalisiert worden sind.

Wir sehen seit vielen Jahren, wie Rassismus in unserem Alltag wieder salonfähiger wird. Wir sehen, wie rassistische und rechtsextreme Positionen zunehmend als legitime politische Positionen behandelt werden, obwohl sie auf Ausgrenzung, Ungleichwertigkeit und Entmenschlichung beruhen.

Wer heute die AfD wählt, wählt keine Protestpartei. Die AfD vertritt rassistische und ausgrenzende Positionen nicht nur rhetorisch, sondern macht sie zum politischen Programm. Sie richtet sich gegen Menschen aufgrund ihrer Herkunft, aufgrund ihrer Hautfarbe oder auch ihres Glaubens. Sie richtet sich gegen queere Menschen, gegen Frauen, gegen Menschen mit Behinderungen und gegen viele andere  marginalisierte Menschen, die von Diskriminierung und Ausschlüssen betroffen sind.

Das ist keine Meinung!

Rassismus ist keine Meinung!
Rechtsextremismus ist keine Meinung!
Faschismus ist keine Meinung!

Aber wir müssen auch ehrlich sein: Auch ohne die AfD in der Regierung ist Politik in diesem Land längst von rassistischen und menschenfeindlichen Strukturen geprägt.

Wenn Integrationsangebote eingeschränkt werden, während gleichzeitig Integration eingefordert wird. Wenn soziale Sicherungssysteme unter Druck geraten und diejenigen die Folgen zuerst spüren, die ohnehin am wenigsten haben. Wenn migrantisierte Menschen in politischen Debatten immer wieder zu Sündenböcken gemacht werden.

Dann müssen wir darüber sprechen, wer von dieser Politik profitiert und warum politische Debatten so geführt werden, dass nicht die Verteilung von Reichtum und Macht, sondern migrantisierte Menschen als Problem dargestellt werden und warum Menschen immer wieder gegeneinander ausgespielt werden.

Und wir müssen auch darüber sprechen, was diese Politik konkret bedeutet: für Menschen, die nachts aus ihren Wohnungen oder Unterkünften geholt werden. Für Familien, die auseinandergerissen werden. Für Kinder, die bei Abschiebungen aus dem Schlaf gerissen werden. Für Schwarze Menschen und People of Color, die Rassismus nicht als eine abstrakte politische Debatte kennen, sondern als eine gesellschaftliche Realität, die unseren Alltag, unsere Lebenswege und unsere Möglichkeiten prägt.

Das passiert hier. Und es betrifft ganz konkret das Leben von Menschen.

Deshalb ist jetzt die Zeit zu handeln.
Nicht irgendwann.
Sondern jetzt.

Denn es lohnt sich, für eine gerechtere und freiere Gesellschaft zu kämpfen – eine Gesellschaft, in der Herkunft nicht über Lebenschancen entscheidet und in der Sicherheit kein Privileg ist, sondern ein Recht, das für alle gilt.

Wir sind es leid.

Wir sind es Leid, jahrelang zu erklären, was Rassismus ist, und dann zu hören, wir würden übertreiben.

Wir sind es Leid, zuzusehen, wie über uns gesprochen wird, ohne dass mit uns gesprochen wird.

Wir sind es Leid, dass man uns erst dann zuhört, wenn es zu spät ist – wenn schon wieder jemand von unseren Brüdern und Schwestern getötet wurde.

Denn Schwarze Leben zählen.

Oury Jalloh.
Nelson
Mouhamed Lamine Dramé.

Ibrahima Barry

Lorenz A. 

Yosef

Priscille

Das sind nur wenige Namen unserer Schwarzen Brüder und Schwestern, die getötet wurden – und deren Tod uns jeden Tag daran erinnert, dass Rassismus nicht nur aus Worten besteht. Er kann über Leben und Tod entscheiden.

Schwarzes Leben zählt! Wir müssen dafür kämpfen, dass Schwarzes Leben und das Leben von People of Color geschützt wird – jeden Tag, in unseren Institutionen, in unseren Städten und in dieser Gesellschaft.

Wir sind es leid, immer wieder erklären zu müssen, dass Rassismus kein individuelles Missverständnis ist, sondern gesellschaftliche Macht hat.

Und trotzdem stehen wir heute hier.

Weil wir wissen: Wer aufhört zu kämpfen, überlässt das Feld denen, die menschenverachtende Ideologien verbreiten und weitertragen.

Lasst uns deshalb eine Sache klarstellen:

Rassismus ist kein Randphänomen!

Er ist kein Ausrutscher. Keine Entgleisung einzelner. Kein Problem, das irgendwo weit draußen am Rand dieser Gesellschaft stattfindet, sondern tief in unserer Mitte verankert ist.

Rassismus findet dort statt, wo Behörden darüber entscheiden, wer bleiben darf und wer nicht. In Personalabteilungen, die entscheiden, wer eingeladen wird und wer nicht. In Klassenzimmern, in den Nachrichten, in unseren Gesetzen und in den Blicken auf der Straße.

Und genau deshalb tragen wir alle Verantwortung.

Wir alle leben in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen und entscheiden jeden Tag mit darüber, ob wir bestehende Verhältnisse reproduzieren oder anfangen, sie zu verändern. 

Verantwortung bedeutet nicht, dass wir alle dasselbe tun oder dieselben Möglichkeiten haben. Aber niemand kann sich darauf zurückziehen, und meinen mit Rassismus nichts zu tun zu haben. 

Wir – Schwarze Menschen und People of Color – sagen das nicht erst seit gestern.

Wir sagen es seit Jahrzehnten.

Unsere Eltern haben es gesagt.
Unsere Großeltern haben es gesagt.

Und trotzdem müssen wir es immer wieder neu beweisen, immer wieder neu belegen, immer wieder neu erklären, als müsste unsere Erfahrung erst durch Institutionen beglaubigt werden, bevor sie als Wissen ernst genommen wird.

Aber unsere Geschichte ist Wissen.
Unsere Erfahrungen sind Wissen.
Unsere Kämpfe sind Wissen.

Und dieses Wissen ist nicht dafür da, immer wieder nur zu erklären, warum diese Gesellschaft so ist, wie sie ist. Es ist auch eine Grundlage dafür, zu verändern, was ist.

Deshalb darf das, was heute hier passiert, nicht bei diesem einen Tag bleiben.

Wir müssen aus unserer Wut Organisation machen. Aus unserer Solidarität müssen Strukturen entstehen. Und aus diesen Strukturen muss die Kraft wachsen, mit der wir Veränderungen durchsetzen.

Denn niemand wird uns diese Veränderung schenken. Wir müssen sie gemeinsam erkämpfen.

Und an alle, die nicht selbst von Rassismus betroffen sind, aber heute hier stehen:

Solidarität ist kein Zuschauerplatz.

Solidarität heißt nicht, mitzulaufen und sich hinterher dabei gut zu fühlen.

Solidarität heißt, zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen, Ressourcen zu teilen und Strukturen zu unterstützen. Die eigene Stimme dort einzusetzen, wo sie gebraucht wird. Raum abzugeben, statt ihn zu verwalten. Und nicht wegzusehen, wenn es unbequem wird, sondern gerade dann hinzusehen.

Wir werden diese Gesellschaft nicht verändern, indem wir einmal im Jahr laut sind und uns danach wieder zurückziehen.

Wir verändern sie, indem wir dranbleiben, uns organisieren und aus unserer Verbindung dauerhafte Handlungsmacht machen.

Deshalb: Unterstützt die Vereine, Organisationen und Schwarzen Initiativen, die seit Jahren für die Rechte von migrantisierten Menschen und für Gerechtigkeit kämpfen und heute stärker unter Druck stehen. Unterstützt diejenigen, die Anti-Schwarzen Rassismus sichtbar machen, Fälle dokumentieren, Betroffene beraten, politische Bildung leisten und Schwarze Menschen und People of Color organisieren.

Spendet, wenn ihr könnt.
Werdet Mitglied, wenn ihr könnt.
Gebt eure Zeit, wenn ihr sonst nichts geben könnt.

Aber lasst uns nicht nur bestehende Strukturen unterstützen. Lasst uns auch selbst Strukturen schaffen, in denen wir uns dauerhaft organisieren, Wissen weitergeben und gemeinsam handlungsfähig werden.

Wir sind heute hier, weil wir uns weigern, diese Entwicklung einfach hinzunehmen.

Aber dieser Tag darf nicht das Ende sein.

Er muss ein Anfang sein.

Für mehr Verbindung.
Für mehr Organisierung.
Für mehr Handlungsmacht.

Gegen Rassismus.
Gegen Rechtsextremismus.
Gegen jede Form von Unterdrückung.

Denn wir alle sind erst dann wirklich frei, wenn jeder Mensch wirklich frei leben kann.

Danke.

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