Sonntag 09.08.26, 16:51 Uhr
Musikalische Kundgebung von Lebenlaute am 8. August 2026 in Bochum

Redebeitrag vom Chor Chorrosion


Liebe Anwesende,
ich spreche für den Bochumer Chor Chorrosion. Als wir gehört haben, dass das Projekt Lebenslaute diesmal gegen die Wohnungsnot protestieren will – und zwar in Bochum, weil Vonovia hier wohnt – haben wir das sofort unterstützt und ich danke allen Instrumentalist*innen, Sänger*innen, Organisator*innen und Helfer*innen von Lebenslaute ganz herzlich für ihre Engagement und ihre Aktionen hier in Bochum.

Aber als einladender Chor kommen wir leider nicht darum herum, uns für Bochum zu schämen. Ich wüsste nicht, wer in letzter Zeit dem Ruf Bochums so geschadet hat wie der Kulturdezernent Herr Diekmann, der mit einer politisch unmöglichen und selbst juristisch nicht haltbaren Begründung: Vonovia könnte beleidigt werden, den Auftritt im Kunstmuseum verboten hat.

Seit wann, Herr Diekmann, darf man in diesem Land, Unternehmen nicht mehr öffentlich kritisieren? Seit wann wird Kritik als Beleidigung und Diffamierung verunglimpft?

Ich möchte einmal feststellen: Einen Kulturdezernenten, der Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit mit Füßen tritt, statt sie zu verteidigen, braucht kein Mensch. Da wäre der vorzeitige Ruhestand doch eine Win-win-Situation für alle Seiten.

Kunst existiert ja nie im luftleeren Raum. Sie ist immer eine Haltung zur Welt – Kunst kann deshalb gar nicht neutral sein.

Bertolt Brecht hat das in seinem Gedicht An die Nachgeborenen auf den Punkt gebracht:

„Was sind das für Zeiten, wo

Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist

Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“

Wer schweigt, trifft eine Wahl. Wer verhindert, dass über Wohnungsnot und Mietenwucher gesprochen und gesungen wird, übt politische Zensur aus. Wer keine öffentliche Debatte darüber will, wie der größte Wohnungsbestand in Deutschland der kapitalistischen Verwertung entzogen werden kann – und nichts anderes heißt ja die Parole: enteignet Vonovia – übt politische Zensur aus.

Die Kunst- und Meinungsfreiheit ist kein Privileg für schöne Zeiten, Zensur beginnt nicht erst dort, wo Bücher verbrannt oder Bilder abgehängt werden. Sie beginnt oft schleichend: im vorauseilenden Gehorsam, in der Angst irgendwo anzustoßen oder im Druck, sich einer Mehrheitsmeinung anzupassen.

In einer Gesellschaft, die der Kunst den Mund verbietet, stirbt die Demokratie. Lasst uns also laut sein für die Freiheit der Kunst – gerade dann, wenn sie wehtut.

Vielen Dank.