Montag 15.06.26, 15:51 Uhr
Interview mit Prof. Dr. Karim Fereidooni

„Das ist eine neue Qualität im Auftreten der AfD“ 2


Prof. Dr. Karim Fereidooni ist Hochschullehrer an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Rassismusforschung sowie in Fragen von Diversität und politischer Bildung in der Migrationsgesellschaft. Er war gerne bereit auf einige Fragen zu antworten.
Die Landtagsabgeordnete der AfD, Enxhi Sely-Zaharias, postet auf ihrem Instagram-Kanal ein Video, in dem sie Menschen im Gelsenkirchener Stadtteil Ueckendorf-lautstark auffordert, die Straßen zu putzen. Herr Fereidoni, Sie haben in einem Interview davon gesprochen, dass es sich bei dieser Aktion um eine neue Qualität des Auftretens der AfD handeln würde. Was meinen Sie damit?
Das ist eine neue Qualität im Auftreten der AfD, weil sogenannte Stadtteilbesuche gemacht werden. Menschen mit internationaler Familiengeschichte sind sogar in ihrem eigenen Stadtteil, also in ihrem Schutzraum, nicht mehr sicher vor den Besuchen der AfD. Also die AfD suggeriert damit, ihr seid nirgendwo mehr sicher, es bleibt nicht mehr beim Reden, sondern wir besuchen euch und wir machen euch das Leben so unangenehm wie möglich. Das ist die erste Komponente.

Und die zweite Komponente ist, diese AfD-Mitglieder, Parteimenschen, Landtagsabgeordnete, die haben dafür gesorgt, dass Bürger*innen der Stadt Gelsenkirchen mit internationaler Familiengeschichte angefangen haben, eigentlich die Aufgaben der Stadtreinigung zu übernehmen. Das heißt, es geht ein Druck von diesen Personen aus, auf Menschen mit internationaler Familiengeschichte. Und die AfD-Parteimitglieder fühlen sich berechtigt, anderen Menschen vorzuschreiben, was sie machen sollen oder was nicht. Und ich glaube, dass dieses Machtgefüge hier ausgespielt wird von denjenigen, die von sich selber sagen, wir sind die rechtmäßigen Deutschen, wir können anderen Menschen sagen, was sie machen sollen oder was nicht.

Und ich glaube, das sind diese beiden Komponenten, die mich wirklich schockieren. Wir können über Missstände in jeder Gesellschaft sprechen. Wir können über Missstände in jedem Stadtteil sprechen. Aber dann bitte auch mit den Verantwortlichen und denen, die Sorge dafür leisten müssen, dass die Stadt sauber bleibt, nämlich mit dem Ordnungsamt oder mit dem Oberbürgermeister, mit der Oberbürgermeisterin. Ich glaube, dieses Video hat ganz, ganz schlimme Folgen für die Menschen, die in Gelsenkirchen in diesem Stadtteil leben, weil sie sich schutzlos fühlen gegenüber der AfD.

Irgendwie erinnert das doch sehr an ein Auftreten als „Herrenmenschen“ oder?

Die AfD unterscheidet ja schon seit längerem zwischen richtigen Deutschen und Passdeutschen. Die sagen: Ja, einen deutschen Pass kann man erwerben, ein Stück Papier kann man erwerben, aber richtiger Deutscher wird man nur, wenn man richtig deutsches Blut hat. Auch AfD-Mitglieder mit internationaler Familiengeschichte führen eine Trennung durch zwischen „richtigen Deutschen“, die sich hier benehmen können, also angepassten Menschen und denjenigen, denen man zeigen muss, dass sie entweder hier nicht zugehörig sind oder denen man zeigen muss, wie man hier richtig lebt.

Ich glaube, diese Trennung ist fatal. Die AfD spaltet Menschen in wertvolle und nicht wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft. Und das kann wirklich nicht sein. Das hatten wir schon einmal in der Vergangenheit, aber zu diesem Zustand dürfen wir auf gar keinen Fall wieder zurückkommen.

Ist das denn aus Ihrer Sicht eine einzelne Aktion oder ist das ein Trend?

Ich glaube, dass das eine neue Strategie ist, tatsächlich die Menschen dort zu „besuchen“, wo sie leben und denen überall eigentlich das Gefühl zu geben, ihr seid hier nicht willkommen, ihr seid nicht zu Hause und wir werden euch besuchen, damit ihr Dinge macht, die von euch verlangt werden von uns. Ich glaube, es kommt tatsächlich darauf an, wie die Zivilgesellschaft reagiert, wie Gesellschaft reagiert, wie Stadtgesellschaft reagiert, wenn die das hinnimmt die Zivilgesellschaft, diese AfD-Aktion, dann wird die AfD sich weiterhin mehr zutrauen und noch schlimmere Dinge machen.

Das heißt, man muss der AfD ganz klar signalisieren, ihr dürft so etwas nicht machen. Es ist schon schlimm genug, dass ihr in euren Reden Menschen gegeneinander ausspielt. Aber da muss die Solidarität innerhalb der Zivilgesellschaft breit aufgestellt werden. Und ich würde mir wünschen, dass die GelsenkirchenerInnen dann auch diesen AfD-Menschen Paroli bieten.

Es wird ja häufiger in der Berichterstattung ein Vergleich zum Auftreten der NSDAP in den 20er-Jahren gezogen. Ist das sinnvoll? Spitzt das die Fragen richtig zu?

Also ich vergleiche die AfD nicht mit der NSDAP. Ich halte nichts von diesen Hitler-Vergleichen. Ich glaube auch nicht, dass wir 2026 in einer Zeit leben, die vergleichbar ist mit 1933 bis 1945. Das glaube ich auf gar keinen Fall. Ich glaube aber dennoch, dass Dinge, die früher durchgeführt worden sind, tatsächlich heutzutage hochgradig tabuisiert sein sollten. Also zwischen 1933 und 1945 und davor mussten jüdische Menschen beispielsweise vor der eigenen Haustüre kehren. Also diese Maßnahmen, diese öffentliche Denunziation, diese öffentliche Demütigung, diese Praxis wurde von rechtsextremen Menschen damals schon betrieben.

Das heißt, ich sage nicht, dass die AfD die NSDAP ist, das glaube ich auf gar keinen Fall. Ich glaube aber, dass die Möglichkeiten, Menschen öffentlich anzuprangern und fertig zu machen, gleich geblieben sind und dass die AfD sich dieser Logik tatsächlich bedient. Das sehen wir nicht nur in diesem Beispiel, sondern vor kurzem hat das Deutsche Institut für Menschenrechte eine Expertise vorgelegt in Bezug auf Inklusion. Wie stellt sich die AfD eigentlich den Umgang mit behinderten Menschen vor? Und auch in diesem Gutachten wurde deutlich, dass viele Aspekte, die in der Zeit von 1933 bis 1945 das Leben in Deutschland geprägt haben, dass die AfD diese auch übernommen hat. Das heißt, auch da würde ich sagen: Wehret den Anfängen, wir dürfen nicht mehr die politischen Dinge nutzen, die früher genutzt worden sind, um Menschen gegeneinander auszuspielen, Menschen fertig zu machen.

Gemeinhin wird die AfD in NRW als sehr gemäßigt behandelt. Wie passt das zu dieser neuen Qualität? Ist das Bild überhaupt richtig?

Natürlich gibt es unterschiedliche Strömungen in der AfD. Natürlich gibt es auch – wie in anderen Parteien – eher liberale Landesverbände und eher konservative bis gesichert rechtsextreme Landesverbände. Die Unterschiede gibt es auf jeden Fall. Aber ich glaube, vor dem Hintergrund der Entwicklung der letzten Jahre muss man sich nicht wundern, dass auch eine sogenannte gemäßigte Partei oder ein gemäßigter Landesverband solche Sachen macht, wie die AfD jetzt gerade in Nordrhein-Westfalen. Also natürlich gibt es Unterschiede innerhalb der AfD, aber dass die AfD im Ganzen die Ansicht vertritt, dass einige Menschen nicht mehr in Deutschland leben sollten, also Menschen, die so aussehen wie ich beispielsweise, dass die AfD insgesamt bestimmte Personen als rechtmäßige Deutsche wahrnimmt und andere eben nicht. Das muss allen Menschen klar sein. Und deswegen ist die AfD als Ganzes tatsächlich das Problem, weil sie gegen unsere plurale Demokratie kämpft.

In dem Zusammenhang ein Wort von Ihnen zum AfD-Verbot, das Sie auch mit unterstützen. Offenbar fühlt sich diese Partei mittlerweile auch hier im Westen bereits so stark, dass sie unverhohlen die rassistische Ideologie verbreitet. Kann die Bemühung um ein Verbot überhaupt da noch gegenhalten?

Weil eben diese rassische Ideologie teilweise unverhohlen übernommen wird von AfD-Funktionären, müssen wir dagegen halten. Also das Parteiverbot ist so wichtig, weil die AfD so stark geworden ist. Wenn die AfD unbedeutend wäre, dann müssten man die Partei nicht verbieten. Weil wir Gefahr laufen, dass die AfD unsere Gesellschaft, unsere plurale Demokratie nachhaltig zerstört -mit demokratischen Mitteln – müssen wir als wehrhafte Demokratie uns für ein Parteiverbot einsetzen.

Das Parteiverbot ist unheimlich wichtig, ist das Wichtigste, was derzeit anliegt, um eben zu verhindern, dass die AfD an die Macht kommt, um ihre völkischen, nationalen Interessen durchzusetzen.

Danke für diese klaren Worte. Am nächsten Donnerstag ist ja der NRW-Appell in Düsseldorf und da wollen wir die gesammelten Unterschriften – wir sind jetzt bei 115.000 – an den Ministerpräsidenten übergeben. Was würden Sie der Delegation mit auf den Weg geben?

Ich möchte allen Menschen danken, die sich für ein AfD-Verbot einsetzen. Ich möchte allen Menschen danken, die diese Initiative gestartet haben! Die AfD muss verboten werden, weil sie eine menschenfeindliche Partei ist. Ich danke allen Menschen, die sich für eine plurale Demokratie einsetzen. Und ich mache bei dieser Initiative sehr gerne mit, weil Wissenschaft nicht neutral sein darf. Wissenschaft muss sich ganz eindeutig positionieren im Sinne des Grundgesetzes. Und ich wünsche uns allen viel Kraft, viel Durchhaltevermögen bei diesem steinigen Weg. Und ich wünsche Menschen, die darüber entscheiden, ob die AfD verboten werden soll oder nicht, den Mut, sich für das Grundgesetz einzusetzen, für unsere plurale Demokratie einzusetzen. Es geht hierbei um das große Ganze. Es geht nicht um Partikularinteressen. Die AfD möchte unsere gesamte Gesellschaft, unser Leben in unserer Gesellschaft verändern. Es geht nicht nur um Menschen mit internationaler Familiengeschichte. Es geht um Frauenrechte, es geht um LGBTQI*-Rechte, es geht um Außenpolitik, es geht um Wirtschaftspolitik, es geht um Europapolitik. Es geht tatsächlich auch um das Männerbild der AfD. Wünschen wir uns eine patriarchale Männlichkeit oder wünschen wir uns, dass auch Männer sensibel sind in Bezug auf unterschiedliche Lebensbereiche. Also es geht wirklich um das große Ganze. Deswegen Dankeschön, dass Sie das machen. Ich bin gerne dabei und ich wünsche uns allen viel Erfolg.


2 Gedanken zu “„Das ist eine neue Qualität im Auftreten der AfD“

  • Leon

    Eine verwirrende Antwort seitens des Befragten. Der Professor antwortet auf den Vergleich von gewissen Methoden der AfD-Politik zu den 20er Jahren mit einem Vergleich zu den Jahren 1933 bis 1945. Das wurde nicht gefragt macht vieles unklar verwischt den Kern der Frage.

    Das nationalsozialistische Partei war vor ihrem guten Abschneiden während der Reichstagswahlen im März 1933 eine andere als danach. Sie kämpfte seit ihrer Gründung und vor ihren großen Stimmengewinnen und der sogenannten „Machtergreifung“ 1933 um die Macht mit politischen Konkurrenten und gegen Teile des Staates. Sie verbündete sich ab 1933 mit den Eliten, dem Staats- und Machtapparat. Sie war als Bewegung in Auftreten, Methoden und Durchsetzung in den 20er Jahren anders als als diktatorische Staatspartei. Sie agitierte, organisierte und handelte vor 1933 anders: als Bewegungspartei. So sind auch Methoden der aktuellen AfD zu bewerten. Sie ist eine Bewegungspartei auf den Weg zur Macht und sie hat nicht die alleinige Macht a la NSDAP 1933 – 45. Die AfD greift in Rhetorik und Aktionen in einen Methodenkoffer rechtsreaktionärer Bewegungen, die sich sozial geben, sich als Vertreter prekärer und benachteiligter Bevölkerungsgruppen ausgeben und mischen dieses Vorgehen populistisch ab. Und sie hat Gegner in der Bevölkerung und in Teilen des Staats- und Machtapparats und der politischen Eliten.
    Dies in den Vergleich mit der Zeit der NS-Diktaturwurde nicht gefragt und entbehrt auch einer Sinnhaftigkeit.

    Aber auch, wenn man diese Frage stellen würde, wie die AfD zu bekämpfen sei. Will man rechtsextreme Bewegungen und/oder Bewegungsparteien bekämpfen und besiegen ist es sicherlich zielführen historische und internationale Vergleiche anzustellen und auch aus historischen wie internationalen Gegenbewegungen zu lernen. Gerade mehrere Blicke auf soziale Bewegungen, die in der BRD an einigen Stellen durchaus Erfolge erzielen konnten sollte man sich leisten. Dafür müsste man aber auch weg von permanenten selbstdarstellerischen Kampagnenbusiness in Hand von modernen Politikbusiness kommen und basisnah die „soziale Frage“ stellen.

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