Gestern fand bei schönstem Wetter und mit vielen Besuchern das antifaschistische Straßenfest vor der KoFabrik statt. Den Auftakt dazu bildete eine lebendige und lautstarke Demonstration vom Hauptbahnhof zur Stühmeyerstr. .
Eindrücke von Demonstration und Fest.
Na ja, ich fand es auf dem Fest schon ein wenig spooky.
Allgegenwärtig waren „Hammer und Sichel“, auf Shirts, Aufklebern und Broschüren.
Ein junger Mann, der sonst als Taktangeber bei Palästina-Demos auftritt, mit „Stalin“-Fußballtrikot. Irgendwie erinnerte mich das alles an die 70er. Junge Trotzkist*innen von SOL neben Stalinist*innen. „Rotes Ruhrgebiet“, SDAJ, DKP, „Kommunistische Organisation“, „Avanti Gelsenkirchen“, „Rote Jugend Deutschland“ etc.
Ich vermute, dass die meisten Kufiya-Träger*innen noch nie mit Menschen über ihre Probleme und Träume gesprochen haben, die in den letzten Jahren aus Gaza gekommen sind. Es gibt sie ja durchaus in Bochum.
Die Fans und Unterstützer*innen der „Sumud-Flotilla“ werden Gaza natürlich nicht mit ihren homöopathischen Dosen an Lebensmitteln und Medikamenten erreichen. Auf dem Rückweg werden sie bestimmt nicht auf die Idee kommen, die Seenotretter:innen im Mittelmeer zu unterstützen und Geflüchtete aufnehmen.
Ich vermute, dass die wenigsten Kids, die stolz „Hammer und Sichel“-T-Shirts tragen, hier Kontakt zu Menschen aus der Ukraine (oder Russland) haben, die vor dem russischen Angriffskrieg geflohen sind. Wir haben hier in Bochum beispielsweise eine ukrainische Historikerin, die zum repressiven Charakter der Sowjetunion publiziert hat, Menschen, die Russland aus politischen Gründen verlassen mussten, ukrainische und russische Kriegsdienstentzieher*innen und Deserteure der ukrainischen Armee usw.
Vielleicht sind es nur junge Leute, die in dieser immer komplexeren Welt einfache ideologische Erklärungsmuster suchen.
Eine immer mehr intellektualisierte Linke, die lieber in akademischer (Herrschafts)Sprache über Moishe Postone diskutiert und nicht mehr in der Lage ist, mit dem „revolutionären Subjekt“ zu kommunizieren, geschweige denn dort sozial anzudocken, trägt sicherlich zur Renaissance solcher Gruppen bei, die zu einfache Erklärungsmuster für komplexe Probleme bieten.
Diese „roten Gruppe“ pressen alles in ein Schema „unterdrückte Völker“ vs. Imperialismus und/oder Zionismus. Ein alter Handwerksspruch besagt: „Wer nur einen Hammer hast, für den ist jedes Problem ein Nagel.“
Manche dieser Ansätze kenne ich ja durchaus noch aus meiner eigenen Jugend. Das Leyla-Khaled-Poster an der Wand der WG, die Kufiya, die sich auch prima zum Motorradfahren eignet, und die Projektion einer besseren Welt auf die „Revolution“ in Nicaragua etc..
Aber da ergeben sich schon die ersten Unterschiede. Wir haben bewusst Teile der Ideologie der Befreiungsbewegungen übernommen bzw. diskutiert. Dazu gehörten die „Theologie (und Psychologie) der Befreiung“, die Poesie eines Ernesto Cardenals sowie die Visionen von Frauenbefreiung und kollektiver Landwirtschaft. Ähnliches sehe ich heute nur noch im Rahmen der Kurdistan-Solidarität.
Bei der sogenannten „Palästina-Solidarität“ finden sich da große Leerstellen. Wer von den deutschen Unterstützer*innen kann schon palästinensische Dichter*innen rezitieren und unterstützt konkret Frauenkollektive in Gaza oder bei der Olivenernte in der Westbank? Diese Leute gibt es durchaus, aber sie sind sehr selten.
Wenn ihnen ihre Themen wirklich wichtig wären, dann würden sie bei Veranstaltungen mit Anastasia Tikhomirova, Hashomer Hatzair, Hamza Howidy, Tom Khaled Würdemann usw. die ja bis auf Anastasia (sie war in Mülheim) alle in Bochum waren, mitdiskutieren. Dazu müsste man aber die eigene selbstreferezielle (auf sich selbst beziehende) Bubble verlassen.
Schauen wir, wie sich das entwickelt.
Lieber Andreas,
danke für die Zeilen bzw. für deine Gedanken. Ich war nicht vor Ort, kann aber deine hier geschilderten Eindrücke nachvollziehen. Hoffentlich entwickelt es sich nicht in diese „Richtung“. https://www.youtube.com/watch?v=67kJvfW_64M – Analyse versus Hoffnung….eigentlich gäbe es ja bei den Umfragewerten der FCKAFD ganz andere „Herausforderungen“.
„Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ (Rosa Luxemburg 1918)
Hallo Christian, hallo Andreas,
zuerst an Dich, lieber Christian – du sprichst mir aus der Seele, vielen Dank für Deine Zeilen!
Lieber Andreas, ein Austausch zwischen uns kam hier zu einem Artikel leider nicht zustande, weil ich mit einer Latenz von 4 Tagen geantwortet hatte.
Genau zu diesem Themanschwerpunkt „Entwicklung linke Szene“ suche ich einen direkten Austausch, den ich bis hierhin leider nicht finden konnte. Innerhalb der „Szene“ bin ich ohne Ausnahme nur auf verschränkte Arme gestossen – eine kritische Selbstreflektion scheint den Meisten eher unangenehm bÃs unerwünscht. Falls es in diesem Rahmen Möglichkeiten gibt, würde ich mich über entsprechenden input freuen. Liebe Mods, gebe insofern meine Kontaktdaten zur internen Weitergabe frei.
Gerne Austausch. bo-alternativ hat ja meine Kontaktdaten und kann sie gerne weitergeben.
Hier gibt es übrigens einen aktuellen „Unbehagen“-Podcast zum Thema: https://rechtsgerichtet-der-podcast.podigee.io/73-neue-episode