Sonntag 10.05.26, 16:03 Uhr
Gedenkrundgang am Tag der Befreiung am 8. 5. 2026 in Bochum

Redebeitrag von Uli Borchers Bündnis gegen Rechts


8. Mai 2026: AN WEN ERINNERN WIR? WEM GILT UNSER GEDENKEN?

Wir erinnern an die Menschen, die in Bochum zur Zwangsarbeit gezwungen wurden, Zivilisten, Kriegsgefangene, politische Häftlinge, jüdische Häftlinge.
Wir gedenken der Menschen, die im politischen Widerstand waren und hingerichtet wurden.
Nach einem Bericht der Gestapo vom 10.April 1939 waren ca.112.000 politisch Verurteilte und ca. 300.000 Widerstandskämpfer in Haft (Quelle:Schriftenreihe der Demokratischen Aktion anlässlich der „Ausstellung antifaschistischer Widerstand 1933-1945“ 1971 München).

Mehr als 13 Millionen Frauen und Männer waren im Faschismus zu Zwangsarbeit eingesetzt, in Bochum ca.33.000.
Die interaktive Karte vom Bündnis gegen Rechts weist die Existenz von 192 Lagern nach.
„Alle“ hatten zwischen 1939 und 1945 ZwangsarbeiterInnen im Einsatz:
-die Bergbaubetriebe und Zechen
-alle Werke der Eisen-und Stahlindustrie, vor allem der „Bochumer Verein
-Klein- und Handwerksbetriebe
-die öffentliche Verwaltung
-bäuerliche Betriebe
-Familien.
Die Arbeitsbedingungen der ZwangsarbeiterInnen, vor allem in den kriegswichtigen Betrieben, waren besonders hart und unmenschlich. „Vernichtung durch Arbeit“ war das ideologische Programm der Nazi-Diktatur.
Ralf Abrahamson, überlebender jüdischer Häftling des KZ-Außenlagers Buchenwald in der Brüllstrasse beschreibt die Arbeitsbedingungen so:
-Bewachung des Lagers durch SS-Mannschaften
-Arbeitszeiten beim Bochumer Verein 10-12 Stunden
-Akkordarbeit in der Geschossdreherei
-keine Arbeitsschutzkleidung,
-große Verletzungsgefahr
-schlechte Ernährung
-kein Schutz bei Bombenangriffen
-schlechte medizinische Versorgung.
-zusätzlicher Arbeitseinsatz beim Entschärfen von Bomben-Blindgängern mit ganz besonders hohem Lebensrisiko.
Diese Lebens-und Arbeitsbedingungen hatten eine hohe Sterberate zur Folge:
Her auf dem Freigrafendamm sind ca.1800 Zwangsarbeiterinnen beerdigt,
ca. 60 auf dem jüdischen Friedhof an der Wasserstraße.
Wer überlebte, konnte nach 1945 in die Heimatländer zurückkehren.
Besonders schlecht erging es den Frauen und Männern aus den Ländern der SU: Tausende von ihnen wurden als sog. „Kollaborateure“ wieder inhaftiert.
Eine wie auch immer geartete „Entschädigung“ für Zwangsarbeit war in der Zeit der Adenauer-Regierung nicht vorgesehen:
-das Bundesentschädigungsgesetz von 1953 schloss „im Ausland lebende sowie nicht rassisch oder politisch Verfolgte“ von jeder der Leistungen nach dem Gesetz aus!
Erst nach 2000 kam es zu Zahlungen an diejenigen, die dann noch lebten.
Und das auch nur nach intensiven öffentlichen Aktionen, Forderungen und Protesten zivilgesellschaftlicher Organisationen.
Allerdings war dieses historische Kapitel auch ein besonderes Beispiel politischer Verharmlosung:
-konnten sich vor allem die Firmen, die von Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft profitiert hatten, endlich von jeder Verantwortung durch lächerliche Beträge freikaufen!!!
Gedenkarbeit, Erinnern wird immer schwieriger, je länger die Zeit der Nazi-Diktatur zurückliegt.
Unsere Veranstaltungen hier sind unverzichtbar, sie sind Ausdruck von politischer Überzeugung und antifaschistischer Haltung, die Zahl der Teilnehmenden bleibt leider gut überschaubar.
Meine Idee ist, das nächste Jahr bis 2027 zu nutzen, über die „Neugestaltung“ der Erinnerungsarbeit nachzudenken.
Andererseits: Unsere Veranstaltung hier „schärft“ den Blick auf die politische Entwicklung im Land.
Ja, wir reden viel über die AfD, aber die wahre Rechtsentwicklung wird noch deutlicher, wenn wir auf ein anderes Feld gesellschaftlicher Konflikte blicken.
Wer wissen will, was Rechtsentwicklung in Deutschland heißt, muss sich anschauen, was im Bereich der „Migrationspolitik“ läuft.
Das Grundrecht auf Asyl wird immer weiter und mit den absurdesten Begründungen in Frage gestellt.
Die „Genfer Flüchtlingskonvention“ ist „überholt“ (Jens Spahn).
Verschärfte Grenzkontrollen und Zurückweisungen an den Grenzen zu anderen EU-Staaten, auch von den Menschen, die einen Asylantrag stellen wollen.
Urteile von Verwaltungsgerichten, die die Rechtswidrigkeit dieser Maßnahmen belegen, interessieren den Innenminister nicht.
Der Familiennachzug für Geflüchtete wurde ausgesetzt.
Das „Gemeinsame europäische Asylsystem -GEAS“ soll dazu führen, dass Flüchtlinge ihr Asylverfahren außerhalb Europas durchlaufen müssen, mit Verbleib in Lagern unter haftähnlichen Bewegungen.
Die Spitze der Rechtsentwicklung markiert allerdings der offensichtlich „unaufhaltsame“ Aufstieg der AfD.
Zweitstärkste Fraktion im Bundestag, in allen Länderparlamenten vertreten und mit einem Stab von 1000 Mitarbeitern und einem finanziellen Budget von 120.000.000 Euro ausgestattet.
Die politische Programmatik der AfD, eine echte Gefahr für die Demokratie!
Das haben Tausende von Menschen längst erkannt.
Keine Veranstaltung der AfD ohne Proteste aus der Zivilgesellschaft, das ist heute die Wirklichkeit im ganzen Land.
Die Forderung nach einem AfD-Verbot ist hochaktuell und wird durch den „NRW-Appell zum AfD-Verbot“ gerade sehr deutlich: Fast 100.000 Unterschriften sind bisher gesammelt worden.
Wer heute Unterschriften für ein AfD-Verbot sammelt, weiß, dass das nicht immer nur ein leichtes Spiel ist.
Wer die Forderung zum Verbot in der Öffentlichkeit vertritt, wird nicht nur auf einhellige Unterstützung und Sympathie stoßen, sondern auch auf Ablehnung, Kritik, erlebt Drohungen.
Die SammlerInnen sind mutig, hartnäckig, ich habe vor ihnen großen Respekt.
Ich befürworte das AfD-Verbot, selbst bei der großen Zahl der ungeklärten Fragen.
Wer noch zusätzliche Argumente braucht, für die Notwendigkeit des AfD-Verbots : der Artikel (von Jörg Bong) heute in der SZ liefert diese.
Gedenkarbeit heißt, den beispiellosen Umfang der faschistischen Verbrechen weder zu verharmlosen noch in Frage zu stellen.
Wie lautete der Schwur der Befreiten und Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald:
Wir werden den Kampf erst aufgeben, wenn der letzte Schuldige vom Gericht aller Nationen verurteilt ist.
Die endgültige Zerschlagung des Nazismus ist unsere Losung.
Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ideal“.