
Hallo, ich bin Miriam von der Bezirksschüler*innenvertretung (BSV) Bochum und der Landesschüler*innenvertretung (LSV) NRW. Es ist super, dass ihr heute alle hier seid, und vielen Dank, dass ich über die Perspektive der Schüler*innen auf Wehrpflicht und Frieden sprechen darf. Das Thema liegt mir sehr am Herzen, denn so heißt es, wir brauchen eine Wehrpflicht, um Frieden und Freiheit zu verteidigen. Doch ich frage mich und ich frage euch: Ist eine Gesellschaft, die sich auf Krieg vorbereitet, noch eine Friedensgesellschaft?
Schon jetzt sieht das reformierte Wehrdienstgesetz vor, dass alle Jungen und Männer, die länger als drei Monate das Land verlassen, sich dies genehmigen lassen müssen. Das galt früher nur im Kriegs- und Spannungsfall. Das gelte jetzt, bei der Fragebogenpflicht, noch nicht, heißt es aus dem Verteidigungsministerium. Erst, wenn es wieder eine richtige Wehrpflicht gibt, dann greife diese Regelung. Als ob es das besser macht.
Ich habe Angst, dass wir eine Wehrpflicht bekommen, ich habe Angst, dass der Krieg auch zu uns kommt.
Ich habe als Kind gedacht, dass es so etwas wie Krieg nirgendwo gibt, denn es erschien mir einfach so sinnlos. Als ich älter wurde, wusste ich zwar, dass es so etwas wie Krieg gibt, aber dachte mir: niemals in Deutschland, niemals bei uns. Wir haben aus unserer Geschichte gelernt, wir haben gelernt, dass es niemals so weit kommen darf. Wir haben uns eine Demokratie und Mitbestimmungsrecht erarbeitet, oder?
Doch das gilt nicht für alle, nicht für Schüler*innen. Wir haben kein Mitbestimmungsrecht, kein Wahlrecht, keine Lobby, wenn es um unsere Zukunft geht. Die Entscheidungen werden über unsere Köpfen hinweg getroffen, unsere Proteste ignoriert und sogar behindert.
Die Bundeswehr besucht Schulen, macht Werbung, um Jugendliche davon zu überzeugen, kriegstüchtig zu werden, zu lernen, wie man ohne zu zögern auf Menschen zielt und eine Aufrüstung für gut und nötig zu halten.
Für unsere Bildung aber, für unsere psychische Gesundheit, für die Kinder an der Armutsgrenze, ist kein Geld da. Eine Kindergrundsicherung gibt es nicht, stattdessen will die Bundesfamilienministerin Karin Prien die Kinder- und Jugendhilfe kaputtsparen. Mehr pauschale Angebote, weniger Schulbegleiter*innen, die Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten individuell helfen. Ab 2028 sollen pro Jahr rund 200 Millionen Euro eingespart werden, ab 2038 rund 2,7 Milliarden Euro pro Jahr. Außerdem möchte sie an der Demokratieförderung sparen. Einsparungen dort, wo es an allen Ecken und Enden mangelt. Schon jetzt werden volljährige Jugendliche oft aus der Förderung und Unterstützung heraus gedrängt. Wo sollen sie denn hingehen? Wo eine Perspektive finden?
Ach ja, kommt doch zur Bundeswehr: Hier investieren wir allein im Jahr 2026 mindestens 48 Milliarden Euro. Ein Job mit Zukunft.
Doch wie sieht diese Zukunft aus?
Fakt ist, dass vor allem einkommensschwache Menschen häufiger vom Wehr- oder Zivildienst betroffen waren als privilegiertere Gruppen. Bereits in der Vergangenheit galt: Junge Männer aus höheren Bildungsschichten wurden häufiger ausgemustert oder zurückgestellt, während Wehrpflichtige oft aus unteren sozialen Schichten stammten.
Diese werden dadurch auch langfristig benachteiligt: Beim Berufseinstieg durch geringes Einkommen und wenige Möglichkeiten, etwas anzusparen. Der Wehrdienst unterbricht Ausbildung, Studium oder Berufseinstieg, was zu einem niedrigeren Lebenseinkommen führen kann.
Die Befürworter*innen einer Wehrpflicht sagen: Du musst etwas für die Gemeinschaft tun, sie sagen, wer nicht bereit ist, sein Land zu verteidigen, sei „wohlstandsverwahrlost“. Die Wahrheit ist: Die Armeen dieser Welt nehmen Menschen die Lebenschancen, und wenn sie mit ihnen fertig sind, dann spucken sie sie wieder aus. Was ist denn mit den Verwundeten, denen, die mit einer psychischen Störung heimkehren, oder den Hinterbliebenen der Gefallenen? Werden die etwa gut versorgt? Ich war in der letzten Woche in London und habe mehrere obdachlose Veteranen der britischen Berufsarmee gesehen, die um Hilfe und Unterstützung betteln müssen.
Und was ist denn mit dem Dienst der Überreichen an der Gemeinschaft? Wie „wohlstandsverwahrlost“ ist es, seit 1997 keine Vermögenssteuer zu erheben oder reiche Erben zu entlasten? Das muss wohl der Wohlstand sein, den die Armen verteidigen sollen.
Stattdessen wird über eine andere „Wehrgerechtigkeit“ debattiert: Auch Frauen und Mädchen sollen dienen, sagen manche. Frauen müssten in diesem Punkt gleichgestellt werden und auch verpflichtend zur Musterung einberufen werden, heißt es.
Zwei Drittel aller Frauen und Mädchen in Deutschland haben Benachteiligungen und Diskriminierungen erlebt, durch sexistische Kommentare, Mobbing und Ausgrenzung. Frauen werden sexualisiert und missbraucht, auch bei der Bundeswehr: Zwischen 2020 und 2024 circa tausend sexuelle Übergriffe gegenüber Frauen und es gibt eine hohe Dunkelziffer. Das sollen wir uns also auch noch antun lassen?
Frauen erleben in Schule und Beruf strukturelle Ungleichheiten, es gibt weiterhin weiblich oder männlich konnotierte Berufe, es gibt fehlende Förderung in MINT‑Fächern oder Voreingenommenheiten bei der Berufsberatung und den Lehrkräften. Aber fürs Kämpfen oder den „Dienst fürs Vaterland“ sind wir gleichberechtigt genug?
Vielleicht will man uns ja auch weniger zahlen, weil wir nicht so „leistungsfähig“ sind wie Männer.
Und später wird von uns erwartet, Kinder zu kriegen. Wozu? Damit es noch mehr Soldat*innen gibt?
Sie reden von Gleichberechtigung nur, wenn es ihnen gerade passt!
Wir wollen keine Wehrpflicht. Wir wollen Schulen, die uns fördern. Wir wollen eine Gesellschaft, die in Menschen investiert, nicht in Waffen. Wir wollen eine Zukunft, in der das Wort „Frieden” nicht als Naivität gilt.
Welcher Frieden wird mit Waffen erreicht?
Ich habe Angst – aber ich stehe hier. Und wir stehen hier. Und wir werden nicht aufhören, laut zu sein: NEIN zur Wehrpflicht!
Kommt alle zum Schulstreik am 8. Mai 2026 in Bochum. Uns werden immer Steine in den Weg gelegt, aber wir werden nicht aufhören zu streiken und für unsere Zukunft zu kämpfen.