Liebe Freund*innen, Genoss*innen, Kamerad*innen,
vor ziemlich genau 4 Jahren habe ich hier auch gesprochen. Ich fand die Rede so gut, dass ich sie heute wiederholen könnte. Wahrscheinlich habt ihr aber alle meine Rede von damals noch so gut im Gedächtnis oder habt sie öfter auf der Website der VVN-BdA Bochum immer wieder nachgelesen, sodass ihr merken würdet, wenn ich die Rede noch mal halte. Deswegen muss ich heute eine neue Ansprache halten. Und das ist ein dicker Brocken:
Ich habe mich für ein Thema entschieden, über das bisher hier in Werne noch nicht gesprochen wurde und das dennoch wichtig ist.
Die Kirchen als herrschaftsstabilisierende Aufrüstungs- und Kriegsbefürworterinnen, wenn es gegen die richtigen Feinde geht
Heute ist Sonntag, ein Teil von euch hat den Kirchgang verpasst, ich bin Theologe mit ordentlichem Staatsexamen und halte die Ansprache: Welche Rolle spielten die Kirchen in deutschen Kriegen und 1920, also als diese Männer, an deren Gräbern wir stehen, ermordet wurden?
Ich beginne mit einem aktuellen Zitat:
Das Kapital existiert von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend und es „flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit… Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent und es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig: für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profite bringen, wird es sie beide encouragieren…“, also zum Krieg ermutigen. Das Kapital ermutigt zum Krieg.
Das schreibt Marx 1867. Ihr könnt in jeder bürgerlichen Tageszeitung oder Nachrichtensendung täglich nachlesen oder hören und sehen, dass jeder einzelne Teil des Satzes von den kapitalistischen Ländern vor 1867 und bis heute ununterbrochen bewiesen wird. Marx wird andauernd empirisch bestätigt.
„Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.“ (sagte Jean Jaures, der u.a. auch wegen solcher Einsichten 1914 ermordet wurde).
Wilhelm Liebknecht schrieb1887: „Der Militarismus ist unverträglich mit der Freiheit und dem Wohlstand der Völker.“
Die hier begraben liegen, wussten, was Marx und Jaures und Liebknecht gemeint haben, kämpften dagegen und wurden ermordet.
Den Segen der Kirchen hatten sie sicher nicht.
Die Älteren unter euch kennen noch Karlheinz Deschner, der die Kirchen als größte Mordorganisationen der Weltgeschichte bezeichnet hat: Seit das Christentum im römischen Reich im Jahre 380 Staatsreligion geworden ist, gab es sehr bald Massenmorde an allen sog. Heiden oder anders Gläubigen. Im Feudalismus wurden unter Anführung der Kirchen im Namen Gottes Menschen millionenfach ermordet. Das weiß jede(r). Im Namen Gottes wurden die Hexen und Ketzer*innen und Bauern und Jüd*innen und die Menschen in allen zusammen geraubten Erdteilen noch und noch ermordet oder versklavt. Der Kapitalismus wurde auf Bergen von Menschenleichen errichtet!
Dass auf den Koppeln der Soldaten immer „Gott mit uns“ stand und dass die Waffen überall gesegnet wurden, hat jeder/jede auch schon gehört. Die Kirchen rechtfertigten jede Unmenschlichkeit der herrschenden Klassen, gehören sie doch selbst bis heute als Feudalherren oder Aktien- und Immobilienbesitzer dazu.
Im Sommer 1914 stand auf dem Programm des deutschen Großkapitals und Großgrundbesitzes die militärische Neuordnung der Welt, der Griff nach der Weltmacht.. Große Eroberungspläne in West- und Ost- und Südosteuropa und in Afrika waren entworfen worden. Der spätere Bischof Dibelius hielt als Pfarrer blutrünstige militaristische Predigten zusammen mit fast allen evangelischen und katholischen Pfarrern und Priestern. Das Schlachten auf den Schlachtfeldern hatte den Segen der Kirchen. Dibelius: Die kaiserlichen Soldaten sind Kämpfer für die „Siegeszeichen Christi“.
Im Eingang der Christuskirche in der Bochumer Innenstadt lest ihr 1347 Namen von jungen Männern aus der Innenstadtgemeinde, die im Krieg zerfetzt, vergast, sonst wie ermordet wurden und die dann gemalt auf den Kircheneingang sich aufschwingen zu einem blonden blauäugigen Jesus. Gestorben für Gott, Kaiser und Vaterland. So macht der Tod der Kriegstüchtigen Sinn und die Witwen und Waisen sollen damit getröstet werden! Direkt am Eingangsportal stehen 20 Feindstaaten, an denen Rache wegen der Toten geübt werden muss.
Wenn das Kapital Eroberungspläne damals wie heute entwirft, müssen alle Gesetze, Völkerrechte und Menschenrechte zerstampft werden. Für 300 Prozent Profit muss jeder Krieg riskiert werden, selbst wenn der eigene Untergang droht. Bisher ging es ja für das Kapital immer gut aus.
Den deutschen kriegstreibenden Junkern und Großkapitalisten und ihren Handlangern in der Regierung und in den Kirchen drohte ja nach dem Krieg 1918 tatsächlich der Galgen, denn Millionen auf den Schlachtfeldern Geschlachtete forderten die Köpfe der Kriegsverantwortlichen, wenn … ja wenn…
Die noch von der kaiserlichen Bürokratie eingesetzte SPD-Regierung im Herbst 1918 paktierte schon am 10. November 1918 mit der Reichswehrführung im Ebert-Groener-Pakt. Ebert als Regierungschef hasste wie der Nachfolger von Hindenburg und Ludendorff General Groener die sozialistische Revolution wie die Pest und beide erstickten diesen Revolutionsversuch in den Anfängen. Am 15. November schloss der Repräsentant des deutschen Großkapitals, Hugo Stinnes, mit der Gewerkschaftsführung unter Carl Legien das Stinnes-Legien-Abkommen. Gegen aus der Sicht des Großkapitals vertretbare Zugeständnisse an die Arbeiterbewegung einigte man sich auf den Fortbestand der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Eine Woche nach dem Beginn eines potenziellen Revolutionsversuchs hatte die herrschende Klasse alles im Griff. Der Kaiser ging, die Generäle, Großkapitalisten, Junker blieben und es blieben auch die Richter und die Polizei und die Lehrer, und die Kirchenführer…
Dibelius, inzwischen Oberkirchenrat und Mitglied der Rechtsaußenpartei DNVP, war einer der ersten prominenten Kirchenführer, die alle die Dolchstoßlegende predigten. Damals wählten sie meist noch deutschnational. Wir sind neutral und wählen deutsch-national, hieß es.
Beide Kirchen lehnten die Weimarer Republik ab: Und die Herrschenden konnten ein gutes christliches Gewissen haben. Demokratie, auch bürgerliche Demokratie, entsprach absolut nicht den Werten der Kirchen. Katholiken waren sowieso nur eine strenge Hierarchie von oben nach unten gewöhnt und Protestanten hatten gerade ihren obersten Bischof, den Kaiser, verloren und sie hatten die lutherische Obrigkeitslehre. Demokratie war gegen Gottes Gebot. Gott setzte die Obrigkeit ein, aber doch nicht das Volk! Wir können davon ausgehen, dass die meisten beim Krieg und jetzt beim Kapp-Putsch Beteiligten sehr fromme Protestanten, einige, wie Kapp, auch Katholiken waren. Hitler und Eichmann waren auch katholisch.
Beide Kirchen einte bis auf ganz wenige Ausnahmen auf jeden Fall ein vehementer Antisowjetismus, Antikommunismus, Antisozialismus, Antisemitismus, Chauvinismus, antidemokratisches Denken, militaristischer Revanchismus gegen die äußeren und inneren Feinde. Die hier Begrabenen wurden von den Kirchen nicht betrauert. Sie kämpften hier vor Ort oder in Spanien für den Sozialismus. Gerade auch in Spanien waren Katholizismus und die faschistische Franco-Diktatur fast identisch.
1930 schrieb Bischof Dibelius eine militaristische Friedensdenkschrift mit den heute wieder aktuellen Sätzen: „Christen (sollen) ihre Opferbereitschaft auch als Soldaten unter Beweis stellen. Denn die Nation ist „das heiligste und das größte“ irdische Gut. „Wenn die Stunde schlägt, müssen wir bereit sein, für unser Vaterland auch den Krieg mit der Waffe zu führen!“
Der deutsche Faschismus wurde von der protestantischen Kirche begeistert begrüßt. Bischof Dibelius hielt am Tag von Potsdam die Festpredigt zur Einführung der faschistischen Regierung. Und spätestens nach dem Konkordat 1933 mit dem Vatikan herrschte auch größtes Einverständnis zwischen Vatikan und Faschismus, versprach der Faschismus doch die Ausmerzung des Marxismus mit Stumpf und Stiel und bald auch die Befreiung der Sowjetunion vom atheistisch-kommunistischen Joch.
Noch nach dem gescheiterten Attentat von zunächst Hitler-gläubigen Offizieren am 20. Juli 1944 wurden aus Dankbarkeit und Freude dafür, dass Gott seine schützende Hand über den geliebten Führer gehalten hatte, die Kirchenglocken geläutet. Auch die sog. Bekennende Kirche machte mit: Sie bezeichnete sich als Kirche im Nationalsozialismus, nicht gegen den Nationalsozialismus. Ca. 15 % der Pfarrer in der Bekennenden Kirche waren gleichzeitig bekennende NSDAP-Mitglieder. Dietrich Bonhoeffer wurde nicht in die Fürbittengebete für inhaftierte Pfarrer aufgenommen, weil er politisch argumentierte und als Antifaschist angesehen wurde.
Auch nach dem 2. Weltneuordnungskrieg, den Deutschland begann, hat vielen Junkern und Großkapitalisten eigentlich der Galgen gedroht, wenn nicht rechtzeitig der sog. Kalte Krieg begonnen worden wäre. Fast alle Nazi-Täter setzten in der alten Bundesrepublik bald in der kapitalistischen Ökonomie, in den Regierungsämtern, in den Gerichten und Schulen, in den Geheimdiensten und im Militär, in den Krankenhäusern und Verwaltungen und in den Kirchen ihre Karrieren fort..
Im Kloster Himmerod planten 1950 der Katholik Adenauer und 15 hochdekorierte Offiziere der faschistischen Wehrmacht streng geheim die neue Wehrmacht. Ihre kirchlichen kriegstüchtigen prominenten Adjutanten waren auf katholischer Seite Kardinal Frings und auf evangelischer Seite Bischof Dibelius. Dibelius war inzwischen oberster Bischof der EKiD, zu der einfachheitshalber gleich die Sowjetzone und spätere DDR mitgezählt wurde, und Frings setzte sich nach dem Faschismus „für die Wiedereinstellung ehemaliger NSDAP-Mitglieder ein und unterstützte die Stille Hilfe, die Kriegsverbrechern zur Flucht verhalf.[5] Unter anderem setzte er sich für den zum Tode verurteilten Kriegsverbrecher Walter Sonntag ein“ (Wickipedia), der sich als Arzt durch grauenhafte Menschenversuche und „Abspritzen“, also medizinische Ermordung von unbrauchbaren Arbeitskräften, einen Namen gemacht hatte.
Dibelius verkörpert paradigmatisch die Kontinuität der deutschen Geschichte. Es gibt viele andere Beispiele.
Mich als Geschichtslehrer fragten einst in einem Leistungskurs Geschichte irgendwann vor 40 Jahren Studierende des Abendgymnasiums, ob Hitler als Mitglied der katholischen Kirche eigentlich nach 1945 exkommuniziert worden ist. Ich wusste das nicht! Also schrieben wir an die Katholische Bischofskonferenz einen Brief: Habt ihr Hitler exkommuniziert? Die Antwort sinngemäß: „Was seid ihr doch blöd! Die Kirche darf doch nicht dem Urteil Gottes vorausgreifen. Und außerdem ist ja noch alles sehr komplex.“ Wie gesagt: Vor 40 Jahren wurde jede(r) Ehebrecher*in ratzfatz exkommuniziert.
Im Fernsehen sehen wir heute die Gebetsrunden, die Trump und sein Kriegsminister Pete Hegseth mit Kreuzzugstattoos auf dem ganzen Körper mit getreuen Minister*innen-Milliardären dauernd veranstalten. Im Hintergrund dabei Peter Thiel. Alle glauben sie angeblich an das Armageddon, an die letzte Schlacht zwischen den Guten (den USA) und den Bösen, dem Rest der Welt. Je nachdem, wie die da gerade so drauf sind, gehört Europa mal zu den Guten, dann zu den Bösen..
Das geht nur durch Erpressung, Aushungern und Bomben und Raketen und Verwüstung ganzer Länder und Ermordung von viele Millionen Menschen. Religionssoziologisch liegt hier ein fundamentalistischer christlicher Chauvinismus vor, der von einem der besten Kenner der US-Szene, Arnd Henze, als gefährlichste Ideologie der Welt charakterisiert wird. Henze nennt das Talibanisierung der USA.
Die neue Friedensdenkschrift der Ev. Kirche in Deutschland erzählt im NATO-Stil, wie wichtig die Atombombe eventuell sein kann und dass die militärische Hochrüstung Deutschlands gegen den gar bösen Feind aus dem Osten wichtig ist. Kriegsdienste, die junge Menschen jetzt freudig zu leisten haben, damit unser Land ordentlich Krieg führen kann, ist selbstverständlich. Kriegsdienstverweigerung wird am Rande als individuell noch mögliche Entscheidung auch genannt. Christlicher Pazifismus ist aber als allgemeine Theorie ethisch nicht begründbar. Das 5. Gebot, Du sollst nicht töten, muss richtig verstanden werden. Wenn eine Rechtsgrundlage da ist, gelte das 5. Gebot so nicht. Faktisch liegt die Definitionsmacht, was nun Recht ist, beim Staat. Sogar ein präemptiver, also präventiver, Angriffskrieg könne angesichts der immer kürzeren Vorwarnzeiten vertretbar sein. Wird da schon auf den Einsatz der neuartigen US-Mittelstreckenraketen, die ja im Herbst hier aufgestellt werden sollen, verwiesen? Das sind use-or-loose-them Raketen. Sie müssen benutzt werden, bevor sie zerstört werden. Unsere Werte und Freiheiten müssen doch militärisch verteidigt werden. Der katholische Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck argumentierte wenige Tage später genauso.
Wir leben in einer „unerlösten Welt“ und da könne mensch das mit Jesu Geboten nicht alles so genau nehmen (in Klammern: Die sexuellen Missbrauchsfälle in beiden Kirchen beweisen das ja auch deutlichst.).
Margot Käßmann, ehemalige ev. Bischöfin, Mitglied der DFG-VK und als Bischöfin wegen antimilitaristischer Töne („Nichts ist gut in Afghanistan!“) geschasst, macht mit anderen Friedensfreunden der ev. Kirche den Vorwurf, die Friedensbewegung ausgebürgert zu haben.
Alle Militaristen können sich auf die Kirchen berufen und ein gutes Gewissen haben.
Kriegstüchtige sollen zum Krieg gezwungen werden für ein Land, dessen Kriegspläne streng geheim gehalten werden: Operationsplan Deutschland – OPLAN. Der OPLAN D ist nicht mal für Bundestagsabgeordnete in streng gesicherten Räumen, in denen sonst geheime Papiere gelesen werden dürfen, zu lesen.
Kriegstüchtige sollen das weltweite kapitalistische Elend verteidigen: Alle 4 Sekunden verhungert ein Kind. Und wir kennen die Mörder, sagt der ehemalige Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission für das Recht auf Nahrung Jean Ziegler. Diese Mörder sollen mit ihren Werten und Freiheiten verteidigt werden.
Die Männer, die hier ihre Gräber haben, wollten das alles nicht. Sie waren Sozialisten oder Kommunisten und kämpften für die Freiheit und Gleichheit aller Menschen, für das Eigentum an den entscheidenden Produktionsmitteln in den Händen ihrer Produzenten. Sie waren den Mördern des Großkapitals unterlegen.
Der sozialistische Historiker Eric Hobsbawm beendet sein Buch das Zeitalter der Extreme mit den Sätzen, die ich hier zusammenfasse:
Wir wissen nicht, wohin wir gehen. Wir wissen nur, dass wir an einem Punkt sind, an dem eines völlig außer Frage steht: Wenn die Menschheit eine erkennbare Zukunft haben soll, dann kann sie nicht darin bestehen, weiterzumachen wie bisher. Damit werden wir scheitern. Und der Preis für dieses Scheitern ist Finsternis.
Ob uns die Finsternis auch hier bald erreicht? Es gibt düstere Prognosen. Das Armageddon lässt sich für 300 % Prozent Profit riskieren.
Rosa Luxemburg hat es in drei Worten ausgedrückt: „Sozialismus oder Barbarei.“ Gegen die Barbarei kämpften diese Männer hier.
Ich danke euch für eure Geduld!
Meinen Glückwunsch für diese Rede!
Ich werde sie verbreiten.Ich bin tief beeindruckt.
Bernd