Donnerstag 12.02.26, 12:18 Uhr
Vor 40 Jahren:

„No Pasaran“ im Heusnerviertel


Der „Heusnerviertel – Vertriebenen – Verband“ erinnert an den 12. Februar 1986: „Sie kommen nicht durch“ – So lautete das Motto des besetzten Heusnerviertels vor 40 Jahren am Aschermittwoch 1986. An diesem Tag schaffte es das besetzte Viertel, die Polizei dazu zu zwingen, ihren Stadtteil nicht zu räumen. Das Heusnerviertel: In diesem Bochumer Stadtviertel waren Mitte der 80er Jahre rund 16 Häuser teils oder ganz besetzt.

Seit 1981 hatten sich die zum Abriss vorgesehenen Straßenzüge zu einer alternativ-autonomen Enklave entwickelt, die sich ab 1984 stolz und voller Trotz an der Zufahrtsstraße mit Schildern wie „staatsfreie Zone“ oder „Autonome Zone“ präsentierte und in Teilbereichen mit Barrikaden Bau- und Polizeifahrzeuge fernhielt.

Über die Jahre hatten hier hunderte meist junge Erwachsene neben Alt-MieterInnen gewohnt. Sie konnten hier ab 1980/81 über billige Mieten seitens des AkäFös und der Stadt Wohnungen finden. Die Stadt Bochum bot diese Gelegenheit über das AkaFö vor allem jungen StudentInnen an. Sie hoffte über deren Einzug die Häuser im Sanierungsgebiet vor Hausbesetzungen zu schützen. Das Jahr 1981 war bundesweit das große Jahr der Haus- und Fabrikbesetzungen. Auch in Bochum wurden drei Fabriken und sechs Häuser besetzt. Davon zwei Häuser im Heusnerviertel. Diese legalisierte die Stadt umgehend. Für die vielen anderen leerstehenden Wohnungen gab es Mietverträge mit sehr niedrigen Mieten. Die Mietverträge sahen enorm kurze und skandalöse Kündigungsfristen vor, da die Stadt sich das Recht vorbehalten wollte, ihre MieterInnen jederzeit loszuwerden.

Ziel der Stadt Bochum war es das ganze Wohngebiet zu entmieten und das Viertel für eine Autobahn abzureißen. Die Pläne waren über 60 Jahre alt, die Umsetzung anti-ökologisch, unsozial und verkehrstechnisch unlogisch, der Bebauungsplan eine einzige Katastrophe. Gegen diesen hatte auch BewohnerInnen aus dem Viertel geklagt – und bekamen 1988, nach dem Abriss aller Häuser, vor Gericht recht. Der Bau der Westtangente musste gestoppt werden. Erst nach Korrekturen an den Planungen konnte die Stadt Bochum weiter bauen lassen. Das war die berühmte Salami-Taktik der Stadt. Sie ließ scheibchenweise Häuser, Gärten, Höfe und Garagen abreißen, schaffte dadurch Tatsachen und konnte weiter zerstören und bauen. Oft unrechtmäßig, da MieterInnen noch Verträge besaßen.

Glich das Heusnerviertel von 1981 bis 1984 noch einer alternativen Großraum-WG von unterschiedlichen Alt-BewohnerInnen, StudentInnen, KünstlerInnen und Jugendkulturen, wie Punks und Rocker, in dem „Leben und Leben lassen“ (auch im Verhältnis zur Stadt) den Ton angab, änderte sich dies 1984. Kurzfristige Kündigungen setzten viele Menschen unter Druck. Viele StudentInnen sahen es nicht ein die abrupt gekündigten Wohnungen zu räumen und wurden zu BesetzerInnen. Und freiwerdende Wohnungen wurden von Neuzuzügen besetzt. Im Jahr 1986 waren von den über 30 Häusern rund 16 Häuser teils oder ganz besetzt. Und mehr als 150 BesetzerInnen wohnten in ihnen.

Die BewohnerInnen erklärten schon im Januar 1984, dass sie sich von der Stadt nicht so behandelt sehen wollen und eine Delegation des Viertels verkündete auf einer Sitzung der Stadt das Heusnerviertel für autonom und zu einem staatsfreien Gebiet. Im Zuge all dieser Entwicklungen wurde das Viertel politischer und aufmüpfiger. Und neben der Düsseldorfer Kiefernstraße und der Hamburger Hafenstraße wurde das Heusnerviertel zu einer weiteren Großraumbesetzung Anfang/Mitte der 80er Jahre.

Mitte/Ende 1984 setzte die Stadt Bochum zunehmend auf staatliche Gewalt. Und diese wurde in einer Art und Weise gegenüber allen ViertelbewohnerInnen praktiziert, dass selbst die Alt-MieterInnen des Stadtteils beim Barrikadenbau Hand anlegten.

Anfang 1986 bereitete sich das Heusnerviertel auf eine Eskalation mit der Bochumer Polizei vor. Es war durchgesickert, dass die besetzte Pestalozzi-Schule und eine unbekannte Anzahl von Häusern geräumt und abgerissen werden sollten. Seit Wochen hatten sich die Bagger der Baufirmen immer mehr der besetzten Schule genähert. Und der unmittelbare Abbruch der von Punks und Skins besetzten Schule für das überflüssige und ökologisch schädliche Großprojekt stand kurz bevor.

Das Viertel baute am Aschermittwoch weitere Barrikaden in den Straßen und organisierte die Verteidigung ihrer Häuser. Die Vorbereitungen und das Aufgebot der HausbesetzerInnen sorgten dafür, dass die Polizei sich nicht traute in das Viertel einzumarschieren. Das machte sie erst einen Monat später mit einem Großaufgebot hunderter Polizisten und Sondereinsatzkommandos. Im März 1986 wurde das Viertel drei Tage und Nächte besetzt und auch nachts wurden die Gebäude unter Einsatz von Flutlicht eingerissen. Der erste empfindliche Schlag gegen das Viertel. Über das Jahr 1986 entbrannte eine erbitterte und militante Auseinandersetzung, die die Hausbesetzerszene verlor. Im November wurde mit einem weiteren Großaufgebot der Polizei die letzten Häuser im Heusnerviertel geräumt.

Am 12. Februar 1986 hieß es aber für das Heusnerviertel „No Pasaran“. Ein Tag, der bewies was Mut, Entschlossenheit und Solidarität bewirken kann.

Hier kann man mehr in einem Interview nachlesen: „No Pasaran“ im Heusnerviertel – Bewegung in Bochum

Am kommenden Sonntag, 15. 3.. trifft sich der „Heusnerviertel – Vertriebenen – Verband“ um 16 Uhr im Thealozzi und wird mit Filmen, Fotos, Musik und Debatten an die 80er Jahre erinnern.
Ex-ViertelbewohnerInnen, ihre Familien und FreundInnen sind eingeladen zu kommen.