Freitag 30.01.26, 19:37 Uhr
Warnstreiks am Montag

ver.di legt Nahverkehr lahm


»Im Rahmen der laufenden Tarifrunde im kommunalen Nahverkehr ruft die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) die Beschäftigten von Vestische, HCR und BOGESTRA am Montag, 02. Februar 2026, zu einem ganztägigen Warnstreik auf. Betroffen sind Beschäftigte aus allen Betriebsteilen. Der Warnstreik beginnt mit der frühestens Frühschicht und endet in der Nacht zum Dienstag. In dieser Zeit ist mit einem umfänglichen Betriebsausfall im Bus- und Bahnverkehr zu rechnen. Regional- sowie S-Bahnen sind nicht von den Streikmaßnahmen betroffen.

„Ein guter ÖPNV funktioniert nur mit Beschäftigten, die ihrer Arbeit gesund und gerne nachkommen. Die zunehmende Belastung im Alltag macht es uns aber immer schwerer. Wir brauchen dringend eine spürbare Entlastung für diejenigen, die tagtäglich die Menschen von A nach B befördern.“, sagt Özcan Günay, Betriebsratsvorsitzender der HCR. „Unsere Kolleginnen und Kollegen machen ihren Job gerne. Aber es geht nicht immer noch eine Schippe drauf. Viele gehen tagtäglich schon an ihre Grenzen und darüber hinaus. Eine wöchentlich kürzere Arbeitszeit, wie sie in anderen Bundesländern längst üblich ist, wäre nur fair“ ergänzt Dominik Wagner, Vertrauensleutesprecher der Vestischen. Patrick Steinbach, Vertrauensleutesprecher der BOGESTRA und Mitglied der ver.di Verhandlungskommission berichtet: „Kein Angebot in der ersten Runde sind wir bereits gewohnt. Das Unverständnis der Arbeitgeber gegenüber der alltäglichen Belastung unserer Beschäftigten macht aber sprachlos. Die Personalnot ist überall spürbar und nimmt weiter zu. Wir erwarten, dass die Arbeitgeber sich nun ernsthaft mit unserer Forderung auseinandersetzen und nicht weiter auf Zeit spielen.“

Hintergrund sind die laufenden Tarifverhandlungen mit dem Kommunalen Arbeitgeberverband Nordrhein-Westfalen (KAV NW), die am 21. Januar 2026 in erster Verhandlungsrunde in Köln ergebnislos beendet wurden.

In NRW fordern die Beschäftigten einen deutlichen Fokus auf Entlastung durch mehr Zeit:

  • Die wöchentliche Arbeitszeit ist bei vollem Lohnausgleich zu kürzen
  • Die Ruhezeit zwischen zwei Schichten beträgt mindestens 11 Stunden
  • Der Zuschlag für Arbeit am Sonntag beträgt mindestens 40 Prozent
  • Der Freistellungsumfang für Gewerkschaftsarbeit wird auf 8 Tage erhöht
  • Der Geltungsbereich wird auf kurzfristig Beschäftigte/Minijobs ausgeweitet
  • Die Laufzeit beträgt 24 Monate, verhandelt wird der Manteltarifvertrag.

Die Entgeltentwicklung ist bereits unmittelbar an den TVöD gekoppelt.

Die Streikaktivitäten finden alle an den örtlichen Betriebshöfen statt. Dort finden sich die Streikenden zu unterschiedlichen Zeiten zur Registrierung ihrer Streikteilnahme ein.«

Studie zeigt Spielräume für bessere Arbeitsbedingungen

Hintergründe zum aktuellen Tarifstreit gab es beim Pressegespräch am Donnerstag auf dem Betriebsgelände der Rheinbahn in Düsseldorf. Hier machte ver.di deutlich, dass ohne spürbare Verbesserungen der Arbeitsbedingungen weder der Personalmangel überwunden noch der öffentliche Nahverkehr zukunftsfähig aufgestellt werden kann.

»„Die Ergebnisse der Arbeitszeitbefragung sind eindeutig: Die wöchentliche Arbeitszeit im Nahverkehr muss kürzer werden“, sagt Heinz Rech, Verhandlungsführer von ver.di in NRW. „Überstunden, Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit sowie geteilte Dienste belasten insbesondere den Fahrdienst massiv. Wer einen sicheren und attraktiven ÖPNV will, braucht ausgeruhte Beschäftigte.“

„Die Menschen in NRW sind auf einen funktionierenden Nahverkehr angewiesen – der ÖPNV ist Teil der Daseinsvorsorge. Mobilität für möglichst alle und gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten gehören untrennbar zusammen“, erklärt Andrea Becker, Landesfachbereichsleiterin von ver.di NRW. „Beides ist nur mit Investitionen in die Infrastruktur und spürbaren Verbesserungen der Arbeitsbedingungen zu erreichen. Politik und Arbeitgeber sind deshalb gleichermaßen gefordert, den Erhalt und den Ausbau des ÖPNV sicherzustellen.“

Zentrales Thema des Pressegesprächs war eine neue Studie, die ver.di in Auftrag gegeben hat und die die Arbeitsbedingungen im Fahrdienst des kommunalen ÖPNV untersucht. Die Analyse basiert auf 31 ver.di-Tarifverträgen für rund 130.000 Fahrdienstbeschäftigte sowie modellhaften Annahmen zur Dienstschichtgestaltung. Die Berechnungen wurden von einem externen Unternehmen vorgenommen, das Verkehrsunternehmen regelmäßig bei der Angebotsplanung berät. Link zur Studie

„Schlechte Arbeitsbedingungen im Fahrdienst sind kein Naturgesetz“, bilanziert Lukas Frew, Branchenkoordinator Busse und Bahnen bei ver.di. „Unsere Studie zeigt, dass anständige Arbeitsbedingungen möglich sind – und deutlich weniger kosten, als oft behauptet wird.“

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass für bessere Arbeitsbedingungen im kommunalen ÖPNV Mehrkosten von rund sieben Prozent der heutigen Ausgaben erforderlich wären. Auf Basis aktueller Leistungskostengutachten entspricht dies bundesweit Kosten von rund 7,8 Milliarden Euro. Einsparungen durch sinkende Krankenstände sind dabei bereits berücksichtigt. Die Berechnungen wurden bewusst vorsichtig angesetzt und könnten in der Praxis sogar günstiger ausfallen.

Hintergrund sind die laufenden Tarifverhandlungen im kommunalen Nahverkehr, von denen in NRW rund 30.000 Beschäftigte aus mehr als 30 Verkehrsbetrieben betroffen sind. In Nordrhein-Westfalen fordert ver.di insbesondere Entlastung durch kürzere Arbeitszeiten, längere Ruhezeiten und höhere Zuschläge. Die erste Verhandlungsrunde blieb ohne Angebot der Arbeitgeber, die bereits Gegenforderungen ankündigten.

Die zweite Verhandlungsrunde ist für den 2. und 3. März 2026 vorgesehen. ver.di behält sich Arbeitskampfmaßnahmen vor.«