Heute Mittag fand eine Demo, organisiert aus dem Umfeld des Runden Tisches “Prävention von Sexismus an der RUB” auf dem Gelände der Ruhr-Uni statt.
In dem Demoaufruf, dem ca. 40 Personen gefolgt waren, hieß es:
Take back the campus! Antifeminismus ankreiden – Feministisch, Solidarisch & Kämpferisch ins neue Jahr!
In Deutschland…
- findet fast jeden Tag ein Femizid statt (BKA, 2024),
- tötet alle zwei Tage ein Mann seine (Ex-)Partnerin (BKA, 2024),
- erleben 63 % der politisch engagierten Frauen* digitale Gewalt (HateAid, 2025),
- haben sich Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ seit 2010 fast verzehnfacht (BKA, 2025),
- wirken sich erstarkender Rassismus und Rechtsextremismus insbesondere auf mehrfachmarginalisierte FINTA* aus.
Diese Zahlen machen deutlich: Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein strukturelles Problem – auch an Universitäten.
Wir wollen zeigen: Der Campus gehört uns allen – er muss auch ein sicherer Ort für FINTA*(Frauen, inter-, trans- & agender-Personen) sein.
Wir ziehen gemeinsam über den Campus und machen unsere Forderungen sichtbar. Wir trauern, wir protestieren, wir fordern Veränderung.
Lasst uns gemeinsam laut sein und bringt eure Freund*innen und Plakate mit!
Belästigung, Sexualisierte Gewalt und Feminizide sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck struktureller Gewalt, die wir nicht länger hinnehmen wollen.
Take Back The Campus! Wir reclaimen den Campus!
Für einen sicheren Campus für Alle!
Hier sind nun die gehaltenen Redebeiträge dokumentiert:
- Redebeitrag
Take back the campus – take back the night
Warum haben wir uns den Titel so vieler feministischer Demos seit den 70er Jahren genommen und ihn auf den Campus übertragen?
Weil auch hier am Campus die Stimmung an vielen Stellen wieder kippt, weil FLINTA* auch hier wieder vermehrt mit alten Rollenklischees und Übergriffen jeder Art konfrontiert werden, weil wir es leid sind, für Selbstverständlichkeiten immer noch, immer wieder kämpfen zu müssen. Weil feministischer, queerfeministischer Kampf auch viele junge FLINTA* nervt – brauchen wir das überhaupt noch? Leider ja…
Mir fällt dazu ein Zitat der norwegischen Komikerin Sofie Frøysaa ein: „Sehr viele sagen, dass sie zwar keine Feministin, aber durchaus für Gleichberechtigung seien. Das ist genauso seltsam wie zu sagen „ich bin zwar keine Vegetarierin, aber ich verzichte auf Fleisch“
Als sich vor über 50 Jahren die Take back the night-Bewegung in Belgien mit FLINTA* aus über 40 Ländern gründete, ging es um die banale Tatsache, sich nachts sicher und frei bewegen zu wollen. Darum geht es überraschenderweise bis heute. Take back the night steht bis heute für den Kampf gegen jedwede Form sexueller Gewalt. Ein entschlossener, kreativer, lebensfroher, positiver Kampf. Dies ist unser Campus. Unabhängig von egal was – Gender, Nationalität, Glaube, Herkunft, whatever, muss sich jede Person hier frei und sicher fühlen können, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Wir sind nicht bereit zu akzeptieren, dass unsere Räume wieder enger werden, dass Misogynie, Catcalling, Victim-Blaming und Täter-Opfer-Umkehr unseren Alltag prägen. In meinem Fall auch den Alltag meiner Töchter – immer noch, immer wieder der gleiche Shit.
I’m fucking angry.
Plan international hat im März 2023 im Rahmen einer Befragung zum Thema Männlichkeit unter 1000 Männer zwischen 18 und 34 folgende Zahlen erhoben:
- 41% halten es für ihr gutes Recht, FLINTA* Komplimente zu machen, ihnen nachzuschauen und hinterherzupfeifen
- 47% finden, dass wenn eine FLINTA* sich aufreizend verhält, sie sich nicht wundern muss, wenn ein Mann dies als Aufforderung versteht
Knapp die Hälfte der Befragten rechtfertigt übergriffiges Verhalten bis hin zur Vergewaltigung als normal. Schuld und Scham sind demnach Spielwiese von uns FLINTA*? Oh no, no no no no.
- 34% geben an, gegenüber Frauen schon mal handgreiflich zu werden, um ihnen Respekt einzuflößen
- 33% finden es ok, wenn ihnen bei einem Streit mit der Partnerin gelegentlich die Hand ausrutscht
- 33% – ein Drittel also, jeder Dritte…
Oh ja – I’m fucking angry.
Es ist ganz eindeutig ein guter Zeitpunkt, auch hier am Campus ein Zeichen zu setzen, uns unsere Räume zu erhalten und zu verteidigen.
Let’s take back the Campus – heute und an jedem anderen Tag auch!
2. Redebeitrag
Imperial Boomerang
2025 war ein schlechtes Jahr für Demokratie, für Menschenrechte, für soziale Bewegungen und für die Sicherheit und Teilhabe von FLINTA*. Laut dem CIVICUS Monitor, der die bürgerlichen Freiheiten weltweit misst, leben derzeit nur noch etwas mehr als 7% der Weltbevölkerung in Ländern, in denen das Recht auf Organisation, Protest und freie Meinungsäußerung allgemein respektiert wird. Das Ausmaß globaler wirtschaftlicher Ungleichheit ähnelt den Zuständen des 19. Jahrhunderts. Der Reichtum der reichsten 1% steigt rasant an, während etwa 8%der Weltbevölkerung – über 670 Millionen Menschen – unter chronischem Hunger leiden. Rüstungsunternehmen erzielen Rekordgewinne, während in Gaza, Myanmar, Sudan, der Ukraine und vielen anderen Orten Tod und Zerstörung herrschen. Weltweit ist die Inhaftierung von Demonstrant*innen die häufigste registrierte Verletzung der bürgerlichen Freiheiten, dicht gefolgt von willkürlichen Verhaftungen von Journalist*innen und Menschenrechtsaktivist*innen, die Korruption und Rechtsverletzungen aufdecken.
Letztes Jahr wurde das Recht auf Protest, gerade weil Protest so wirksam sein kann, von autoritären Akteur*innen massiv angegriffen und in repressiver Weise, juristisch als auch durch die Exekutive, eingeschränkt. Dieser Rückschritt findet derzeit auch in großen etablierten Demokratien statt. Im Jahr 2025 stufte der CIVICUS Monitor Argentinien, Frankreich, Deutschland, Italien und die USA auf die Bewertung „beeinträchtigt” herab, was bedeutet, dass die Behörden die uneingeschränkte Ausübung der Grundrechte erheblich einschränken. In Deutschland sehen wir das beispielsweise deutlich bei palästina-solidarischen, antifaschistischen, queerfeministischen und klimaaktivistischen Protesten.
Das alles kommt nicht von ungefähr. Der Vorstoß antidemokratischer, fundamentalistischer und nationalistischer Kräfte, die Demokratie zu untergraben, die sogenannte „autoritäre Wende“ oder „the Imperial Boomerang Effect“, hat sich über viele Jahre hinweg entwickelt und trägt nun faule Früchte. Die Zeiten sind geprägt vom Militarisierung, Austerität und Imperialismus. Die Verfechter des Patriarchats und des bereits gescheiterten neoliberalistischen Kapitalismus versuchen demokratische Errungenschaften zu zerrütten. Menschenrechte und Demokratien werden ausgehöhlt. All diese Entwicklungen wirken sich negativ auf die Bemühungen um Gleichberechtigung, Frieden und soziale Gerechtigkeit aus.
Gewalt gegen FLINTA* und die Dimensionen ihrer Entrechtung nehmen weltweit massiv zu:
- Sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten und Kriegen und das strategische Töten von FLINTA* und Kindern, wie im Sudan, in Palästina und der Ukraine, ist seit langem grausame Normalität
- In den USA werden in immer mehr Staaten Schwangerschaftsabbrüche verboten, der Zugang zu Verhütung erschwert und fundamentalistische Evangelikale, Republikaner sowie die Trad-Wives Bewegung propagieren ein Rollenbild aus den 50er Jahren. Transpersonen erleben in den USA lebensgefährliche Diskriminierung und Entrechtung. Die ICE führt Abschiebungen durch, die mit tödlicher Gewalt und Menschenrechtsverletzungen einhergehen. Trump überfällt völkerrechtswidrig Venezuela und droht damit, in weitere Länder einzumarschieren.
- In Iran werden FLINTA* und Regimekritiker*innen verhaftet, gefoltert und ermordet, wenn sie in der Öffentlichkeit kein Hijab tragen, tanzen oder ihre Stimme erheben. Die Zahl der Hinrichtungen von Zivilistinnen sowie die staatliche Repression gegen die iranische Bevölkerung und Kritikerinnen des Regimes nimmt beständig neue tödliche Dimensionen an.
- In Afghanistan sind FLINTA* vollständig aus dem öffentlichen Leben und der politischen Teilhabe ausgeschlossen. Sie dürfen nicht arbeiten oder zur Uni gehen, noch ohne eine männliche Begleitung unterwegs sein oder auf der Straße ihre Stimme erheben.
- Und während das islamistische al-Sharaa-Regime kurdische Stadtteile in Aleppo angreift, Zivilist*innen massakriert und zur Flucht zwingt, reist die Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen nach Damaskus und normalisiert ein Gewaltregime, das mit Gewalt gegen ethnische und religiöse Minderheiten in Syrien vorgeht. Die EU verabschiedet sich mal wieder vom Anspruch menschenrechtsbasierter EU-Außenpolitik, schottet sich mit massivster Gewalt ab und nimmt dabei unzählige Tote in Kauf.
In Deutschland
- wird der Abbau der Reste unseres Sozialstaates in Windeseile vorangetrieben
- gehören alleinerziehende FLINTA* zu den Bevölkerungsgruppen mit dem höchsten Armutsrisiko
- steigt die verbale, physische und sexualisierte Gewalt gegenüber FINTA*, Queers und weiteren marginalisierten Grippen im Alltag und im öffentlichen Raum stetig an
- erlebt alle 3 Minuten eine FLINTA*-Person häusliche Gewalt
- gibt es täglich mehr als 140 Sexualstraftaten
- findet mittlerweile fast jeden Tag ein Femizid statt.
An dieser Stelle eine kurze begriffliche Einordnung: „Femizid“ bezeichnet einen Tötungsdelikt an FLINTA*aufgrund ihres Geschlechts. „Feminizid“ ist eine analytische Weiterentwicklung des Begriffs und hebt die Verantwortung des Staates und patriarchaler Gesellschafts- und Machtstrukturen hervor, um Morde an FLINTA* zu bekämpfen und zu verhindern.
In Deutschland haben wir einen Bundeskanzler, der feministische Anliegen instrumentalisiert, um rassistische und antimuslimische Narrative zu schüren und ganz offensichtlich keine Hemmungen hat, mit der gesichert rechtsextremen AfD zusammenzuarbeiten. Akteur*innen, die sich für feministische, antifaschistische und antikapitalistische Anliegen aktiv sind, werden immer häufiger Ziel digitaler, psychischer und physischer Bedrohung und Gewalt. Auch an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) versuchen Rechtsextreme seit längerem, queerfeministische, antirassistische und diversitätssensible Arbeit zu verhindern und Akteur*innen einzuschüchtern.
Doch damit werden sie keinen Erfolg haben!
Denn auch, wenn wir uns momentan in einer sogenannten Polykrise befinden, war 2025 auch geprägt von anhaltendem Widerstand gegen Autoritarismus, Menschenrechtsverletzungen und Imperialismus:
- In Nepal führten Proteste, die durch ein Verbot von Social Media ausgelöst wurden, zum Sturz der Regierung und weckten Hoffnungen auf einen politischen Neuanfang.
- In Kenia gingen junge Demonstrierende trotz staatlicher Gewalt weiterhin auf die Straße, um politische Reformen zu fordern.
- In den USA wächst die Zahl der Menschen, die sich solidarisch und antifaschistisch organisieren und Widerstand leisten.
- In Iran findet gerade eine Revolution statt und trotz tödlicher staatlicher Repression und der Abschaltung von Internet – und Telefonverbindungen finden die größten Proteste seit 1979 statt.
- In Irland, New York, Mexico und einigen weiteren Ländern wurden linke Politiker*innen gewählt, immer mehr FINTA* leben kinderlos, unverheiratet und unabhängig, und die Europäische Bürgerinitiative My Voice, My Choice hat über 1,2 Millionen Unterschriften für sichere und frei zugängliche Schwangerschaftsabbrüche gesammelt, die nun von den EU-Mitgliedstaaten überprüft werden.
Es gibt also Hoffnung, auch in den herausforderndsten Zeiten.
An der RUB haben wir super viele Personen, Gruppen und Teams, die sich für eine vielfältige, gewaltarme, inklusive und demokratische Uni einsetzen und progressive Entwicklungen vorantreiben. Dass wir hier heute mit so vielen großartigen Menschen stehen, zeigt das wieder einmal sehr deutlich. Wir sind viele und dürfen uns die Hoffnung, die Kraft und die Solidarität niemals nehmen lassen.
Denn jetzt heißt es erst recht, sichtbar, solidarisch und aktiv zu sein und zu werden! Auf dem Campus, in der Stadt, online und zuhause. Denn das Private ist politisch! Auf ein kämpferisches, solidarisches und antifaschistisches Jahr 2026!
Alerta alerta antisexista!
3. Redebeitrag
On June 16, 2024, the body of 40-year-old former Kazakh judge Aygul was found in Lake Bensheim (Hesse) near Heppenheim, packed in a plastic bag. The woman was killed with particular cruelty:
multiple stab wounds on her face, neck, and body, her hands slashed, hair torn from her head. She was six months pregnant, and the cause of death was not sudden but gradual blood loss—a torturous agony. After the murder, the victim was dressed in different clothes to cover the crime, as the damage on the clothing did not match the wounds on her body.
Aygul, a Kazakh citizen, lived in Germany with her husband Alexander Dontsov, who was studying here, his mother Natalia Dontsova, and their young daughter—a German citizen. Aygul went missing on June 3, 2024. Her husband showed no concern: he did not search for her or contact the police. It later emerged that Aygul had endured years of domestic violence from her mother-in-law and husband—she complained to friends and sent photos of her injuries.
According to investigators, the main suspect is Alexander’s mother, Natalia Dontsova, who stabbed her daughter-in-law, with her son assisting. The mother-in-law flew to Kazakhstan the same night Aygul disappeared—the taxi was ordered by her son. Despite suspicions, Aygul’s husband calmly flew to Russia with their daughter four months after the body was found. The German police did not prevent his departure or properly investigate the case. For 1.5 years, they took no action to search for the suspects!
This is not an isolated incident but a systemic problem with the German police: ignoring domestic violence, inaction in cases of missing women, especially if the woman is not a German citizen. How many more women will die due to such „protection“?
4. Redebeitrag
- Gedenken an Dilan
Hallo ihr lieben Menschen,
in der Vorbereitung auf diese Demo habe ich über die Leben verschiedener Frauen gelesen, denen durch einen Mann, durch einen Femizid, ihr Leben genommen wurde. Schließlich habe ich mich entschieden über für die 37-Jährige Dilan zu sprechen, da ich einen Artikel gefunden habe, der im Gespräch mit einer engen Verwandten von ihr entstanden ist: ihrer Cousine Eda. Eda hat sich bereit erklärt, über Dilan zu sprechen, die am 2.11.2025 in Ludwigshafen von ihrem Mann ermordet worden ist. Hier möchte ich auf das eingehen, was über Dilan bekannt ist. Eda und Dilan wuchsen gemeinsam in Ludwigshafen auf. Eda erinnert sich daran, dass ihre sechs Jahre ältere Cousine oft auf ihre jüngeren Verwandten liebevoll aufpasste. Sie kochte gern für sie, zum Beispiel Gereichte aus der Türkei, aus der ihre Großeltern, welche alevitische Kurden waren, in den 70ern als sog. Gastarbeiter*innen nach Deutschland gekommen waren. Früher hörte Dilan am liebsten die finnische Band HIM und probierte gerne verschiedene Flechtfrisuren aus. Dilan mochte Blumen, besonders in Rosa, Lila oder Pink. Sie ging gerne mit ihren zwei Söhnen spazieren und besuchte mit ihnen Pokemon- Turniere. Zu ihren Geburtstagen bastelte sie die Karten selbst und dekorierte den Garten. Dilan war gern Mutter, liebevoll, ruhig und zuvorkommend. Eda wünscht sich, dass über Dilan gesprochen wird. Ich hoffe, dass ich diesem Wunsch hier ein Stück weit gerecht werden konnte.
Abschließen möchte ich mit einem weiteren Wunsch, den Eda im Interview äußerte: „Und dass vor allem Männer über Gewalt gegen Frauen sprechen. Dass sie etwas sagen, wenn sie übergriffige Kommentare hören“. Diesem Wunsch kann ich mich hier nur anschließen!
Danke fürs Zuhören.
5. Redebeitrag
Wir sind heute auf dem Campus unterwegs, weil wir auch hier als FINTA* Gewalt und Diskriminierung erleben. Die Universität ist ein Ort der Hierarchien und in diesen Hierarchien finden sich die gleichen diskriminierenden Strukturen, die wir auch aus anderen Bereichen unseres Lebens kennen. Femizide, körperliche und psychische Gewalt sind der krasseste Auswuchs patriarchaler Gewalt, aber diese fängt im Kleinen schon an mit sexistischen Witzen und diskriminierender Sprache.
Eine Studie der RUB zu Diskriminierungserfahrungen Studierender aus dem Jahr 2022 ergab, dass 245 der 4424 befragten Studis an der RUB schon einmal sexuell belästigt wurden. Sie ergab, dass 289 Studierende an der RUB schon einmal aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert wurden, Betroffene berichten zudem, dass diese Situationen mehrfach im Semester auftreten. Die Studie sollte die Möglichkeit bieten als erste empirische Erhebung zur Situation an der RUB einen Wissensstand erstmal festzustellen. Danach folgte und folgt die Arbeit daran, unseren Campus sicherer zu machen, gegen Diskriminierung vorzugehen.
Neben diesen Arbeiten am Internen, haben wir im letzten Jahr vermehrt Angriffe von außen auf universitäre Orte der Antidiskriminierung, der queerfeministischen Arbeit erlebt. Als direkt oder indirekt Betroffene dieser rechten, faschistischen Angriffe haben wir gesehen, wie unsere Kommilitoninnen, Lehrenden, die Mitarbeiterinnen und Kolleginnen, denen wir jeden Tag begegnen, darauf reagiert haben, dass einige von uns bedroht werden. Wir haben Solidarität erlebt und uns gegenseitig gestützt.
Wir haben aber auch gesehen, dass es noch viel zu tun gibt: Darum sind wir heute hier zusammengekommen, um gemeinsam laut zu sein, gemeinsam den Campus einzunehmen und für uns, füreinander einzutreten. Unser Campus muss feministisch sein, unser Handeln solidarisch. Wir wollen eine RUB, die frei von Diskriminierung ist, wir wollen eine RUB, die ein sicherer Ort für alle Studierenden und Angestellten ist.
6. Redebeitrag
Queerfeindliche Gewalt nimmt in Deutschland seit Jahren zu. Für das Jahr 2024 wurden 1.765 Fälle im Bereich „sexuelle Orientierung“ und 1.152 im Bereich „geschlechtsbezogene Diversität“ gezählt. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Schätzungen gehen davon aus, dass sie bei 80-90 % liegt. Das bedeutet, viele Taten werden nicht gemeldet. Einer nicht-repräsentativen Studie zufolge vermuten Expert*innen, dass 4 von 5 Menschen, die Hassverbrechen erleben, dies nicht anzeigen. Bereits in England – einem Land mit deutlich kleinerer Bevölkerung – wurden 2022 etwa 26.000 queerfeindliche Angriffe gezählt. Wie hoch wäre dann die eigentliche Zahl in Deutschland?
Auch in Nordrhein-Westfalen steigen queerfeindliche Straftaten. Queere Menschen sind stärker Hetze, Diffamierungen und körperlicher Gewalt ausgesetzt. Oft enden Hassverbrechen mit Aufrufen zu Gewalt und Mord. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass das keine leeren Worte sind. In meiner Verwandtschaft gab es eine Aussage, die ich hier nur ansprechen möchte, weil sie extrem gewalttätig war: Es hieß, Homosexuelle seien „unnormal“ und sollten wieder „vergast“ werden. Es macht mich betroffen, wütend und nachdenklich, in welcher Zeit wir leben, wenn solche Hassparolen wieder offen geäußert werden. Was sagt das über den Zustand einer Gesellschaft aus, wenn solche Wünsche wieder artikuliert werden, wenn solch ein Begehren nach Auslöschen wieder zirkuliert? Das ist kein Einzelfall, sondern steht symptomatisch für tiefere gesellschaftliche Probleme; für Ansichten, die nicht jedem Leben die gleiche Wertigkeit zugestehen.
In Duisburg beleidigte ein Mann Tans-Personen in den sozialen Medien und wünschte ihnen den Tod. Immerhin wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Dabei passiert so etwas vermutlich viel häufiger. Viele Hassverbrechen bleiben unbemerkt, weil sie nicht angezeigt oder nicht verfolgt werden. Im Juli 2025 wurden in Köln Pride-Flaggen an mehreren Kirchen abgerissen. Auch die Universität Bochum wurde – wie viele sicher wissen – Ziel queerfeindlicher Angriffe: eine Pride-Flagge wurde verbrannt, queere Studierende und Beschäftigte wurden angefeindet. Beim CSD in Soest hat ein Mann drei Menschen beleidigt, bedroht und geschlagen. Zudem gab es in Köln Attacken auf queere Menschen, sogar an vermeintlich sicheren Orten (Vgl. 4). Solche Ereignisse lassen die Hotspots von queerem Leben wie Köln, Berlin, Hamburg oder Bremen – alles Orte mit vielzähligen Angriffen – weniger sicher erscheinen. Aber die Geschichte des queeren Lebens zeigt auch: Gewalt wird uns nicht aufhalten. Queere Menschen werden immer Möglichkeiten finden, weiterzuleben, zu wachsen und sich gegenseitig zu unterstützen.
Es gibt mehrere Gründe für die Hasskriminalität und die Gewalt, die sehr ernst genommen werden müssen. Bei einigen Angriffen wurden Symbole des Rechtsextremismus hinterlassen. So war es auch bei Angriffen auf die Universität Bochum. Aber es wäre zu einseitig, queerfeindliche Gewalt nur an rechtsextreme Personen anzuheften. Viel eher gilt es, die Prozesse im Blick zu halten, die diese Gewalt überhaupt ermöglichen; die Beispiele nicht aus den blick zu verlieren, die nicht explizit rechtsextrem motiviert sind. So gab es auch Anzeigen gegen Personen von Parteien der sog. demokratischen Mitte, weil sie Hass gegen Queere verbreitet haben. Wenn Queerfeindlichkeit zu einem Mittel wird, die Gesellschaft zu spalten und sich über anderen zu stellen, und wenn sie die Grundlage für eine Regierung des Verbots und der Einschränkung von Grundrechten bildet, betrifft das uns alle. Es betrifft all jene Menschen, die an demokratische Prinzipien festhalten, im Alltag, im Beruf, an der Universität. Solche Taten, dieser Hass und diese Gewalt gefährden unsere Gesellschaft und die freiheitlichen Grundprinzipien. Dem möchte ich folgendes entgegensetzen: One Solution – Queer Revolution.
Quellen:
1) https://www.lsvd.de/de/ct/3958-Alltag-Queerfeindliche-Gewaltvorfaelle-in-Deutschland
2) https://www.lsvd.de/de/ct/3958-Alltag-Queerfeindliche-Gewaltvorfaelle-in-Deutschland
3) https://taz.de/Massnahmen-gegen-Queerfeindlichkeit-/!6095777/
4) https://www.stadtrevue.de/artikel-archiv/artikelarchiv/08613-gefaehrliche-falle/
- Redebeitrag
Wir stehen heute hier, weil Gewalt nicht erst dort beginnt, wo es physisch wird. Gewalt beginnt auch dort, wo Menschen bedroht, beleidigt, sexualisiert, verfolgt oder zum Schweigen gebracht werden, im physischen öffentlichen Raum oder auch im Netz.
Digitale Gewalt ist real. Und sie trifft nicht alle gleich. FINTA* Personen – sind besonders häufig von Hassnachrichten, von sexualisierten Kommentaren und von Bedrohungen betroffen.
Digitale Gewalt zielt nicht nur auf einzelne Personen. Sie zielt auf Sichtbarkeit, auf Teilhabe und auf Meinungsfreiheit.
Viele FINTA*-Personen ziehen sich zurück aus sozialen Netzwerken, beenden politisches Engagement und löschen Accounts. Nicht, weil sie nichts mehr zu sagen hätten, sondern weil die Gefahr für die eigene Sicherheit zu groß wird.
Studien zeigen: Digitale Gewalt trifft besonders queere Personen, trans* Personen, People of Color und Menschen, die sich feministisch, links-politisch oder gesellschaftskritisch äußern.
Das ist kein Zufall. Das ist ein System. Und trotzdem wird digitale Gewalt oft verharmlost.
Als „Hate“, als „Trolle“, als „da muss man drüberstehen“.
Aber niemand muss Gewalt aushalten. Auch nicht online.
Wir brauchen ernsthaften Schutz für Betroffene. Wir brauchen Beratungsstellen, die finanziert und erreichbar sind. Wir brauchen Konsequenzen für Täter*innen, auch im digitalen Raum. Und wir brauchen Plattformen, die Verantwortung übernehmen, statt wegzuschauen. Digitale Räume sind politische Räume. Und sie müssen für alle sicher sein.
Unsere Forderung ist einfach und sie ist nicht verhandelbar: Schweigen ist keine Lösung. Wegsehen ist keine Neutralität. Und digitale Gewalt ist echte Gewalt.
Solidarität mit allen FINTA*s, die sich trotz Hass sichtbar machen. Trotz Drohungen laut bleiben. Trotz Gewalt nicht verschwinden.
Fotos zur Aktion:








