Die Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum warnt angesichts der laufenden Haushaltsplanung der Bundesregierung für das kommende Jahr vor einem Kollaps der psychosozialen Versorgung für Überlebende von Flucht und Folter. Zwei zentrale Finanzierungsquellen – die Bundesmittel und die EU-Gelder aus dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) – drohen 2026 massiv zu schrumpfen oder ganz auszufallen. In Bochum und im Ennepe-Ruhr-Kreis sind es jährlich über 500 Überlebende schwerer Gewalt, die bei dem interdisziplinären Team des Psychosozialen Zentrums (PSZ) Psychotherapie und Beratung in Anspruch nehmen. Ihre Versorgung steht ab Januar auf dem Spiel.
“Alle Menschen, die zu mir in die Behandlung kommen, haben schwere Gewalt erlebt, viele leiden unter einer Traumafolgestörung. Psychosoziale Versorgung ist in so einer Lebenssituation unerlässlich, um ein gesundes Leben und ein Ankommen in Deutschland zu ermöglichen. Als Therapeut ist es für mich unerträglich, dass die Gesundheit unserer Klient*innen von der Bundespolitik so auf’s Spiel gesetzt wird.“, so Eike Leidgens, therapeutische Leitung der MFH Bochum.
Welche Kürzungen sind angekündigt?
Die Finanzierung der psychosozialen Versorgung durch den Bund soll erneut um 41 % auf nur noch 7,1 Millionen Euro gekürzt werden. Durch diese Mittel könnte dann nur noch ein Bruchteil der betroffenen Personen versorgt werden. Gleichzeitig liegen auch die EU-Mittel zur psychosozialen Versorgung Geflüchteter für die kommenden Jahre rund 30 % unter der Summe, die alle 51 PSZ bundesweit beantragen müssten, um ihre Versorgungsstrukturen aufrechtzuerhalten.
Handlungsbedarf: Weder Gesundheitssystem noch PSZ können Finanzierungslücke auf-fangen
Durch die Kürzungen drohen beim PSZ der MFH in Bochum ab Januar die Entlassung von Fachpersonal, ein Aufnahmestopp und zahlreiche Therapieabbrüche. Die Wartelisten wer-den ins Unerträgliche wachsen, Erkrankungen chronifizieren und die Versorgungslast verschiebt sich in den akut stationären Bereich, also die Notaufnahmen der Kliniken.
Da Geflüchtete in Deutschland durch das Asylbewerberleistungsgesetz keinen vollen Zugang zum Gesundheitssystem haben, können die Lücken auch nicht durch das reguläre psychotherapeutische Versorgungssystem aufgefangen werden. Die PSZ sind die einzigen spezialisierten Einrichtungen für schwer traumatisierte Geflüchtete. Auch in den vergangenen zwei Jahren waren drastische Kürzungen gegenüber den PSZ angekündigt worden, die letztendlich unter dem Druck der Zivilgesellschaft wieder zurückgenommen wurden. Die Entscheidung für das Jahr 2026 wird am 13. November in den Beratungen zum Bundeshaushalt fallen.
„Mit dem Therapiezentrum der MFH haben wir einen Ort geschaffen, wo wir aus therapeutischer, aus menschenrechtlicher und aus sozialarbeiterischer Sicht Menschen beiseite stehen können, die Flucht und Folter überlebt haben. Wenn man so einen Ort kaputt spart, dann ist er nicht so schnell wieder aufzubauen. Wir bitten deshalb auch unsere Bundestagsabgeordneten, jetzt alles dafür zu tun, damit wir weiterarbeiten können. Unsere Versorgung rettet Leben und bietet Erkrankten einen Anker. Diesen Anker wollen wir nicht loslassen.“, sagt Jutta Gernert, Therapeutin bei der MFH.
Noch ist die Aufstockung der Bundesmittel auf mindestens 27 Millionen Euro, die der Bundesverband der PSZ fordert, durch den Haushaltsausschuss des Bundestags bis zur Verabschiedung des Haushaltsbeschlusses möglich. Deutschland ist gemäß UN-Antifolterkonvention und der EU-Aufnahmerichtlinie verpflichtet, Überlebenden von Folter und anderen schwer traumatisierten Geflüchteten angemessene medizinische und psychosoziale Unterstützung zu gewähren. Die MFH übernimmt diese Aufgabe in Bochum seit knapp 30 Jahren.
Um die drohende Kürzung der Förderung teilweise abfedern zu können, startet die Medizinische Flüchtlingshilfe eine Spendenkampagne: Menschenrechte, jetzt erst recht!

Ich bin geschockt – Mit diesem Angebot haben wir Ehrenamtlichen, Nachbarinnen, Bürgerinnen in Bochum die Möglichkeit betroffene Menschen an professionelle Hilfen verantwortungsvoll weiterzuleiten. Das ist ein sehr gutes und entlastendes Gefühl. Mit der Vermittlung an die MFH können wir Betroffenen Helfen und uns selbst vor massiver Überforderung schützen. Danke dafür! Wenn das Angebot nicht mehr besteht werden die `traumatisierten´ Menschen und wir als Begleitende allein gelassen. Das ist tragisch und verantwortungslos!