Freitag 07.11.25, 09:55 Uhr

Das fängt ja gut an! Maßnahmen wie zu Heusner-Zeiten! 6


Zur angedrohten Räumung der Häuser Auf den Holln 1 und 3 erklärt das Netzwerk für bürgernahe Stadtentwicklung: »Der neue Oberbürgermeister und die neuen Ratsmitglieder waren noch nicht vereidigt, da erließ die Verwaltung schnell noch eine Ordnungsverfügung, mit der zur kurzfristigen Räumung des seit mehr als 40 Jahren besetzten Hauses Auf den Holln 1-3 – bekannt als „Villa Kunterbunt“ – aufgefordert wird.

Doch damit nicht genug! Nachdem das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen per Eilentscheidung die Räumung vorerst gestoppt hatte, versuchten Mitarbeiter der Stadtwerke Bochum, Strom und Wasseranschlüsse im Haus auszubauen. Das erinnert nun doch an Maßnahmen der Stadt Bochum zur Räumung des Heusnerviertels Anfang der Achtzigerjahre. Manche dort durchgeführte Zwangsräumung wurde im Nachhinein von Gerichten für rechtswidrig erklärt. So auch die sofortige Räumung der Bahnstraße 4 aus angeblich seuchenpolizeilichen Gründen. Das eingeschaltete Verwaltungsgericht Gelsenkirchen konnte nach Abriss des Hauses nur noch die Rechtswidrigkeit der sofortigen Räumung feststellen. Seuchenpolizeiliche Gründe waren für das Gericht nicht erkennbar. Und das Amtsgericht Bochum musste damals mehrere Besetzer*innen gegen rechtswidrige Räumungen schützen. Wer ein Jahr in einem Haus wohnt, hat auch ohne Mietvertrag Besitzschutzansprüche. Damit kann gerichtlich Unterlassung von Räumung und Sperrung von Wasser und Strom verlangt werden, solange kein Räumungsurteil vorliegt.

Für die angeblich kurzfristig erforderliche Räumung der „Villa Kunterbunt“ führt die Bauverwaltung nun an, infolge des schlechten baulichen Zustands bestünden akute Gefahren für Leib und Leben der dort wohnenden Personen. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ist von diesen Gründen nicht überzeugt. Es wird zunächst eine Ortsbesichtigung durchführen. Das kann nicht verwundern, hat sich die Verwaltung nach Zugang der Gutachten vom 17./18. September 2025 doch bis zum 24.Oktober 2025 Zeit gelassen, um die angeblich unaufschiebbare Räumung anzuordnen.

Aber wer im Rathaus kann ein Interesse daran haben, dass der neu gewählte Oberbürgermeister und der neu gewählte Rat mit der Räumung eines seit mehr als 40 Jahren besetzten denkmalgeschützten stadteigenen Hauses in die neue Ratsperiode starten?

Durch die Räumung wird schließlich das Augenmerk auf eine seit Jahren verfehlte Wohnungspolitik in Bochum gelenkt. Wie schon an der Kohlenstraße hat die Stadt auch Auf den Holln preiswerten Wohnraum über Jahrzehnte einfach verfallen lassen. Dabei fallen in Bochum doch jährlich mehr als 400 Wohnungen aus der sozialen Bindung. Der Anteil von Sozialwohnungen an dem Gesamtwohnungsbestand beträgt nur 6,1 %. Der Leerstand beläuft sich auf 3,6 %. Und die Stadt hat nichts Besseres zu tun, als in ihrem Eigentum stehende Häuser verfallen zu lassen.

Der scheidende und der neue Oberbürgermeister dürften eher an einer geräuschlosen Übergabe interessiert sein. Auch Rot-Grün dürfte kein Interesse daran haben, dass gerade jetzt das stadteigene denkmalgeschützte Haus öffentlichkeitswirksam geräumt wird, weil Leben und Gesundheit der dort Wohnenden durch die allein der Stadt anzulastenden schlechten Bausubstanz angeblich gefährdet sein sollen. Schließlich wollen sie ihre Koalition fortsetzen. Hierzu müssen sie sich aber immer wieder eine Mehrheit im Rat suchen und finden.

Oder will sich die Verwaltung nur eines im Haus entstandenen Problems entledigen? Mitte 2024 hatte die Lokalpresse über einen Konflikt zwischen den im Haus wohnenden Parteien berichtet. Dieser Konflikt ist aber mittlerweile allein durch die Räumungsverfügung beigelegt. Im Haus herrscht heute wechselseitig Solidarität!

Da fragt sich: Wie kann es mit der „Villa Kunterbunt“ nun weitergehen?

Die Stadt Bochum lädt in ihrer Reihe „Stadtgespräch“ am 12. November 2025 ab 19:00 Uhr ins Kunstmuseum Bochum, Kortumstraße 147. Das Thema diesmal: „Gemeinschaftliches Wohnen“. Nach ihrer Pressemitteilung (siehe hier https://www.bochum.de/Pressemeldungen/31-Oktober-2025/Reihe–Stadtgespraech–im-Museum-befasst-sich-mit-gemeinschaftlichem-Wohnen ) will die Stadt besondere Wohnformen, bei denen sich Menschen mit derselben Wohnvorstellung gezielt zusammentun, als Beitrag zu einer sich ausdifferenzierenden Wohnungsnachfrage und zur Stärkung der Nachbarschaften im Quartier unterstützen. Da liegt es doch auf der Hand, das seit mehr als 40 Jahren bestehende Wohnprojekt „Villa Kunterbunt“ einmal mit den Betroffenen und der Zivilgesellschaft zu diskutieren. Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.«


6 Gedanken zu “Das fängt ja gut an! Maßnahmen wie zu Heusner-Zeiten!

  • Diskurs

    „Diskutieren“ können Sie da höchstens am Ende der Veranstaltung:

    „Diesmal geht es um eine besondere Wohnform, bei der sich Menschen mit derselben Wohnvorstellung gezielt zusammentun: Zum Beispiel im Rahmen eines Bauprojektes mit der Zielsetzung, dass die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner auf reduzierter (privater) Wohnfläche leben, um größere Gemeinschaftsbereiche gemeinsam für verschiedenste Aktivitäten zu nutzen.

    Auch in Bochum gibt es bereits diverse Projekte, in denen ‘anders‘ gewohnt wird. Die Stadt Bochum unterstützt gemeinschaftliche Wohnformen als Beitrag zu einer sich ausdifferenzierenden Wohnungsnachfrage und zur Stärkung der Nachbarschaften im Quartier. Heike Möller, Leiterin des Amtes für Stadtplanung und Wohnen gibt zusammen mit Ingbert Ridder, Leiter des Amtes für Geoinformation, Liegenschaften und Kataster, einen Einblick in die kommunalen Aktivitäten.

    Exemplarisch vermitteln zwei Projekte, die in Bochum bzw. Köln realisiert wurden, was gemeinschaftliches Wohnen ausmachen kann: Zum einen wird Privatinvestor Dr. Willi Gründer das Projekt Kronenstraße im Bochumer Ehrenfeld vorstellen, welches drei innerstädtische Wohngebäude mit genossenschaftlichem Wohnungsbau, Miet- und Eigentumswohnungen sowie attraktive, gemeinschaftlich genutzte Grünbereiche im Hof umfasst.
    Zum anderen wird Sarah Escher, Partnerin des Büros Duplex Architekten sowie Mitglied des Beirates für Gestaltung und Baukultur der Stadt Bochum das ambitionierte Projekt „Mittendrin in Alt-Sülz“ präsentieren, welches mit vielfältigen und teils flexiblen Wohnungsgrundrissen sowie unkonventioneller Architektursprache besticht.

    Die anschließende Podiumsdiskussion vervollständigt Horst Hücking, Geschäftsführer der Wohnbund-Beratung NRW GmbH mit Sitz in Bochum. Mit seiner langjährigen Erfahrung in der Beratung von Projektinitiativen erweitert er das Bild um Perspektiven von Menschen, die Bottom-Up ein Wohnprojekt gründen bzw. in die Umsetzung führen wollen.“

    Hier der richtige Link: https://www.bochum.de/Pressemeldungen/31-Oktober-2025/Reihe–Stadtgespraech–im-Museum-befasst-sich-mit-gemeinschaftlichem-Wohnen

    • Andreas

      Bei den vorgestellten Wohnprojekten handelt es sich um Neubauprojekte, die natürlich entsprechend hohe Mieten, Genossenschaftsanteile etc. nach sich ziehen und für viele Menschen daher einfach nicht attraktiv sind.

      Sie wünschen sich gemeinschaftliche Wohnformen UND bezahlbare Kosten. Solche Projekte gibt es ja durchaus. Beispiele findet man z.B. hier: https://www.syndikat.org/,

      Es geht vielen Menschen nicht um Architekturwettbewerbe, sondern um preiswertes (!) Wohnen, das z.B. auch durch Eigenleistung bei Umbaumaßnahmen von Altbauten oder der Umnutzung Gewerbeimmobilien realisiert werden kann.

  • Die_Knack

    Es wirkt geradezu, als wolle sich die Stadt Bochum – allen voran der OB a.D. – mit einem „endgültigen Sieg über die Besetzerszene“ ein Denkmal setzen. Wie zynisch ist das bitte? Statt Dank und Unterstützung für Menschen, die sich mit Herzblut für den Erhalt unserer Stadtgeschichte einsetzen, gibt’s Repression und Selbstbeweihräucherung! Die Besetzer:innen machen hier die Arbeit, die eigentlich die untere Denkmalbehörde längst erledigen müsste – und werden dafür auch noch bekämpft.

      • Die_Knack

        Dem neuen OB wird der rote Teppich ausgerollt. Herr Eiskirch will schließlich eine gute, ordentliche Stadt übergeben! Sich ans revers heften können die Besetzer?Szene beseitigt zu haben. Erst die letzten 3 “Hausner-Häuser und dann die längste Besetzung….

  • Ulrike

    Macht Sinn: Vergesellschaftung und Nutzung als Wohnprojekt für gemeinschaftliches Wohnen, unter
    der Ägide der Stadt Bochum.

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