Mittwoch 22.10.25, 12:08 Uhr

Alsenkiez droht Gentrifizierung 3


In einer Mitteilung von Menschen aus dem Alsenstraßen-Viertel äußern diese ihre Besorgnis um die Zukunft ihres Lebensraums: »Auch wenn es viele Städte gibt, in denen der Wohnungsmarkt noch deutlich angespannter ist, bahnen sich ähnliche Tendenzen auch in Bochum an.

Mittlerweile steht man auch in Bochum für WG-Zimmer Schlange und immer mehr Menschen müssen sich überlegen, ob sie sich die Miete in Innenstadtlage leisten können. Verdrängung geschieht schon jetzt schleichend. Wohnungen im Innenstadtbereich sind in einem weitaus besseren Zustand als in Gerthe oder Wattenscheid. Der allgemeine Trend einer auseinanderdriftenden Gesellschaft schlägt sich auch in Bochum nieder. Das Gefühl des Abgehängtseins in Randbezirken begründet sich im Neoliberalismus durch die materielle Grundlage, die es immer mehr Menschen nur noch erlaubt am Rande der Gesellschaft zu existieren.

Dies ist ein Faktor, der in jenen Bezirken auch zu höheren AfD-Ergebnissen beiträgt. Auch wenn der Mietspiegel in den letzten zwei Jahren „nur“ 3,8% betrug, so stieg die Angebotsmiete 2021 in Bochum um 20%. Die Nettokaltmiete hat sich zwischen 2014 und 2024 um 47% erhöht. Am härtesten trifft es einkommensschwache und ältere Menschen. Während äußere Stadtteile vernachlässigt werden, erfreuen sich beliebte Wohngegenden fragwürdigem Interesse. Viertel wie Ehrenfeld oder Kortländer sind von Gentrifizierung bereits sichtbar betroffen. Die Preise im Viertel steigen, alteingesessene Mieter*innen können sich das Wohnen nicht mehr leisten und ziehen an den Stadtrand. Meist ist dies ein schleichender und unsichtbarer Prozess, doch im Alsenkiez wurde er nun durch ein fragwürdiges Prestigprojekt so sichtbar wie selten.

Die Alsenstraße 60, direkt an der Mündung zur Unistraße gelegen, wird seit einigen Monaten kernsaniert und seit einigen Wochen wissen die Anwohner*innen auch wofür. Hier entstehen nun „11 hochwertig sanierte Eigentumsowohnungen die Maßstäbe setzen“ mit eigenem Aufzug und Parkplätzen. Die „Deutsche Standard Invest GmbH“ aus Olpe/Dortmund baut hier ihr „SÜDPALAIS“. Die Homepage des Bauprojekts ist zwar nicht abrufbar aber ein großes Plakat am Baugerüst verkündete den Anwohner*innen bereits die glamuröse Aufwertung ihres Kiezes. Mit diesem fragwürdigen und exklusiven Bauprojekt hat die Gentrifizierung endgültig und sichtbar Einzug gehalten im Alsenkiez. Die Mieten im Viertel waren bereits über die Jahre hinweg immer weiter gestiegen.

Vor einigen Tagen verschwand jedoch das Hochglanzplakat vom Baugerüst, nur um wenige Tage später am Bolzplatz an der Düppelstraße mit einer eindeutigen Protestnote aufzutauchen. Dort lasen Passant*innen und Anwohner*innen nun: „Bezahlbare Wohnungen für alle, statt Palais für wenige“. Die unbekannten Künstler*innen bringen damit das Problem auf den Punkt. Die Kieze, die von den verschiedensten Menschen über Jahre hinweg ehrenamtlich zu Räumen des sozialen Miteinanders geformt wurden, die öffentliche Räume wie das Alsenwohnzimmer oder den Alsengarten hervorbrachten, stehen leider ganz oben auf der Liste profitorientierter Investmentunternehmen. Diese beuten das soziale Miteinander und die soziale Infrastruktur aus, indem sie ihre Spekulationsobjekte in diesen Räumen platzieren und Wohnpreise hochtreiben. Das wohlige Gefühl in einem solidarischen Kiez zu wohnen bzw. Wohnraum anzubieten, wird damit zum Konsum. Die Debatten dazu sind in Köln, Berlin oder Hamburg schon viel weiter und mancher Kiez gleicht dort mittlerweile einer ausgeblichenen Korallenbank, die jeglichen politischen Anspruch aufgrund der Strukturveränderung verlor.

Dieser Entwicklung musse auch in den Bochumer Kiezen Einhalt geboten werden. Dagegen hilft nur Organisation – örtlich wie überregional. Der Mieterverein, die Initiative „Stadt für alle“ oder die Mobilisierung gegen die LEG in der Alsenstraße zeigen, wie es gehen kann.

Zuvor war der Kiez wegen seines solidarischen Charakters ins Fadenkreuz von Neonazis geraten. Die Gentrifizierung greift den Kiez dagegen deutlich subtiler und schleichender an.

Deshalb: solidarisch und organisiert den Kiez verteidigen!«


3 Gedanken zu “Alsenkiez droht Gentrifizierung

  • Alsenstraße bleibt Antifa

    Auch in anderen Wohnungen in der Alsenstraße beträgt die Kaltmiete mittlerweile über 10 €.
    Unser Vermieter, ein Versicherungsfritze aus Bochum, hat Dollarzeichen in den Augen und hat uns mehrfach bedrängt, aus dem Mieterverein auszutreten.
    Auf Anschreiben des Mietervereins reagiert er grundsätzlich nicht. Wir haben noch einfach verglaste Fenster, zahlen dafür aber auch „nur“ Miete nach dem Mietspiegel.
    Nach dem Auszug der Hauptmieterin einer Frauen-WG bei uns im Haus, hat er die Miete derart erhöht, dass die restlichen Frauen ausziehen mussten, weil sie sich die neue Miete nicht mehr leisten konnten. Ich weiß nicht, ob Gentrifizierung der richtige Begriff ist, aber wir haben zu viele Arschlochvermieter.

  • Nachfrage zu Zahlen

    „Auch wenn der Mietspiegel in den letzten zwei Jahren „nur“ 3,8% betrug, so stieg die Angebotsmiete 2021 in Bochum um 20%“
    Kurze Rückfragen: beim Mietspiegel geht es um den Anstieg um 3,8%, korrekt? Jahr für Jahr oder über die zwei Jahre gesamt? Und: die Angebotsmiete 2021 um 20% gestiegen – geht es hier um eine jährliche Steigerung, um eine Steigerung über einen Zeitraum?
    Also, volle Sympathie und Zustimmung zum Text. Nur werde ich aus den Zahlen/Formulierungen nicht ganz schlau und fände es spannend da konkreteres zu lesen.

    • Martin Krämer / Mieterverein Bochum

      Dazu zwei Antworten. Der Mietspiegel erhebt die Zahlen der Neuvermietungen und Mieterhöhungen der jeweils letzten sechs Jahre. Der aktuelle Mietspiegel, der seit 1.April gilt, hatte durch Befragungen 3,8 % Mietsteigerungen seit 2023 ermittelt, also eine Steigerung über zwei Jahre. Die Angebotsmieten (ermittelt über Angebote in den Immobiliienportalen) haben sich insgesamt um 20 % in vier Jahren erhöht, sind also weit stärker gestiegen. Nicht ganz sicher ist dabei, ob alle Angebotsmieten auch zu neu abgeschlossenen Mietverträgen in genau dieser Höhe führen. Unsere Einschätzung wäre aber, dass auf Grund der Enge des Bochumer Wohnungsmarktes Mieter:innen sich weitgehend auf diese Preisangebote einlassen müssen.

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