Sonntag 12.09.21, 21:50 Uhr
Redebeitrag von Fridays for Future auf der Kundgebung der Klimawende Initiative am 12. 9. 2021

Bitte wenden


Die Familie auf dem Weg in den Urlaub. Papa am Steuer. Mutter daneben. Ich mit kleinem Bruder hinten. Eigentlich ein ganz schöner Ausflug, wenn Vatter nicht seit einer halben Stunde in die falsche Richtung fahren würde. „Bitte wenden“, „Bitte wenden“, „Bitte wenden“, wiederholt das Navi jetzt seit 30 Minuten, aber die Expertenmeinung des Navis hat den alten Mann ja noch nie interessiert. „Bitte wenden“ Er fährt einfach stoisch weiter geradeaus, den Weg, den er denkt, der richtig ist. Den Weg, den er so immer fährt „und daran wird sich auch heute nix ändern!“ raunt er mich an, als ich ihn auf die Warnungen des Navis aufmerksam mache. „Bitte wenden“.

Verzweifelt schaue ich aus dem Fenster und sehe ein Straßenschild auf dem „Hamm“ steht. Hamm?! Wir wollen nach Holland! „Alter Papa, wir sind bei Hamm, wo fährst du eigentlich hin?!“. „Mein GOTT du darfst noch nicht mal Auto fahren. Lass das mal die Profis machen“, sagt er mir. „Bitte wenden“ Ich glotze ihn doof an. Ich hatte mich so gefreut auf grüne Weiden und diese schönen Windmühlen in Holland. Ne Runde Tandem fahren oder ein paar leckere Stropwaffeln. Jetzt sieht meine nahe Zukunft eher nach 3 Stunden den toten Asphalt der A2 begutachten aus. Auch mein Bruder mischt sich ein: „Papa, du fährst falsch!“, doch er hat auf Durchzug gestellt. „Bitte wenden“ Im Minutentakt rechnet das Nawi erneut aus, mit wie viel Verspätung wir ankommen werden. Grade sind es… genau anderthalb Stunden. Wenn wir jetzt umdrehen würden, kämen wir gerade noch rechtzeitig zu unserer Reservierung, aber dafür müsste man auch JETZT umdrehen. „Bitte wenden“ „Du Herrmann, ich glaube die Kinder haben Recht“, sagt Mama. Jetzt redet das ganze Auto im Chor auf meinen Vater ein und er beachtet uns gar nicht mehr. Da sehe ich in der Ferne auf der Autobahn eine Baustelle und man soll sich auf die äußerste Spur einordnen. Doch auch dazu macht der alte Mann keinen Anschein.
„Papa, kriegst du eigentlich noch irgendwas mit?! Da vorne kommt eine Baustelle.“ Und was macht er? Er beschleunigt. Er beschleunigt?! Das Navi klingt für mich immer penetranter: „BITTE WENDEN“, „BITTE WENDEN“. Mein kleiner Bruder fängt an zu weinen, während der Motor immer lauter läuft. „PAPA HALT AN!“
Die Baustelle kommt immer näher. „BITTE WENDEN“ „HERRMANN JETZT HÖR AUF MIT DEM UNSINN“ ruft meine Mutter. „Ist doch alles gut, ich weiß gar nicht, was ihr habt“, ist das Einzige, was er mal von sich gibt. „BITTE WENDEN“
Und während um mich herum der Motor aufheult, mein Bruder und meine Mutter auf meinen Vater einreden, sehe ich es ein: Wir müssen selber etwas tun, denn von sich aus ändert sich hier gar nichts. „BITTE WENDEN“ Die Baustellenabsperrung ist jetzt direkt vor uns. Im letzten Moment greife ich ihm von hinten ins Lenkrad und reiße es rum. Mutter tritt ihm auf die Bremse.
Wir umfahren die Baustelle und kommen zum Stehen.
Ab jetzt fährt sie.
Wir wenden.

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