Mittwoch 09.01.19, 16:11 Uhr

Mindestlohn, Armut, Tarifflucht…

Der Mindestlohn steigt ab Januar um 35 Cent auf jetzt 9,19 Euro pro Stunde – und mit ihm der Verdienst von 5.650 Menschen in Bochum. So viele Beschäftigte arbeiten hier derzeit zum gesetzlichen Lohn-Minimum. Auch die Wirtschaft in der Stadt profitiert: Die Kaufkraft wächst durch das Mindestlohn-Plus in diesem Jahr um rund 1,4 Millionen Euro. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit und beruft sich auf eine aktuelle Analyse des Pestel-Instituts aus Hannover, das die Auswirkungen der Mindestlohn-Entwicklung regional untersucht hat.
„Mal ins Kino oder Essen gehen. Und auch mal etwas Neues für den Haushalt anschaffen – fast jeder Euro, den Mindestlohn-Beschäftigte am Monatsende extra haben, fließt in den Konsum. Und einen Großteil davon geben sie vor Ort aus“, sagt Adnan Kandemir von der NGG-Region Ruhrgebiet. Denn wer zum untersten Lohn arbeite, könne nichts auf die hohe Kante legen. Für den Gewerkschafter ist der gesetzliche Mindestlohn aber auch nach der aktuellen Erhöhung zu niedrig: „Selbst für eine Vollzeitkraft ist es extrem schwer, mit dem Mindestlohn klarzukommen. Gerade dann, wenn auch noch Kinder im Haushalt leben. Und bei steigenden Mieten sowieso“, so Kandemir. Die NGG fordert deshalb ein deutlich stärkeres Mindestlohn-Plus. Erst in einer Größenordnung von mehr als zwölf Euro pro Stunde werde die Lohnuntergrenze „langsam armutsfest“.
NGG-Gewerkschaftssekretär Kandemir sieht bei den Löhnen „Luft nach oben“ und die Arbeitgeber in der Pflicht: „In Branchen wie dem Gastgewerbe und dem Bäckerhandwerk gehen trotz guter Wirtschaftslage selbst Fachkräfte oft nur mit dem gesetzlichen Minimum nach Hause.“ Messlatte sei aber nicht der Mindestlohn, sondern der Tariflohn. Kandemir prangert die zunehmende Tarifflucht als Hauptgrund dafür an, „dass seit Jahren viel zu viele Menschen im Niedriglohnsektor gefangen sind“ und fordert die Unternehmen auf, sich zu Tarifverträgen zu bekennen: „In den Tarifverträgen der NGG sind meist deutlich höhere Löhne, auch in den unteren Lohngruppen, vereinbart. Und wer nach Tarif zahlt, der hat auch zufriedenere Mitarbeiter, die sich im Job engagieren.“
Kandemir betont, dass von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns seit 2015 rund vier Millionen Menschen profitiert haben. Allerdings werde dieser gesetzliche Anspruch viel zu wenig kontrolliert, weil die Finanzkontrolle Schwarzarbeit nach wie vor nicht ausreichend personell ausgestattet sei. „Es gibt viel zu viele Schlupflöcher: Arbeitszeiten werden nicht korrekt erfasst oder Überstunden nicht bezahlt, um den Mindestlohn massenhaft zu umgehen. Das ist ein Skandal“, kritisiert der Gewerkschafter und fordert die Beschäftigten auf, ihre Januar-Lohnabrechnung genau zu kontrollieren.
Bei seiner Einführung 2015 lag der gesetzliche Mindestlohn bei 8,50 Euro pro Stunde. Nach dem Mindestlohngesetz steigt er alle zwei Jahre. Wie hoch das Plus ist, hängt insbesondere von der Entwicklung der Tarifverdienste ab. Die NGG war die erste Gewerkschaft, die sich für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns stark gemacht hat.

2 LeserInnenbriefe zu "Mindestlohn, Armut, Tarifflucht…" vorhanden:

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9. Jan. 2019, 17:34 Uhr

LeserInnenbrief von Ralf Feldmann:

Dass auf Mindestlohn Altersarmut folgt, ist inzwischen allgemein bekannt. Wer mit dem Mindestlohn monatlich gut 1.100 Euro netto verdient ist zudem (bei einer realistischen Wohnungswarmmiete von 400 Euro) nicht einmal in der Lage, auch nur einem Kind Unterhält zu leisten. Solcher Lohn und solche “Marktverhältnisse” verstoßen gegen die Menschenwürde. Warum also nicht 12,50 Euro Mindestlohn im christlichen Abendland?


 

9. Jan. 2019, 18:30 Uhr

LeserInnenbrief von Norbert Hermann:

Witz
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Mit diesem Minimalstlohn kann selbst ein Single in Bochum noch Anrecht haben auf Aufstockung vom Jobcenter. Familien könne sowieso nicht davon leben und müssen ergänzend Hartz IV nehmen. Mehr Kaufkraft in Bochum entsteht dadurch genau so wenig wie durch eine Erhöhung des anzurechnenden Kindergeldes. Und “„Mal ins Kino oder Essen gehen. Und auch mal etwas Neues für den Haushalt anschaffen …”? Kostnixladen und Tafel ist da angesagt


 

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