Sonntag 30.10.16, 20:55 Uhr
Heldengedenken: Kritische SchülerInnen unerwünscht

Trauerhalle statt Schule
Lokalpromis statt SchülerInnen 1


Die Stadt Bochum und der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VDK) haben von ihrer letztjährigen Ankündigung Abstand genommen, die jährliche Gedenkveranstaltung zum „Volkstrauertag“ neu zu gestalten. Im letzten Jahr hatten erstmals SchülerInnen im Neuen Gymnasium der Gedenkfeier einen neuen Rahmen gegeben. Der Bochumer VDK-Geschäftsführer Ulrich Wicking kündigte in der WAZ (Schüler gestalten Volkstrauertag) an, dass dies in Zukunft jedes Jahr Schülerinnen und Schüler jeweils einer anderen Schule machen sollen. Wörtlich: „Wir haben die Hoffnung, dass das Projekt am Neuen Gymnasium Schule macht und wir mehr Leute aktivieren können.“ Daraus ist nichts geworden. Die Veranstaltung findet in diesem Jahr nicht in einer Schule sondern in der Trauerhalle des Hauptfriedhofes statt. Das Programm bestreiten keine SchülerInnen, sondern die Landtagspräsidentin, der Oberbürgermeister und die lokalen Chefs der beiden Großkirchen.
Diese Entwicklung ist nicht überraschend. Einerseits hatten die SchülerInnen des Neuen Gymnasiums die Veranstaltung im letzten Jahr zu einer echten Gedenkstunde umfunktioniert, andererseits hat es auf Bundesebene einen Richtungskampf im VDK gegeben, den die ultra-reaktionären Kräfte für sich entschieden haben. Näheres.
Zur Erinnerung: Zur letztjährigen Gedenkveranstaltung im Neuen Gymnasium hatten sich die SchülerInnen im Geschichtskurs mit Zwangsarbeit in Bochumer Betrieben beschäftigt, vergessene Gräberfelder auf dem Blumenfriedhof aufgesucht und schlugen in ihrer Präsentation den Bogen von den Schrecken des faschistischen Krieges über heutigen Rassismus zu den Flüchtlingen, die vor Waffen fliehen, die aus Deutschland exportiert wurden. An die Vergangenheit wollten sie erinnern, “damit sich sowas auf keinen Fall wiederholt“.
Auch musikalisch setzten sich Chor und Orchester der Schule von jeder Kriegsverherrlichung ab. Das Heldengedenk-Lied vom guten Kameraden, das bis heute bei solchen Trauerfeiern für Soldaten intoniert wird, wurde dissonant verfremdet und brach an der Stelle ab, als der getroffene Soldat die Hand seines Kameraden sucht, der aber lieber weiterkämpft.
Gegen die verlogene Heroisierung des Soldatentodes wurde anschließend das von Hannes Wader bearbeitete Lied “Es ist an der Zeit” gesungen. Der Refrain des bekannten Liedes über den Tod eines jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg lautet: “Ja auch dich haben sie schon genauso belogen, so, wie sie es mit uns heute immer noch tun…”
Das war dann wohl für die alten und neuen KriegskameradInnen zu viel an kriegskritischen Tönen. Die groß angekündigte zukünftige Beteiligung von Schulen an den Feierlichkeit wurde abgeblasen.
Vorausgegangen waren den Reformbemühungen des städtischen Volkstrauertagsrituals Protestaktionen des Friedensplenums. Die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt Bochum gestaltete sich in der Vergangenheit als offen revanchistisch. Vertriebenenverbände präsentieren ihre Ansprüche auf die verlorenen Gebiete. Uniformierte Militärs marschieren im Gleichschritt. Siehe Video Heldengedenken.
Zunächst demonstrierte das Friedensplenum bei dem städtischen Heldengedenken mit Transparenten gegen Rüstungsexporte und den Krieg in Afghanistan. Der Reservistenverband mobilisierte daraufhin Uniformierte, die sich vor das Transparent stellen sollten. Das Friedensplenum verzichtete allerdings auf ein Transparent und 20 Menschen hängten sich Plakate um, auf denen stand: „Soldaten sind Täter“. Die Fotos auf den Plakaten zeigten Kriegsverbrechen der Wehrmacht und der Bundeswehr mit dem Untertitel „Die Verbrechen  der Wehrmacht [Bundeswehr] nicht vergessen.“
Im Jahr 2014 rastete ein Teilnehmer des Heldengedenkens aus. Er griff einen Plakatträger an und zerriss dessen Plakat. Siehe Meldung: Gewaltiges Heldengedenken.
Im Jahr 2015 lief dann die erfreuliche Veranstaltung im Neuen Gymnasium. Das Bochumer Friedensplenum verzichtete auf eine Aktion. Am Sonntag, den 13. November 2016 ist das Bochumer Friedensplenum wieder gefordert, einen Akzent zu setzen.
Eine Dokumentation von Meldungen auf bo-alternativ.de zum Protest gegen das Heldengedenken.


Ein Gedanke zu “Trauerhalle statt Schule
Lokalpromis statt SchülerInnen

  • Boris

    Wenn inzwischen selbst Gerhard Schröder einräumt, dass der Krieg gegen Jugoslawien, den seine rot-grüne Regierung geführt hat, völkerrechtswidrig war und die SPD seitdem allen Kriegseinsätzen der Bundeswehr zugestimmt hat, dann kann doch niemand erwarten, dass sie es in Bochum zulässt, dass Schüler*innen, aus dem Heldengedenken noch einmal eine Antikriegsveranstaltung machen.

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