Donnerstag 07.06.18, 12:30 Uhr

Und wieso tust du nichts?

Wolfgang vom Ubu schreibt: »Ich beobachte, dass 50 Meter weiter eine Mülltonne  umgestürzt quer auf dem Gehweg liegt. Die Passanten müssen ausweichen , einen Bogen drum machen, hintereinander statt nebeneinander gehen.  Ich guck mir das eine Weile an, dann gehe ich hin, richte die Mülltonne auf, sie ist überhaupt nicht schwer,  und es ist wieder Platz auch für Kinderwagen. Ich sehe ein beleidigendes Graffiti  auf der Scheibe meines Nachbarn, denke kurz nach , dann kratze ich die beleidigenden Teile mit meinem Schlüssel ab.  Ich erzähle es dem Nachbarn später und werde wegen  meiner Aktion kritisiert.  ”Wir hätten das gern fotografiert und Anzeige erstattet !”  Ich werde es aber wieder tun. Ich denke, dieser Nachbar nimmt seine eigene Person zu wichtig. Da gibt es noch viele weitere Beispiele …«

 

3 LeserInnenbriefe zu "Und wieso tust du nichts?" vorhanden:

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7. Jun. 2018, 20:07 Uhr

LeserInnenbrief von Simeon:

War das an mich gerichtet?

Ich habe schon hunderte Naziaufkleber abgerissen und nie ein Wort dazu verloren.
Jetzt habe ich einen anderen Weg genommen und über den Alltag der Akzeptanz des Bösen geschrieben.
Was ist daran falsch?

Ich nehme mich zu wichtig?
Weil ich über die Alltäglichkeit von Antisemitismus schreibe? Weil ich statt stillschweigenden Entfernens eine Thematisierung in der Öffentlichkeit bevorzuge? Weil ich auf Verantwortlichkeiten hinweise, denen nicht nachgegangen wird?

Wahrlich absurde Anwürfe eines Menschen, der weder von mir etwas weiß, noch zur Abstraktion fähig scheint, dass das Veröffentlichen sozialer und politischer Verwerfungen eine Waffe ist.

Simeon

p.s.: Eine Reaktion auf die Meldung scheint zu sein, dass heute zumindest diese eine Hakenkreuz am Lohring Hotel übermalt wurde.


 

8. Jun. 2018, 00:40 Uhr

LeserInnenbrief von Ulli Böcker:

Ich halte diese Beobachtung aus dem Alltag von Wolfgang für symptomatisch und höchst politisch und ich bin dankbar, dass sie auf der Seite von BO-alternativ veröffentlicht wurde. Solcherlei Beobachtungen mache selber täglich und am Arbeitsplatz und anderswo. Ich halte sie in ihrem Wesen für alles andere als banal und sie haben mich dazu gebracht, den Satz von Marx „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ oft zu überdenken.
Nicht, dass ich diesen Satz in Zweifel ziehen würde. Aber er erklärt mir nicht ausreichend das menschliche – und vor allem das politische Verhalten von Menschen.
M.E. bestimmt das Sein auch das Unterbewusstsein und aus Wissen und Verstand wird allein keine Vernunft – wenn man unter Vernunft das konsequente praktische Umsetzen seines Wissens versteht.
Irgendein Spaßvogel hatte in einem bestimmten Zusammenhang den Satz von Marx umformuliert in „Das SCHWEIN bestimmt das Bewusstsein“. („Sollen doch andere die umgekippte Mülltonne aufheben!“) Ich interpretierte daraus, was vulgärpsychologisch als „innerer Schweinehund“ bezeichnet wird.
Welche konstruktiven Schlussfolgerungen können wir als politische fortschrittlich, linke Aktivisten daraus ziehen?
Solche Beobachtungen wie bei der Mülltonne nicht einfach mit einem Kopfschütteln abzutun sondern zu hinterfragen und weiter zu fragen, was kann man von Mitmenschen politisch erwarten, wenn sie bereits in solch banalen Situationen versagen (d.h. sich unvernünftig verhalten.) und was kann man nicht erwarten. Warum reichen bei vielen Menschen die besten Argumente nicht aus, um sie zu erwünschten politischen Einsichten oder gar Aktivitäten zu führen?
Und sich selbst im Alltag kritisch beobachten: Wer die Gesellschaft verändern will, sollte nicht unterschätzen, inwieweit er sich auch selbst verändern muss.
Ich selbst erhoffe mir von einer nüchternen Einschätzung menschlicher Triebkräfte weniger Kraftvergeudung beim Streit unter Linken über die richtige politische Strategie.


 

8. Jun. 2018, 09:36 Uhr

LeserInnenbrief von Wolfgang vom Ubu:

Hi, Simeon , du fragst : War das an mich gerichtet?
Antwort : Nur wenn du dich in das riesengroße Ganze einfügen willst , auf das meine Kritik zielt. Dein Beitrag war nur das auslösende kleine Teilchen, und meine Beispiele betreffen konkrete andere Ereignisse. Aber ich sehe auch das Verhältnis von fast 40 Tagen entrüstetem Warten auf das Eingreifen höherer Mächte und einer Aktion von circa 15 Minuten, die das Ärgernis beseitigt hätte. Öffentlich machen und so eine läppische action directe schließen sich nicht gegenseitig aus. Ich greife auch diejenige Person nicht an, die im vergangenen Jahr auf die zugewachsene Gedenktafel (KZ-Außenlager Zeche Gibraltar) aufmerksam machte . Ich finde es richtig, dass sie das tat. Das Beseitigen des Wildwuchses war ein Klacks, wie ich hörte. Die Person hatte vermutlich Gründe, warum sie es nicht selbst tat oder tun konnte oder Freunde fragte.


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