Samstag 30.03.13, 12:17 Uhr
Das Motto der Initiative Religionsfrei im Revier am Karfreitag:

Heidenspaß statt Höllenqual

Die tristen Bestimmungen des Feiertagsgesetzes NRW haben gestern viele fröhliche Menschen nicht davon anhalten können, sich im Sozialen Zentrum den Film “Das Leben des Brian” anzuschauen.  In einem Interview war einer der Initiatoren dieses kleinen Regelverstoßes gefragt worden: “Die Obrigkeit hat Sie selbst vorgewarnt. Rechnen Sie damit, dass die Polizei oder eine andere Ordnungsbehörde die Filmaufführung unterbinden wird?” Die Antwort bewahrheitete sich: “Bochum hat mit dem völlig überzogenen Stadtwerke-Honorar für Peer Steinbrück und mit der drohenden Drittklassigkeit des VFL Bochums in letzter Zeit schon genug blamable überregionale Aufmerksamkeit erzeugt. Ich vermute unsere Einladung, sich ein weiteres Mal zu blamieren, wird nicht angenommen.” Der Saal des Sozialen Zentrums war rappel voll. Auf Nachfrage outete sich niemand als OrdnungshüterIn. Etliche BesucherInnen, die die Filmdialoge auswendig konnten, blieben im Thekenbereich sitzen. Sie waren in erster Linie gekommen, um gegen das Feiertagsgesetz zu verstoßen. Das Motto “Heidenspaß statt Höllenqual” prägte die Stimmung im Sozialen Zentrum.
In den anschließenden Diskussionen in kleiner Runde wurde aber auch sehr ernsthaft über den Film diskutiert. Die Persiflage auf religiösen und politischen Dogmatismus hat bei einigen älteren ZuschauerInnen jetzt einen viel aktuelleren Bezug aufgezeigt als vor 30 Jahren, als sie den Film zum ersten Mal sahen. Damals gab es die fast täglichen Nachrichten von Selbstmordattentätern noch nicht. Politisch-religiöser Fanatismus war damals eine mittelalterlich erscheinende und kopfschüttelnd wahrgenommene Auseinandersetzung zwischen ProtestantInnen und KatholikInnen im Nordirlandkonflikt. Niemand hätte damals gedacht, dass uns Jahre später islamischer Fundamentalismus vor Augen führen würde, wie die christliche Praxis in unseren Breiten aussah, bis sich säkulare Kräfte im Kampf für Menschenrechte gegen die Willkür von Thron und Altar durchsetzten. Vor diesem Hintergrund erschien der Protest gegen das anachronistischen Feiertagsgesetz als gelungene witzig-winzige Geschichte.

2 LeserInnenbriefe zu "Heidenspaß statt Höllenqual" vorhanden:

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31. Mrz. 2013, 15:18 Uhr

LeserInnenbrief von Norbert Hermann:

Identitäts- und Macht- und Freiheitskämpfe – nicht Religionskriege
Politischen Fanatismus gab es immer. Im Grunde ist jeder Soldat und jede Soldatin potentiell einE Selbstmordattentäter_in. Auch ohne religiösen Hintergrund.
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Islamistischen Fundamentalismus ohne den menschenverachtenden kapitalistisch-imperialistischen „Fundamentalismus“ beurteilen zu wollen ist ein Unding.
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Den noch längst nicht erledigten „trouble“ im Norden Irlands „kopfschüttelnd“ als „Auseinandersetzung zwischen ProtestantInnen und KatholikInnen“ wahrzunehmen qualifiziert diese Seite für ein neu zu begründendes „Armutszeugnis“. Oder für eine Schlafmütze.
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Irland wurde im 12. Jh. durch Normanen und Engländer erobert. Im 17. Jh. wurden die Iren besonders im Norden systematisch enteignet und vertrieben. Über die Jahrhunderte hielt der Widerstand im gesamten Land an. 1916 gelang Irland als erster britischer Kolonie die Befreiung von dieser Unterdrückung.
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Während England diese Entwicklung und das Selbstbestimmungsrecht der irischen Bevölkerung prinzipiell anerkannte, liessen sie trickreich in den Counties separat abstimmen. Das und andere Wahltricks führte zu einem (vorläufigen) Verbleib der nördlichen Counties beim britischen Königshaus. Die demografische Entwicklung wird in absehbarer Zeit klare Mehrheiten für Abkehr schaffen.
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Die Eskalation des Konfliktes in den späten 60er Jahren ist dem „vorbeugenden“ Terrorismus der Royalisten zu schulden (Angriff auf die Demo in Derry 1969, „Bloody Sunday“ 1972). Ab 1988 kam es zu Gesprächen zwischen IRA und britischen Unterhändler_innen. 1994 („Karfreitagsabkommen“) wurde ein Friedensprozess vereinbart, der im wesentlichen bis heute anhält.
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Der irische Kampf war ein Befreiungskampf gegen Kolonialisten. Im Norden blieb ein Identitäts- und Machtkampf zwischen zwei Bevölkerungsgruppen. Durchaus nationalistisch begründet. Nationen und Staaten verlieren heute an Bedeutung, auch im Bewusstsein vieler Menschen. Das ist gut so. Und kann auch im Baskenland, in Kurdistan, in Palästina … zu menschenfreundlicheren Utopien führen.
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Failte go Eire (Willkommen in Irland)!


 

3. Apr. 2013, 13:54 Uhr

LeserInnenbrief von Volker Kirsch:

Ich kann als Historiker nur bestätigen, Norbert Hermann hat absolut recht. Der Nordirland-Konflikt erscheint nur oberflächlichen, historisch unkundigen Betrachtern als Religionskonflikt. Was er wirklich ist, beschreibt er in aller Kürze sehr zutreffend.


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