Mein Name ist Dirk Stahlschmidt und ich bin seit 39 Jahren in der Stahlindustrie beschäftigt. Als Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung beschäftige ich mich seit über 20 Jahren intensiv mit allen Themen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und ich glaube hier ein sehr deutliches Bild über die Auswirkungen unterschiedlichster Arbeit auf den Menschen zu haben.
Das bewegt mich dazu, euch heute mal einen Blick durch die Brille eines Stahlarbeiters auf die Reformvorschläge zur Rentenpolitik zu geben.
Wenn ihr diese Brille jetzt aufsetzt, dann seht ihr Kolleginnen und Kollegen, sieben Tage in der Woche, 24 Stunden, also rund um die Uhr,
Bleche produzieren,
• die als Coil aufgewickelt so schwer wie 15 PKWs sind,
• auf Anlagen, die über 200 Meter lang sind,
• Glühöfen weit über 1000 Grad heiß,
• mit schweren Werkzeugen,
• Öle, Gase, Stäube, Dreck
• und Lärm
Das sind die normalen alltäglichen Arbeitsbedingungen, unter denen heute schon die wenigsten Kolleginnen und Kollegen die Regelaltersgrenze gesund erreichen.
Die Anhebung des ungekürzten Rentenzugangs auf, zum Beispiel 70 Jahre …
bedeutet, dass der Walzer, der Glüher oder der Schlosser, der mit 55 Jahren jeden Knochen spürt,
noch 15 Jahre durchhalten soll …
der nach der Nachtschicht nur noch 2 Stunden schlafen kann, weil Jahrzehnte der Wechselschicht den Biorhythmus zerstören,
noch 15 Jahre durchhalten soll …
Ganz nebenbei bedeutet es auch, dass Politiker in Berlin Entscheidungen treffen, die sie selbst nie mit ihrem Körper bezahlen müssten.
Diese Kolleginnen und Kollegen retten sich nach dann nach mindestens 45 Jahren in die vorzeitige Rente …
und auch diese soll ja zukünftig in dieser Form nicht mehr möglich sein …
oder gehen vorzeitig in Rente und nehmen Abschläge in Kauf …
nicht weil sie mit ihrer Arbeit reich geworden sind,
sondern weil ihr Körper sie dazu zwingt.
Auch das Blockmodell der Altersteilzeit,
also die Möglichkeit, die erste Hälfte einer Teilzeitbeschäftigung voll zu arbeiten, um die zweite Hälfte Richtung Rente schon frei zu haben,
soll es nicht mehr geben.
So kann das nicht funktionieren.
Wer behauptet, wir könnten einfach länger arbeiten, ignoriert die Natur dieser Arbeit.
Denn auch die vielleicht etwas leichteren Arbeitsplätze, auf die ältere oder angeschlagene Mitarbeitende früher versetzt wurden, fallen immer mehr der Leistungsverdichtung und den wirtschaftlichen Zwängen zum Opfer.
Beziehe ich das Ganze jetzt mal auf unsere Situation bei thyssenkrupp,
würde das mit dem massiven anstehenden Personalabbau bedeuten, dass durch die Auswirkungen vielmehr jüngere Kolleginnen und Kollegen betroffen wären und in die Arbeitslosigkeit geschickt würden.
Natürlich ist mir …
und den meisten von uns klar …,
dass wir bei der Rente ein Finanzierungsproblem haben.
Wenn die Lebenserwartung steigt, steigen zwangsläufig auch die Kosten für die Rente.
Auch zusätzlich abfließende Mittel aus der Rentenkasse, wie z.B. die Anpassung der Mütterrente belasten zusätzlich.
Daher ist eine Reform dringend notwendig.
Aber das, was gerade auf dem Tisch liegt, ist keine Reform, das ist ein Kürzungsprogramm durch die Hintertür – präzise zielend auf die, die ohnehin schon die größere Belastung und die kürzere Lebenserwartung haben.
Auch manch tolle Idee zur Flexibilisierung, wie die geplante "Aktivrente" – 2.000 Euro steuerfrei für Weiterarbeitende.
Das ist kein Angebot, das ist Zynismus.
Wer 45 Jahre im Schichtbetrieb hinter sich hat, soll mit dreißig Prozent mehr Brutto motiviert werden weiterzuarbeiten?
Die Rechnung geht nur auf für Bürojobs.
Für uns nicht.
Und für viele andere Bereiche auch nicht, beim vielzitierten Dachdecker oder beispielsweise in der Pflege und im Gesundheitswesen.
Doch es gäbe andere Optionen und die Alternative ist kein Mysterium:
Erwerbstätigenversicherung für alle, Selbstständige und vielleicht Beamte einbeziehen, Erwerbspotenziale ausschöpfen.
Die Last auf mehr Schultern verteilen …
das nenne ich Solidargemeinschaft.
Das fordert auch die IG Metall seit vielen Jahren und die Wissenschaft bestätigt es.
Was fehlt, ist der politische Wille.
Abschließend möchte ich sagen …
Eine Wirtschaft, die auf menschlichen Verschleiß setzt, hat keine Zukunft.
Ein Rentensystem, das körperliche Arbeit bestraft, ist kein soziales System.
Ja zu einer Reform mit echter Flexibilität – die ermöglicht, nicht die verlängert.
Ja zu Reformen, die das System breiter aufstellen, statt Einzelne tiefer zu belasten.
Länger arbeiten ist keine Lösung, wenn die Arbeit den Körper zerstört.
Danke.
Dienstag 14.07.26, 15:09 Uhr
Kundgebung der IG Metall zur Ruhrpott-Rebellion am 10. Juli 2026 in Bochum