
Exclusiv auf bo-alternativ.de: Ein Gespräch mit Sabine Reich, der neuen Intendantin des Prinz-Regent-Theaters (prt) über Neustarts, Projekte und Ideen. Sabine Reich moderiert auch die Veranstaltung „Perspektivenwechsel“ des Bündnisses „Bochum gemeinsam“ am 5. September in der Rotunde.
Es ist nicht mehr lang, dann beginnt die neue Phase im prt – wie ist dein Gefühl so kurz vor dem Start?
Ich habe ein sehr gutes Gefühl, denn unser Neustart wird mit großem Interesse, viel Sympathie und Neugier begleitet. Die Leute scheinen sich auf unsere Projekte zu freuen: die „Kunst des Gemeinsamen“ zu der wir einladen ist ja vor allem die Idee, das unser Theater – wie eigentlich jedes Theater – ein öffentlicher Raum ist, der von Vielen für Vieles genutzt wird. Das wird sehr gut angenommen. Wir möchten zukünftig ein Raum sein, der allen zur Verfügung steht und der mehr ist als eine Bühne. Ich wünsche mir einen Ort der Gemeinschaft, des Austauschs und der Begegnung, der von Künstlerinnen und Bürgerinnen gemeinsam gestaltet und gebraucht wird. Am letzten Wochenende durfte ich genau schon das erleben: viele freiwillige Helferinnen haben zusammen mit den Künstlerinnen im prt Wände gestrichen, gehämmert, gesägt, alles für die Umgestaltung und Um-Nutzung des Theaters. Das war ein Moment, der mich sehr glücklich gemacht hat. Der Umbau wird vom Bochum Fonds gefördert und durch die Förderung wird die Idee unterstützt, das prt zu einem „dritten Ort“ werden zu lassen – das freut mich sehr. Aber natürlich bin ich auch sehr aufgeregt.
Ihr habt diese Umstellung mit einer sehr langen Vorlaufzeit betrieben und dabei vielfach euch an Interessierte zum Mitmachen gewandt. Wir haben bereits im April auf bo-alternativ einen Aufruf von Euch gebracht. Und ihr seid ja auch mittendrin, denn auch jetzt heißt es gerade umgestalten? Wie bewertet ihr die Resonanz?
Die Resonanz ist gut – ich glaube, dass gerade in diesen schwierigen Zeiten Menschen Begegnung und Gemeinschaft brauchen. Wenn bereits jetzt viele mithelfen, wird das Theater zu einem Ort der Vielen – und genau darum geht es. Auch wenn es wunderbar ist, einfach eine Wand zu streichen, geht es dabei immer auch um mehr: es geht darum, sich das Theater anzueignen, sich in die Räume einzuschreiben mit Geschichten, Erfahrungen und Perspektiven. Und vor allem geht es nicht um perfekte Ergebnisse, sondern der gemeinsame Prozess wichtig, die Zusammenarbeit und die Freude daran. Genau das erlebe ich gerade und das ist sehr schön – ich hoffe, es kommen noch Viele dazu!
Mitmachen und offen sein scheint euer Grundkonzept – du spricht von der Kunst des Gemeinsamen – und es gibt sogar einen eigenen Bürger*innen-Beirat. Kannst du ein Beispiel – oder auch mehrere – geben, wie das die neue Spielzeit beeinflusst hat?
Der Bürgerinnen-Beirat ist noch in Gründung: auch hier geht es nicht um ein schnelles Ergebnis, sondern um den Prozess, der ja ein demokratischer, offener soll. Die Gespräche und Begegnungen auf dem Weg dahin sind wichtig. Deshalb sprechen wir mit vielen Menschen und zeigen kurze Ausschnitte aus unseren Gesprächen auf unserer homepage und unserem Instagram Kanal. Wir hoffen, Ende des Jahres die Gruppe des ersten Bürgerinnen-Beirates vorstellen zu können.
Aber bereits jetzt ist das Mitmachen ein wichtiger Faktor: neben dem Umbau laden wir ein zur Bürgerinnen-Bühne, wo Menschen aus verschiedenen Generationen und mit diversen perspektiven Erinnerungen teilen. Miriam Michel führt Regie und wird mit den Bochumerinnen ein Stück erarbeiten über Zeitverschiebungen und Erinnerungen, das am 3. Oktober Premiere hat.
Wir haben zum Beispiel auch die Studierenden der Szenischen Forschung eingeladen, mitzumachen: das heißt, dass sie nicht nur ihre Stücke zu zeigen, sondern eigenständig Programm entwickeln. Dafür haben sie das Community Format „Kunst&Klatsch“ erfunden, das sich mit jeweils einem Stück aus dem prt Spielplan auseinandersetzt und ungewohnte Zugänge dazu findet.
Willst du uns vielleicht ein wenig neugierig machen auf die Spielzeit – was erwartet uns?
Unbedingt: wir starten vom 18. – 21.09. 2025 mit einem großen Zirkusfest drinnen und draußen für groß und klein: Jeden Tag ab 17 Uhr lädt ein ganz besonderer Jahrmarkt vor dem prt zu vielen Attraktionen, Zuckerwatte und Wohlsagerinnen ein.
Am 18.09. zeigen wir um 18.30 Uhr umsonst und draußen auf dem großen Parkplatz vor dem prt die große Trapez-Seil- Show „Common Ground“: ein großzügiges Circusstück, das für Respekt und Zusammenarbeit wirbt. Am Samstag 20.09. noch ein Stück umsonst und draußen auf dem Parkplatz: „Angst verdirbt den Charakter“: eine politische Performance am Vertikal- und Schwungseil in 8 Meter Höhe über die Angst vor dem Rechtsruck“ von Julia Knaust (Omnivolant). Später dann auf der Bühne des prt „Carnivale Royale“: Drag trifft Circus – queeres Zirkus Cabaret für alle, danach Party mit dem „House of Circus“ aus Amsterdam. Das Programm haben die Bochumer Künstler Holger und Deana Ehrich (Duo Diagonal) zusammengestellt und wir zeigen noch viel mehr in den vier Tagen. Unbedingt vorbeikommen!
Vom 25. – 27.09. ist dann Mateja Meded zu Gast mit ihrem Solo „Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputalismus“, in dem sie von Flucht erzählt und dem Gefühl, fremd zu sein, wie ein Alien. Aber auch vom Überleben im Patriachat. Das ist eine klare, berührende Geschichte und vor allem eine wichtige Geschichte. Eine weitere Geschichte über Flucht und Fremdheit, vom Ankommen und Verlassen erzählt Karim Asir in seinem Solo „Karim’s suitcase / Karims Koffer / Chamadan-e-Karim“. Karim Asir ist bekannt geworden als afghanischer Charlie Chaplin, aber nun entwickelt er ein Stück für das prt über seine eigene Fluchtgeschichte, das ist eine ganz besondere Produktion für das prt.
Wir erleben derzeit eine massive Kürzung von Förderungen der freien Kultur – seid ihr davon betroffen und wie – glaubst du – kann mensch diesem Trend entgegentreten?
Wir sind davon betroffen wie alle – und wir sind wie alle verunsichert und verärgert. Wir sind wie alle verunsichert, weil die Kürzungen ganz konkret Existenzen bedrohen und weil langfristige, nachhaltige Planungen nicht möglich sind. Und wir sind verärgert, weil die Kürzungen ohne Sinn und Verstand wichtige demokratische Räume gefährden und zerstören. Gerade in Zeiten von Krisen und Kriegen brauchen wir diese Freiräume dringend und es nicht ersichtlich, warum die Politik gerade jetzt diese aufs Spiel setzt. Kunst und Kultur werden als gesellschaftliche Güter ebenso wie Bildung, Gesundheit und Soziales in Frage gestellt und entwertet. Dies ein tiefgreifender Vorgang, der uns alle betrifft.
Was erwartest du von uns?
Ich hoffe, ihr könnt das Angebot des Prinz Regent Theater nutzen: ihr kommt vorbei, um Leute zu treffen, Kaffee zu trinken. Um Gespräche zu führen, Diskussionen, Debatten, um Geschichten zu hören oder zu erzählen. Um zu tanzen, zu singen, zu reden oder um ein Hochbeet zu gießen. Ich hoffe, ihr habt Lust auf einen Ort, der mehr ist als eine Bühne. Aber auch eine spannende Bühne mit tollen Künstler*innen, denen ihr begegnen könnt.
Vielen Dank für Eure Fragen und Euer Interesse.