Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich bin Sebastian von der DGB-Jugend Bochum und freue mich, heute hier bei euch zu sein.
Vor elf Tagen wurde die neue PISA-Studie veröffentlicht. Die Ergebnisse sind schlecht – so schlecht wie noch nie seit Beginn der PISA-Erhebungen.
Und was erleben wir seitdem?
Es wird wieder ein Sündenbock gesucht.
Von rechtsaußen bis weit ins konservative Lager hinein wird Migration für die Probleme an unseren Schulen verantwortlich gemacht. Gleichzeitig wird Inklusion als Belastung dargestellt. Es wird so getan, als würden Kinder mit Behinderungen oder Kinder mit Migrationsgeschichte unser Bildungssystem überfordern.
Dazu sagen wir als DGB-Jugend ganz klar: So nicht!
Nicht die Kinder sind das Problem. Nicht ihre Herkunft ist das Problem. Nicht ihre Behinderung ist das Problem. Und auch Eltern sind nicht das Problem.
Immer mehr Leistungen, die Familien unterstützen sollen, reichen nicht aus oder sind nicht überall verfügbar. Gleichzeitig sollen viele Eltern mehr arbeiten – und sich zu Hause noch stärker um die Bildung ihrer Kinder kümmern.
Aber wo bleiben die Betreuungsangebote? Wo bleibt die Unterstützung bei den Hausaufgaben? Wo bleibt die Zeit, die Familien dafür überhaupt haben sollen?
Das Problem ist nicht, dass Eltern sich nicht kümmern wollen. Das Problem ist, dass ihnen immer mehr abverlangt wird und gleichzeitig die notwendige Unterstützung fehlt.
Wenn Kinder Unterstützung beim Deutschlernen brauchen, brauchen wir gute Sprachförderung und ausreichend Personal.
Wenn Kinder mit Behinderung Unterstützung brauchen, brauchen wir Fachkräfte, Barrierefreiheit und echte inklusive Strukturen.
Und wenn Klassen zu groß sind, brauchen wir kleinere Klassen.
Wir brauchen nicht weniger Vielfalt. Wir brauchen mehr Ressourcen für Vielfalt!
Mehr Lehrkräfte, mehr Schulsozialarbeit, multiprofessionelle Teams, moderne Schulge-bäude und eine funktionierende digitale Ausstattung.
Nicht die Kinder müssen sich an ein kaputtgespartes System anpassen. Das System muss endlich so ausgestattet werden, dass es für alle funktioniert.
Das ist unsere Antwort auf PISA:
Investitionen statt Schuldzuweisungen. Chancengleichheit statt Ausgrenzung. Gute Bildung für alle!
Und dann gibt es noch einen Widerspruch, über den wir reden müssen.
Bundeskanzler Friedrich Merz fordert, dass in Deutschland wieder mehr und vor allem mehr in Vollzeit gearbeitet wird.
Gleichzeitig wird Eltern gesagt, sie müssten sich stärker um die Bildung ihrer Kinder kümmern.
Wie soll das zusammengehen?
Wer mehr Arbeitszeit fordert, muss auch darüber sprechen, wer die Zeit für Kinder, Betreuung und Familie übernimmt.
Gute Bildung braucht nicht nur gute Schulen. Sie braucht auch gute Lebens- und Arbeitsbedingungen.
Und genau deshalb ist Bildung für uns eine gewerkschaftliche Frage.
Denn für uns endet soziale Gerechtigkeit nicht mit dem Schulabschluss.
Wir wollen, dass junge Menschen einen Ausbildungsplatz finden. Dass sie von ihrer Ausbildungsvergütung leben können. Dass Berufsschulen funktionieren. Dass Ausbildung Perspektiven bietet und nicht in der nächsten Befristung endet.
Und wir wollen, dass junge Menschen mitbestimmen können – in der Schule, in der Ausbildung und später im Betrieb. Denn wenn über unsere Zukunft gesprochen wird, dann müssen wir selbst mit am Tisch sitzenUnd damit sind wir bei einer grundsätzlichen Frage:
Was für eine Gesellschaft wollen wir eigentlich?
Eine Gesellschaft, in der immer zuerst gefragt wird, wo man noch kürzen kann?
Oder eine Gesellschaft, die dafür sorgt, dass Menschen gut lernen, gut arbeiten und im Alter sicher leben können?
Als Gewerkschaften sagen wir ganz klar:
Der Sozialstaat ist kein Luxus. Er ist eine gemeinsame Absicherung, die wir als Gesellschaft füreinander geschaffen und über unsere Beiträge und Steuern mitfinanziert haben.
Und diese Absicherung beginnt nicht erst im Rentenalter. Sie zeigt sich ganz konkret im Alltag von Kindern und Familien: bei guter Betreuung, bei Schulsozialarbeit, bei Lernförderung, beim Mittagessen in der Schule oder dabei, ob ein Kind überhaupt die Möglichkeit bekommt, an Klassenfahrten, Freizeitangeboten oder Bildung teilzunehmen.
Wenn solche Strukturen fehlen oder nicht ausreichen, trifft das Familien unmittelbar – und oft genau diejenigen, die ohnehin schon weniger Möglichkeiten haben.
Gleichzeitig gilt: Ein starker Sozialstaat schützt uns nicht nur als Kinder oder Familien. Er begleitet uns durch unser ganzes Leben – wenn wir krank werden, unsere Arbeit verlieren, Unterstützung brauchen oder im Alter auf Sicherheit angewiesen sind.
Viele von uns zahlen über Jahrzehnte Beiträge ein. Wir tun das in der Erwartung, dass dieses System auch dann funktioniert, wenn wir selbst darauf angewiesen sind.
Sozialstaat bedeutet Sicherheit. Für alle.
Er bedeutet, dass wir füreinander einstehen und Risiken gemeinsam tragen.
Und genau dieses Versprechen verteidigen wir.
Und genau deshalb gehen wir am kommenden Samstag, dem 26. September, in Essen auf die Straße.
Unter dem Motto:
„Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“
rufen der DGB NRW und seine Mitgliedsgewerkschaften zur großen NRW-weiten Demonstration für den Erhalt eines starken Sozialstaats auf.
Wir treffen uns ab 10 Uhr an der Altendorfer Straße/Ecke Hans-Böckler-Straße und ziehen gemeinsam zum Burgplatz. Dort findet von 11 bis 14 Uhr die Kundgebung statt.
Auch aus Bochum und Herne fahren Busse:
Herne: 9:25 Uhr ab Bahnhof/ZOB. Bochum: 9:35 Uhr ab Hauptbahnhof.
Ich würde mir wünschen, dass wir uns dort wiedersehen.
Denn am Ende geht es um dieselbe Frage wie heute:
Wer trägt die Kosten, wenn Politik nicht investiert?
Bei Bildung tragen sie die Schülerinnen und Schüler.
Bei schlechter Arbeit tragen sie die Beschäftigten.
Und bei einem schwachen Sozialstaat tragen die Folgen wir alle.
Denn ein schwacher Sozialstaat bedeutet auch: Familien müssen mehr selbst auffangen, Schulen müssen mehr kompensieren und Menschen geraten schneller unter Druck.
Das kann nicht die Antwort sein.
Sozialstaat bedeutet Sicherheit. Für alle.
Nicht als Ausnahme und nicht nur für diejenigen, die gerade Unterstützung brauchen, sondern als gemeinsames Versprechen: dass niemand allein gelassen wird, wenn Unterstützung notwendig wird.
Und dieses Versprechen verteidigen wir.
Nicht mit uns!
Wir wollen gute Bildung. Wir wollen gute Arbeit. Wir wollen soziale Sicherheit. Und wir wollen einen Sozialstaat, der Menschen Sicherheit gibt, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Dafür kämpfen wir – gemeinsam und solidarisch!
Vielen Dank!