Die Internationale Konferenz ‚Feminist Futures II: Feministisch vergesellschaften – Her mit dem ganzen Leben!‘, vom 25. bis 27.09. an der RUB, möchte die Themen von Feminismus und Vergesellschaftung miteinander in Verbindung bringen.
In Absprache mit Melanie Stitz – sie ist als Büroleiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW an der Organisation beteiligt -bringen wir heute dazu eine gekürzte Fassung ihres Interviews mit dem Netzwerk Care Revolution.
Veranstaltet wird die Konferenz von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, in Kooperation mit dem Marie Jahoda Center for International Gender Studies und unterstützt vom Netzwerk „Care Revolution“ und anderen feministischen und care-politischen Zusammenschlüssen.
Redaktion: Zunächst vielen Dank, Melanie: Worum geht es bei der Konferenz?

Wir wollen in zwei Richtungen wirken: zum einen herausarbeiten, inwiefern queer-feministische Kämpfe und Kämpfe um Vergesellschaftung zusammengehören. Für echte Demokratie und reproduktive Gerechtigkeit müssen nicht nur die Köpfe und Herzen gewonnen werden – es braucht auch die materiellen Grundlagen dazu und das Recht, darüber gemeinschaftlich zu verfügen.
Umgekehrt haben wir den Eindruck, dass in Debatten um Vergesellschaftung feministische Aspekte zu kurz kommen. Meist geht es nur um die Aufhebung von Privateigentum und Profitlogik. Aus feministischer Perspektive ist aber auch die Verschiebung der Sorgearbeit in die privaten Haushalte und Familien ein Problem. Dies ist ja Folge der geschlechtlichen Arbeitsteilung. Damit bliebe die ganze Frage der Sorge ungelöst – sie wird ausgeblendet, mystifiziert oder zur „Privatsache“ erklärt. In den Kämpfen der IG Metall damals um die 35-Stunden-Woche haben z.B. vor allem die Frauen thematisiert, dass kürzere Lohnarbeitszeit die Voraussetzung ist – und auch sein sollte! – , um Sorgearbeit gerecht zu teilen. Weil Sorgearbeit täglich stattfindet, waren sie denn auch für kürzere Arbeitstage statt eine Vier-Tage-Woche.
Redaktion: An wen richtet sich die Konferenz?
Die Konferenz soll ein Ort sein, um die vielen Praxen und Kämpfe zu reflektieren und weiterzuentwickeln, die es schon gibt. Nämlich überall dort, wo Menschen für die Demokratisierung aller Lebensbereiche streiten, wo sie nach kollektiven Lösungen für Sorgearbeit suchen, wo sie geschlechtliche und rassifizierte Arbeitsteilungen zurückweisen.
Es gibt Projekte mit dem Ziel, Sorgende Städte aufbauen oder die Gesundheitsversorgung der Profitlogik zu entziehen … Alle, die sich in solchen Projekten engagieren oder sich dafür interessieren laden wir ein zur Konferenz! Wir freuen uns schon sehr aufs Kennenlernen oder auch Wiedersehen!
Es wird spannende Panels geben, jede Menge Workshops und selbstverständlich auch eine tolle Party! Ich empfehle einen Blick in das Programm auf unserer Website.
Redaktion: Gerade jetzt wächst ja die Gefahr eines völkisch-autoritären Regimes mit Antifeminismus, Queerfeindlichkeit und rassistischen Angriffen. Weshalb organisiert ihr die Konferenz gerade jetzt?
Ja, die Angriffe auf unser aller soziale Rechte, auf Frauen und Queers, auf migrantisch gelesene Menschen sind massiv – und nicht nur von Rechtsaußen. Kürzlich erst hatten wir in NRW, initiiert vom Assistenz-Kollektiv Köln, eine Veranstaltung zu den bereits umgesetzten bzw. geplanten Sozialkürzungen. Das Recht auf Teilhabe von Menschen, die Behinderungen erfahren, wird damit in Frage gestellt und die UN-Behindertenrechtskonvention unterlaufen. Immer wieder klingt durch: „Wir können uns Menschen wie euch nicht mehr leisten“. Solche Erfahrungen machen auch Geflüchtete oder Menschen mit Anrecht auf Bürgergeld. Das stärkt die Rechten und treibt die Verrohung voran – nützlich in (Vor-)Kriegszeiten und eine Vorbereitung für den „Ernstfall“, wenn im „kriegstüchtigen“ Krankenhaus die umgekehrte Triage praktiziert werden soll: die leichtverletzten Soldaten, die rasch zurück an die Front sollen, haben dann Vorrang…
Es kommen unterschiedliche Erfahrungen und Geschichten zusammen, wir sind auf unterschiedliche Weise verstrickt und betroffen von Ausbeutung und Unterdrückung. Dennoch und erst recht gibt es das Bedürfnis, sich gemeinsam zu organisieren. Wir glauben, dass feministisch zu vergesellschaften ein Begehren sein kann, das die vielen miteinander verbindet: eine kraftvolle Utopie, zu schön, um nicht wahr zu sein. Ein Bezugsrahmen, der Orientierung gibt für Kritik und Engagement. Ein Dach, unter dem wir gemeinsam Pläne schmieden und Verabredungen treffen.
Redaktion:Sehr viele der Themen – z.B. im Strang „Sorgende Städte“ gehen von der lokalen Ebene aus. Ihr habt aber auch internationale Gäste?
Es gab und gibt in den letzten Jahren auch international viele mutmachende Beispiele, von denen die Konferenz maßgeblich inspiriert ist. Denn zu all den genannten Fragen soll es auf der Konferenz auch einen internationalen Austausch und gegenseitiges Lernen geben.
Bei uns wird Rebecca Bailin von United Childcare aus New York zu Gast sein – in New York hat ja vor kurzem ein sozialistischer Bürgermeister die Wahlen gewonnen. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von „New Yorkers United for Child Care“ und leitete die Kampagne „Invest in Our New York“ – es geht um ein Milliardenbudget für öffentliche Programme. Dafür sollen die reichsten New Yorker*innen und große Unternehmen steuerlich aufkommen. Rebecca Bailin wird mit uns ihre Erfahrungen teilen, wie es gelingen konnte, diesen politischen Erfolg mit der Forderung nach besseren Sorgebedingungen zu gewinnen. Da gibt es viel zu lernen.
Außerdem zu Gast ist Vraîe Cally Balthazaar, seit Sommer letzten Jahres Bürgermeisterin von Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas. Die politische Aktivistin und Feministin macht sich insbesondere stark für das Recht auf Wohnen. Auch aus Mexico City werden wir Gäste haben, die uns über das Projekt der feministischen Bürgermeisterin Clara Brugada berichten – die dortigen Sorgezentren entlasten insbesondere in armen Stadtteilen diejenigen, die die meiste Sorgearbeit leisten. Und sie tragen den schönen Namen „Utopias“. Mit Grace Blakeley und Nat Raha – beide kommen aus Großbritannien, wollen wir über Geschlechterverhältnisse im Hightech Kapitalismus und intersektionalen Feminismus diskutieren.
Außerdem sprechen wir mit der argentinischen Aktivistin Verónica Gago Sie ist feministische Theoretikerin und Teil des argentinischen Kollektivs Ni Una Menos. Auch Frauen aus Osteuropa und Afrika werden mit uns diskutieren, von erfolgreichen Kämpfen berichten und nach gemeinsamen Lösungen suchen.
Der Blick über den Tellerrand ist wichtig. Austausch und Verschwisterung sind Basis für gemeinsame Kämpfe.
Das Interview ist in voller Länge auf https://care-revolution.org zu lesen.
