Sonntag 08.03.26, 20:39 Uhr
Demo zum feministischen Kampftag in Bochum am 8.März 2026

Redebeitrag der Seebrücke


LIEBE SCHWESTERN, LIEBE MITSTREITER*INNEN,
Fauchen statt Fügen – ja, das ist unser Motto!
Aber lasst uns heute auch an jene Schwestern denken, für die Fauchen ein Luxus ist – und Fügen überlebensnotwendig. Exemplarisch für alle FLINTA weltweit, die Entrechtung, Unterdrückung und Gewalt ertragen müssen, richten wir unseren Blick nach Afghanistan. 2020 saßen vier mutige Frauen bei den sogenannten „Friedensverhandlungen“ mit den Taliban am Tisch. Sie versuchten, Frauenrechte auch nach dem Abzug der internationalen Truppen zu verteidigen. Sie wurden nicht gehört. Afghanische Frauen waren von den entscheidenden Gesprächen weitgehend ausgeschlossen. Ihre Rechte galten als verhandelbar – nicht als Priorität. Es ging den westlichen Verhandlern rund um die USA allein um den schnellen Truppenabzug.


Die rasche Legitimierung der Taliban – ohne verbindliche Garantien für den Schutz von Frauen, Mädchen und queeren Menschen – führte zur nahezu vollständigen Verdrängung dieser aus Bildung, Arbeit und öffentlichem Leben.
Frauenrechtlerinnen verschwanden. Journalistinnen wurden ermordet oder inhaftiert.
Mädchen dürfen nicht mehr zur Schule gehen.
Frauen dürfen nicht arbeiten.
Sie dürfen kaum noch existieren.
Gleichzeitig trifft die anhaltende Hungerkrise vor allem Frauen und Kinder – denen jede Möglichkeit genommen wurde, für sich selbst zu sorgen.

Am 15. August 2021 übernahmen die Taliban die Macht.
Wir erinnern uns an die Bilder: Menschen, die sich an startende Flugzeuge klammerten – und starben.

Die damalige Bundesregierung versprach besonders gefährdeten Afghan*innen Schutz. 32.000 Menschen sollten aufgenommen werden.
Bis heute wurden nicht einmal 2.000 aufgenommen.
Das ist eine Schande!

Die aktuelle Bundesregierung hat das Aufnahmeprogramm ausgesetzt, teilweise sogar bereits erteilte Zusagen zurückgezogen.
Das ist eine verdammte Schande!

Währenddessen sitzen rund 2.300 Menschen in Pakistan fest – bedroht von Abschiebung nach Afghanistan, von Haft, Folter, Tod.
Auf internationalen Druck werden nun wieder kleine Gruppen aufgenommen.
Doch das reicht nicht.
Diese Menschen brauchen sofortigen Schutz.

Und auch innerhalb Afghanistans geht die Repression weiter.
Wir wissen von mindestens 98 willkürlichen Festnahmen, inklusive Folter.
Mindestens 15 öffentlich dokumentierte Ermordungen.
Wie viele Aktivist*innen verschwunden sind, wissen wir nicht, es gibt keine offiziellen Untersuchungen.

Und Afghanistan ist kein Einzelfall.
In Rojava kämpfen Frauen der YPJ für Demokratie und Selbstbestimmung. Auch dort droht, dass bei Verhandlungen mit islamistischen Machthabern Frauenrechte als erstes geopfert werden.

Solidarische Grüße gehen auch an die Menschen im Iran, die seit Jahrzehnten unter dem mörderischen Mullah-Regime leiden – einem Regime, das Freiheit, Menschenrechte und jede Form politischen Ausdrucks systematisch und brutal unterdrückt. Die Verzweiflung vieler Menschen ist inzwischen so groß, dass manche ihre Hoffnungen ausgerechnet auf autoritäre Akteure im Ausland richten. Das ist ein tragisches Zeichen dafür, wie aussichtslos ihre Lage im eigenen Land geworden ist.
Und wir hoffen sehr – vielleicht vergeblich –, dass Menschenrechte nach dem Ende des völkerrechtswidrigen Kriegs nicht als unliebsame „Belehrung“ abgetan werden, wie es Friedrich Merz kürzlich formuliert hat.
Ebenso hoffen wir, dass Deutschland und Europa Menschen aus dem Iran genauso unbürokratisch Schutz gewähren, wie es zu Beginn für Geflüchtete aus der Ukraine möglich war – und dass nicht die Sorge um deren Abwehr zur einzigen politischen Reaktion wird.

Und wenn wir heute hier stehen, dann wissen wir:
Die Einschränkung von Frauenrechten ist niemals ein Nebenschauplatz.
Sie ist kein kulturelles Detail.
Sie ist kein Randthema.
Sie ist ein Frühwarnsystem.
Autoritärer Staatsumbau beginnt fast immer mit dem Angriff auf die Selbstbestimmung von Frauen und queeren Menschen.
Mit Kontrolle über Körper.
Mit dem Zurückdrängen aus Bildung, Arbeit, Öffentlichkeit.
Wir sehen das nicht nur in Afghanistan oder im Iran.
Wir sehen es in der Türkei.
Wir sehen es in Ungarn.
Wir sehen es in den USA, wo reproduktive Rechte zurückgenommen werden.
Wer die Rechte von FLINTA angreift, greift Demokratie an.
Wer die Rechte von Flinta angreift, zerstört systematisch eine Gesellschaft, in der alle frei und in Würde leben können.
Wer über unsere Körper herrschen will, will über die Gesellschaft herrschen.

Deshalb fügen wir uns nicht.
Deshalb fauchen wir.

Und deshalb stellen wir heute klare Forderungen:

  • Sofortige Wiederaufnahme und vollständige Umsetzung des deutschen Aufnahmeprogramms für gefährdete Afghan*innen – ohne Verzögerung.
  • Keine Abschiebungen nach Afghanistan – unter keinen Umständen.
  • Außenpolitik darf Frauenrechte nicht zur Verhandlungsmasse machen – weder in Afghanistan noch anderswo.
  • Konsequente Sanktionen gegen Regime, die systematisch Frauenrechte verletzen, und Unterstützung unabhängiger Frauenorganisationen weltweit.
  • Schutz und Finanzierung für feministische Bewegungen – hier und global. Solidarität darf kein Lippenbekenntnis sein.

Fauchen statt Fügen heißt:
Wir bleiben wachsam.
Wir bleiben laut.
Wir bleiben solidarisch.
Mit FLINTA in Afghanistan.
Im Iran.
In Syrien.
Im Sudan.
Überall.

Frauenrechte sind Menschenrechte.
Und sie sind nicht verhandelbar.

Kein Mensch ist illegal!

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