Donnerstag 25.12.25, 14:15 Uhr
Wunderbar - wundersam - märchenhaft

Weihnachtsmärchen


Das Zauberhafteste am Weihnachtsmärchen stellt eindeutig die vom Heiligen Geist geschwängerte Jungfrau Maria dar. Wenn einige naturwissenschaftlich verdorbene Theolog:innen das Wunder in Frage stellen und von einem Übersetzungsfehler (es hieße nur junge Frau) sprechen, dann ist das Frevel. Das neue Testament, in dem gut 200 Jahre später die besten Texte über den Religionsstifter zusammengefasst und zur Wahrheit erklärt wurden, lässt da keinen Zweifel zu. Außerdem: Fast jede Religion, die damals etwas auf sich hielt, konnte mindestens eine Jungfrauengeburt in ihrem Angebot aufweisen.

Immerhin: Die standhafte Katholische Kirche sah sich 1987 gezwungen, Uta Ranke-Heineman, der weltweit ersten Frau auf einem Lehrstuhl für Katholische Theologie, die Lehrerlaubnis zu entziehen, weil sie evidente Zweifel an diesem Zauber äußerte. Sie hatte Glück: 500 Jahre vorher wäre sie als Hexe verbrannt worden.

Witzig ist das Jahr der Geburt. Wahrscheinlich kam der Heilsbringer mindestens vier Jahre vor der nach ihm benannten Zeitrechnung zur Welt. Wenn laut Matthäusevangelium Herodes durch den Mythos der Geburt eines neuen Herrschers motiviert war, alle aktuell geborenen Säuglingen in Bethlehem ermorden zu lassen, dann muss das zu seinen Lebzeiten passiert sein. Herodes starb im Jahr 4 v. Chr.

Die kulturelle Aneignung des Geburtsdatums etwa 300 Jahre nach dem realen Geburtstermin war relativ primitiv. Die Regierenden in Rom hatten das Christentum als perfekte Herrschaftsbegleitung schätzen gelernt, wollten aber nicht mit den alten Religionsriten abrupt brechen. Die Wintersonnenwende mit der beliebten Feier des siegreichen römischen Sonnengottes über die endende Dunkelheit durfte nun als Geburtstag des Begründers des Christentums gefeiert werden.

Die Geschichte des Weihnachtsmärchens ist damit weitgehend erklärt. Aktuell wird das Weihnachtsnarrativ allerdings von einem Schisma geprägt: Wer bringt die Geschenke? Das Christkind oder der Weihnachtsmann? Verursacher dieser Glaubensverunsicherung war ein Spezialist für Kirchenspaltungen: Martin Luther.
Die katholische Kirche, gegen deren neumodische Vermarktungsstrategien er antrat, hatte erkannt, dass für das gemeine Kirchenvolk die Vielgötterei durchaus attraktiver sein kann, als der durch Mutter, Sohn und heiligen Geist nur spärlich aufgepeppte christliche Monotheismus. Es wurden Dutzende von Heiligen in die christlichen Rituale integriert. Luther, alles andere als ein Reformator, wollte back to the roots. Ganz oben auf seiner Streichliste stand der heilige Nikolaus, ein vor langer Zeit gestorbener Bischof aus Kleinasien, der angeblich Geschenke an arme Menschen verteilt hatte. Am ihm gewidmeten 6. Dezember werden auch heute noch kleine Geschenke verteilt.

In den evangelisch regierten Gebieten wurde nun die Lutherfigur „Heiliger Christ“ als weihnachtlicher Gabenbringer etabliert und über die Jahrhunderte zum Christkind verniedlicht.

Der konkurrierende Weihnachtsmann ist keine Erfindung von Coca-Cola, wie es einige Sagen glauben machen wollen. Es ist der alte Nikolaus, der aus Europa nach Nordamerika importiert und in den Weihnachtsrummel integriert wurde. Unter Karikaturisten hatte sich eine Nikolauszeichnung mit roten Mantel und weißem Bart entwickelt. CocaCola startete mit diesem Bild eine riesige Werbekampagne und bescherte der Menschheit das größte Konsumfest aller Zeiten.

Ironie der Geschichte: In den vorwiegend katholischen Gegenden werden die Kinder mit der von Luther initiierten Christkind-Geschichte belogen. In eher evangelisch geprägten Gebieten wird den Kindern der Schwindel mit dem Weihnachtsmann erzählt. Wobei die sich durchsetzende nicht-fossile Heizungsmethode dringend nach einer Modifizierung dieses Weihnachtsmärchens schreit. Oder sollte das Christkind tatsächlich den alten Mann ins Abseits stellen? Und wäre das christlich?