Samstag 20.02.21, 21:03 Uhr
Mahnwache am Jahrestag der rassistischen Morde in Hanau

Redebeitrag des offenen antifaschistischen Café Bochum


Am späten Abend des 19.02.20 wurden 9 Menschen durch rassistischen Hass aus dem Leben gerissen. 9 zerstörte Familien und unendliches Leid!
Wir werden

Mercedes Kierpacz
Gökhan Gültekin
Sedat Gürbüz
Said Nesar Hashemi
Hamza Kurtović
Vili Viorel Păun
Fatih Saraçoğlu
Ferhat Unvar
Kaloyan Velkov

niemals vergessen.

Wir stehen solidarisch an der Seite ihrer Hinterbliebenen, ihrer Freundinnen und Freunde, ihrer Familien. Wir stehen aber auch solidarisch an der Seite aller von Rassismus betroffenen Menschen. Rassismus tötet!

Obwohl ein Manifest des Täters schon Tage vorher im Internet zu lesen war, in dem er von der Vernichtung ganzer Völker phantasierte, war am Abend des mörderischen Anschlags schnell von Klankriminalität die Rede. Doch bereits am nächsten Morgen stand fest: Der Mörder war ein weisser, deutscher Rassist! Als dann bekannt wurde, dass der Täter schon lange psychisch auffällig gewesen sei, war für viele klar: Es war „nur“ ein psychisch kranker „Einzeltäter“, nichts was uns eigene und gesellschaftliche Rassismen hinterfragen lassen müsse.

Doch wie viel Wahn steckt in dieser Tat und wie viel Terror?

Trotz bekannter psychischer Erkrankung und obwohl der Täter und sein Vater bereits seit Jahren durch rassistische und menschenverachtende Äußerungen, sowie einer Flut rassistisch motivierter Anzeigen auffielen und das Stadtviertel Kesselstadt in Hanau terrorisierten, hatte der Täter seit 2013 einen Waffenschein, damit er regelmäßig im Schützenverein trainieren konnte. Serpil Temiz-Unvar, die Mutter von Ferhat Unvar sagt auf einer Videokundgebung „Der Täter hat sehr viel trainiert, um am Ende unsere Kinder professionell zu töten!“

Wie andere rassistische, antisemitische und antifeministische Attentäter zuvor hat auch der Mörder von Hanau ein „Pamphlet“ veröffentlicht, in dem er seine Mordlust mit rassistischen Parolen begründete. Doch gerade dieser um sich greifende Rassismus, der von bestimmten Medien und Teilen der Politik mit Debatten um sogenannte „Clankriminalität“, „Messermorde“ und einer angeblich drohenden „Islamisierung“ Europas befeuert wird, ist in Deutschland weit verbreitet und findet auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft Anklang. Politik und Öffentlichkeit haben rassistischer Hetze viel zu lange zugeschaut und diese verharmlost – und das obwohl die Bedrohung, Ermordung oder „Beseitigung“ von Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen, fester Bestandteil aller rechter Ideologien ist.

Diese sogenannten „Einzeltäter“ stehen ideologisch nicht alleine und fühlen sich von Teilen der Gesellschaft verstanden und zur Verteidigung des Abendlandes sogar aufgerufen.

Extremismusforscher*innen sehen einen zunehmenden konspirativen Terrorismus und weniger traditionell organisierte, lokal verankerte Bewegungen, wo globale Netzwerke aus rechtsextremitischen Sympathisant*innen sich wechselseitig zu mehr Gewalt und Hass inspirieren. Auch wenn deutsche Ermittlungsbehörden von diesem Tätertyp überrascht schienen, sind Mordtaten wie in Hanau für internationale Forscher*innen nur weitere Ereignisse in einer langen Kette. Die Extremismusforscherin Julia Ebner hält die Anschläge von Halle und Hanau für Eskalation von Dynamiken, die Forscher*innen schon länger beobachten und vor denen sie schon länger warnen.

Dennoch reagieren die Ermittlungsbehörden nur sehr langsam – wenn überhaupt. Rassistische Internetplattformen dürfen weiter Hass und Hetze versprühen. Der reichweitenstärkste deutschsprachige Hetzblog PI-News wird nach wie vor nicht vom Verfassungsschutz beobachtet, obwohl dort täglich Hass auf Musliminnen und Muslime, Politiker*innen und marginalisierte Gruppen verbreitet wird und dort zum Beispiel vor dem Mord an Walter Lübcke dessen Privatadresse veröffentlicht wurde. Auch die Pegida-Bewegung steht nicht im Fokus der Ermittler*innen, auch nicht nachdem ein Pegida-Redner zwei Sprengstoffanschläge u.a. auf eine Moschee verübte. Die CDU hat aus Hanau nichts gelernt, so bedient sie in einem aktuellen Clip rassistische Ressentiments, um Stärke gegen vermeintliche „Clankriminalität“ zu demonstrieren.

Die Erzählung vom „Einzeltäter“ ist auserzählt! Viele Mörder handeln zwar alleine, sind es aber in ihrer Weltanschauung, ihrer Radikalisierung und Vorbereitung ihrer Taten nicht!

Wir fordern eine konsequente Aufklärung und Zerschlagung rassistischer Netzwerke auch im virtuellen Raum, Förderung antirassistischer Initiativen und lebenslange Unterstützung der betroffenen Familien. Wir müssen jeder Form von Rassismus, ob dem eigenen, gesellschaftlichem oder strukturellem Rassismus, entschlossen entgegentreten und ihn bekämpfen.

Rassismus ist ein Problem, das uns alle angeht! Rassismus tötet!