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Dienstag 15.08.06, 06:21 Uhr
Betriebsrat zur Zukunft von Opel und General Motors

Zum Stand der Verhandlungen um Delta II


Rainer Einenkel, Betriebsratsvorsitzender der Werke in Bochum, hat in einem Brief an die KollegInnen zur Zukunft von Opel und GM Stellung genommen: „In den letzten Wochen und während der Werksferien ist die Sicherheit für unsere Standorte nicht größer geworden. Einerseits lobt GM-Europapräsident C. P. Forster das Bochumer Werk und sichert den Erhalt der Produktion zu. Gleichzeitig stellen andere GM-Manager alle europäischen GM-Werke in Frage und verunsichern weiterhin die Belegschaften. Vor wenigen Wochen hat GM die Schließung des Werkes Azambuja in Portugal bekannt gegeben. Mit dieser Schließung hat GM in Europa eine neue Qualität in ihrer Politik eingeläutet. Die Schließung ist der Einstieg in ein umfangreiches Szenario des langen Marsches von Westeuropa nach Osten. Nach Berechnungen der Gewerkschaften sind durch diese Politik bis 2015 ca. 30.000 Arbeitsplätzen in 3-6 europäischen Werken bedroht.“

“Kein GM-Werk in Europa ist sicher.
Alle GM-Werke in Europa kämpfen mit den gleichen Problemen. Das gilt für die Corsa-Werke, ebenso für das Werk Rüsselsheim, das Komponentenwerk Kaiserslautern oder andere europäische Komponentenwerke.

Vor besonderen Problemen stehen die heutigen Astra- und Zafira-Werke:

  • Im englischen Astra-Werk Ellesmere Port wurde nach den Werksferien die Nachtschicht gestrichen. Über 1.000 Arbeitsplätze bleiben auf der Strecke.
  • In Bochum sollen noch 370 Beschäftigte einen Abfindungsvertrag unterschreiben, sonst droht die Geschäftsleitung mit betriebsbedingten Kündigungen. Indirekte Beschäftigte sollen per Änderungskündigung in die Produktion versetzt werden.
  • Beim Astra und Zafira wurden ab 2007 weitere Produktionskürzungen und eventuelle Schichtstreichungen angekündigt.
  • GM-Manager spekulieren über die Schließung eines Astra-Werkes vor 2010.
  • Ab 2010 soll der neue Astra (Delta II) gebaut werden. Die Entscheidung darüber will GM Anfang 2007 treffen.

Mit dem neuen Astra (Delta II) entscheidet sich unsere Zukunft!
Fünf Werke mit einer jetzigen Produktionskapazität von 1,1 Mio. Autos sollen sich um den neuen Astra bewerben. Es sind die Werke Bochum, Antwerpen, Ellesmere Port, Gliwice und Trollhättan. Das Volumen für das neue Modell wird auf 700.000 bis 750.000 Einheiten geschätzt. Nach ihren eigenen Rechnungen benötigt GM nur noch drei bis vier Astra-Werke.

Das bedeutet: Bis zu zwei GM-Werken in Europa droht ab 2010 die Schließung.
In der Belegschaftsversammlung im Juni hat die Unternehmensleitung die Einzelheiten für die Delta II-Bewerbung vorgestellt. Nachfolgend die Forderungen und Positionen des Unternehmens:

  1. Bewerbung ist Pflicht! Zitat des Unternehmens: „Wer sich nicht bewirbt – ist raus!“
  2. Der Bewerbungskatalog ist für alle fünf Werke einheitlich!
  3. Voraussetzung für die Bewerbung sind folgende Punkte (auszugsweise). Die Umsetzung der Maßnahmen erfolgt bei positiver Zusage für Delta II:
  • Auslagerung von produktiven Tätigkeiten wie Cockpit, Auspuff, MEA-Linie, Türmodul, einzelne Pressteile, etc.
  • Auslagerung von unproduktiven Tätigkeiten wie Facility Management, Logistik, etc.
  • Tägliche Schichtverlängerungen
  • Samstagsarbeit als Korridor ohne Zulagen
  • Genehmigungsfreie Wochenendarbeit
  • Flexible Werksferien
  • Volle Flexibilität zwischen Direkt und Indirekt, Bereichen und Schichten
  • Einsatz von bis zu 15 % Leiharbeit
  • Streichung von übertariflichen Zulagen
  • Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohn- oder Zeitausgleich (38 Std.-Woche)
  • ERA-Eingruppierung nach Tarif
  • Weihnachtsgeld auf Tarif (55%)
  • Reduzierung Tarifurlaub
  • Zusätzliche örtliche Auslagerungen und Betriebsübergänge

Dieser Bewerbungskatalog, besser zutreffend ist das Wort ‚Horrorkatalog’, stellt uns vor schwierigste Verhandlungen. Eines steht bereits fest: Einen Verstoß gegen bestehende Tarifverträge kann es mit uns nicht geben.
In einer gemeinsamen Stellungnahme aller europäischen Betriebsräte haben wir uns darauf verständigt, dass sich die Astra-Werke nicht gegenseitig ausspielen lassen dürfen: Kein Astra-Werk darf auf der Strecke bleiben! Keine betriebsbedingten Kündigungen!

Am 24. August 06 werden wir mit den Betriebsräten und Gewerkschaftskollegen der anderen europäischen Astra-Werke unser weiteres Vorgehen beraten.

Wir fordern GM zu einem Kurswechsel auf.

  • Keine betriebsbedingten Kündigungen oder Schließung von GM-Werken sondern Erhalt der Assembly- und Komponentenwerke. Ziel muss sein: „Besser statt Billiger!“
  • Wir fordern von GM, bestehende Kapazitäten zu nutzen. Es darf nicht sein, dass in Westeuropa Arbeit vernichtet wird und durch versteckte Subventionen und Umgehung von EU-Richtlinien neue Werke in Osteuropa aufgebaut werden.
  • Wir fordern von GM, den Markennamen und Verkauf von Opel-Modelle außerhalb Europas zu erhalten und zu fördern. In Asien stellt Opel den Verkauf seiner Fahrzeuge ein. Es ist Unsinn und unverantwortlich, dass Opel außerhalb des westeuropäischen Marktes durch den Chevrolet ersetzt wird und als Marke ganz verschwinden soll.”