Dienstag 18.07.17, 16:43 Uhr

Eiszeit im Knappschaftskrankenhaus

In der ersten Woche der Sommerferien fällt in ausgewählten Krankenhäusern in NRW der Startschuss für die Auseinandersetzung um mehr Personal in den Krankenhäusern bis zur Bundestagswahl im Herbst 2017. In Bochum lädt die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) die Beschäftigten am Mittwoch, den 19.07.2017 in der Zeit von 11:30 h bis 14:00 h unter dem Motto „Eiszeit im Krankenhaus – wir brauchen Entlastung“ zu einer Pause am Eiswagen ein und informiert über die Auseinandersetzungen in den nächsten Monaten.
Mit 162.000 fehlender Stellen in den Krankenhäusern werden die Beschäftigten weiterhin alleine gelassen in ihrer Verantwortung für die Patienten und mit Arbeitsbedingungen, die sie selbst krank machen. „Wir reden seit Jahren – offenbar zu leise. Denn es tut sich fast nichts. Erst brechen wir unter der Last der Arbeit zusammen und dann das Gesundheitssystem. Das betrifft uns doch alle!“ sagt Rainer Banas, Betriebsratsvorsitzender des Universitätsklinikums Knappschaftskrankenhaus Bochum.
Gesundheitsminister Gröhe diskutiert mit den Krankenkassen und der Krankenhausgesellschaft über mehr Personal in „pflegesensitiven“ Bereichen. „Was sollen das für Bereiche sein? Wir sind ein Krankenhaus der Maximalversorgung, in jeder Abteilung gibt es intensiv pflegebedürftige Patienten. Wir brauchen jetzt überall mehr Personal. Herr Gröhe soll hier mal eine Schicht mitarbeiten! Es geht schon lange nicht mehr um die Frage, ob ich Zeit für Gespräche mit Patienten habe. Es geht um schlechte Versorgung. Und die Politiker und Politikerinnen wissen das!“, sagt Dagmar Hagenbrock, langjährig Beschäftigte im Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum.
„Aktuell lebt das das Gesundheitssystem davon, dass die Kolleginnen und Kollegen aus Verantwortung an ihren freien Tagen einspringen, Überstunden anhäufen und keine Pausen machen. Die Beschäftigten können nicht mehr ihrem Wissen und den fachlichen Standards entsprechend arbeiten und stellen die Versorgung nur noch durch freiwillige Mehrleistungen sicher. Im Moment verabreden Stationen und andere Arbeitsbereiche miteinander, dass sie das an bestimmten Tagen gemeinsam verweigern werden – in ausgewählten Betrieben in NRW und bundesweit.“, erklärt Agnes Westerheide, Gewerkschaftssekretärin für die Krankenhäuser im ver.di Bezirk Bochum-Herne.
Bundesweit fehlen nach ver.di-Berechnungen 162.000 Stellen in Krankenhäusern. In allen Berufsgruppen der Krankenhäuser sei mehr Personal nötig, um eine gute Versorgung der Patienten gewährleisten zu können, allein in der Pflege fehlen 70.000 Stellen. ver.di halte weiter daran fest, dass es Aufgabe der Politik sei, mit einer gesetzlichen Personalbemessung für genug Personal für eine sichere Versorgung der Patienten zu sorgen und fordert von der zukünftigen Bundesregierung ein Sofortprogramm mit neuen 20.000 Stellen für die Krankenhäuser. Damit ist sicherstellbar, dass keine Schicht mehr alleine gearbeitet wird und die Ausbildung von dringend benötigten Nachwuchskräften nicht mehr auf der Strecke bleibt.

9 LeserInnenbriefe zu "Eiszeit im Knappschaftskrankenhaus" vorhanden:

LeserInnenbrief(e) zu "Eiszeit im Knappschaftskrankenhaus" als RSS


 

19. Jul. 2017, 06:19 Uhr

LeserInnenbrief von Schwester Jenny:

Tolle Sache, und ich wünsche den Kolleginnen und Kollegen viel Erfolg!
Leider bekommen nicht alle Krankenschwestern (und auch meine männlichen Kollegen) so viel Unterstützung von Verdi. Wie hieß es noch vor kurzem aus dem Gewerkschaftsbüro: Wenn ihr erst mal Mitglieder geworben habt, haben wir auch mehr Zeit für euch.
Bedeutet leider für uns: wir müssen alleine in unseren Häusern aktiv werden.


 

19. Jul. 2017, 07:51 Uhr

LeserInnenbrief von Micha:

Liebe Jenny,
Themen wie Personalbemesseung, Tarifverträge und gute Arbeit sind Dinge, die gemeinschaftlich und mit vielen gelöst werden müssen. Daher ist es wichtig sich zusammen zu schließen und sich zu organisieren. Nur wenn Gewerkschaften stark im Betrieb verankert sind, können sie auch etwas durchsetzen. Ich denke das war der Hintergrund dieser Aussage.

Gewerkschaften werden ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen finanziert, daher können gewerkschaftliche Leistunge nur Gewerkschaftsmitgliedern zukommen.

Abgesehen davon ist das Thema Personalbemessung natürlich auch ein Politisches. Wir brauchen dringend bessere gesetzliche Regelungen. Leider ist die Zeit für politisches Engagement, insbesondere bei Beschäftigten im Pflegebereich, sehr knapp. Dennoch wäre es unglaublich wichtig, mehr Menschen aus dem “echten Leben” in Parteien und Initiativen zu haben.


 

19. Jul. 2017, 09:52 Uhr

LeserInnenbrief von Nur gemeinsam ist man stark:

Eine kleine Anmerkung zum Beitrag zu Jenny.
Leider kenne ich die Situation im Knappschaftskrankenhaus nicht. Aber es dürfte als allgemein bekannt gelten, dass das Gesundheitswesen unterfinanziert ist und extremer Personalmangel herrscht.

Bei politischen Organisierungsprozessen gilt grundsätzlich:
Nur gemeinsam ist mensch stark.
ver.di ist wie jede andere unabhängige Gewerkschaft eine Mitgliederorganisation. Sie kann und darf nur Mitglieder vertreten, aus deren Beiträgen finanziert sie ihre politische Arbeit. Wenn’s um rechtliche Auskünfte geht, macht sich eine Gewerkschaft u.U. haftbar. Warum sollte eine Mitgliederorganisation sich für jemanden haftbar machen die/der kein Mitglied ist? Würden dass die Mitglieder vertreten wollen?

In der Regel gilt:
Keine Mitglieder – keine Aktivitäten
Wenige Mitglieder – keine oder schlechte Regelungen (z.B. beschissene Tarifverträge)
Viele AKTIVE Mitglieder – Gestaltungsmacht die gute Regelungen durchsetzen kann: z.B. gute Tarifverträge, Verordnungen/Gesetze

Entscheidend ist der Druck im Betrieb/auf der Straße – Forderungen brauchen gute Argumente, lassen sich aber nur mit Organisationsmacht (=Mitgliederstärke / vielen Aktiven) durchsetzen.

Also: Gewerkschaft beitreten und aktiv werden. Selbst der Staat fördert indirekt den Gewerkschaftsbeitritt: steuerliche Entlastung als Werbungskosten.


 

19. Jul. 2017, 14:26 Uhr

LeserInnenbrief von Felix:

Zu den beiden letzten Zuschriften: Ver.di ist also wie jede andere Gewerkschaft eine reine Mitgliederorganisation… Schön! Jetzt weiß ich auch, warum Arbeitslose, HARTZ IVler und andere in vergleichbaren Situationen von den Gewerkschaften überhaupt nichts zu erwarten haben (und hatten, als die Agenda 2010 aufs Tablett serviert wurde).
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…


 

19. Jul. 2017, 16:50 Uhr

LeserInnenbrief von Pflegeaktivist:

Ob Mitglied bei Verdi oder nicht. Die aktuellen Umbaupläne bedeuten einen weiteren Rückzug der ohnehin schon anonymen “Gewerkschaftsbeamten” aus der Fläche.
So müssen sich die Pflegenden basisnah organisieren und womöglich andere Organisationen suchen/schaffen.


 

19. Jul. 2017, 17:31 Uhr

LeserInnenbrief von Micha:

Im ver.di Bezirk Bochum – Herne gibt es einen Erwerbslosenausschuss, der die Interessen der Erwerbslosen in ver.di sowohl innerhalb von ver.di, als auch nach Außen vertritt. Dieser macht regelmäßige Treffen, zu denen auch Nichtmitglieder eingeladen sind.

Darüber hinaus gibt es Erwerbslose, die Mitglied in ver.di sind und bei Problemen mit der Arbeitsagentur / Jobcenter Unterstützung durch den gewerkschaftlichen Rechtsschutz erhalten.

Bei den Demos gegen die Agenda waren auch viele Gewerkschafterinne und Gewerkschafter. Die Gesetze wurden aber von einer parlamentarischen Mehrheit verabschiedet. Der Protest dagegen ist natürlich weiterhin wichtig und richtig. Die Positionen und die Außrichtung einer Organisation kann man nur ändern und beeinflussen, wenn man drin ist.


 

19. Jul. 2017, 22:05 Uhr

LeserInnenbrief von Micha:

An welcher Stelle entsteht durch die Umbaupläne genau ein Rückzug aus der Fläche und wie anonym können hauptamtliche Gewerkschafter sein, wenn auf den Seiten der Bezirke der entsprechende Ansprechpartner mit Name und Telefonnummer hinterlegt ist?


 

20. Jul. 2017, 06:22 Uhr

LeserInnenbrief von Pflegeaktivist:

Offensichtlich gehört der Micha auch zu den anonymen Gewerkschaftsbeamten.
Dieses Vereinsdeutsch wird keine Pflegekraft auf die Strasse bringen.


 

20. Jul. 2017, 08:18 Uhr

LeserInnenbrief von Martin Budich:

So enden Auseinandersetzungen im Netz häufig. Mit dem Beitrag hat das alles nichts mehr zu tun, jemand entlädt hier seinen Frust über die Gewerkschaften und wenn er inhaltlich widerlegt ist, entgleitet es in persönliche Unterstellungen oder Angriffe. Die Redaktion veröffentlicht solche Beiträge dann in aller Regel nicht mehr.
Eine Anmerkung zur Gewerkschaftskritik:
Ich ärgere mich auch über die Haltung des DGB z. B. zur Militärpolitik der Bundesregierung oder die unsägliche Akzeptanz der Leiharbeitspraxis. Noch mehr ärgere ich mich über die Bundesregierung.
Wenn es uns aber nicht gelingt, gesellschaftliche Mehrheiten für eine andere Politik zu organisieren und zu mobilisieren, dann können wir nicht erwarten, dass die Gewerkschaften besser sind als ihre Mitglieder, die halt mehrheitlich Merkel und ihre Politik gut finden.
Ver.di hat z. B. hervorragende Beschlüsse und Materialien zur Privatisierung und zu den katastrophalen Folgen von PPP. Wenn die Basis – in diesem Fall die Beschäftigten der Stadt und ihr Personalrat – aber begeistert ist, wenn sie einen PPP-finanzierten Betriebshof bekommt, dann wird es für ver.di schwierig, gegen die große Koalition aus SPD, CDU, Grüne und eigenem Personalrat zu mobilisieren.
Ich erwarte von den Verantwortlichen in den Gewerkschaften, dass sie solche Kampagnen, wie in dem aktuellen Beispiel zur Pflegesituation organisieren. Wer soll es sonst machen.
Besser wäre es natürlich, wenn nicht nur das Pflegepersonal sondern alle Gewerkschaftsmitglieder informiert und mobilisiert würden. Aber vielleicht passiert das ja im nächsten Schritt.


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