Samstag 01.07.17, 07:29 Uhr

Denkmal des unbekannten Flüchtlings


Innerhalb der letzten Wochen wurde in Bochum nahe des Tana-Schanzara-Platzes ein Betonsockel in ein Denkmal verwandelt. In mehreren Phasen wurden eine Gedenkplakette angebracht, der graue Beton schwarz eingefärbt und Stacheldraht aufgesetzt. Die AktivistInnen schreiben:

Die Plakette mahnt und regt zum Gedenken an. Sie weist auf den Todesfall von Aylan Kurdi und einem großen Teil seiner Familie hin. Das Bild des leblosen, kleinen Körpers, der von den Wellen an den Strand angespült wurde, sorgte 2015 weltweit für Schlagzeilen. Aylan und seine Verwandten ertranken auf der Flucht nach Europa. Der Tod von Aylan, seiner Mutter Reha und seinem 5-jährigen Bruder Galip ist das Resultat der Kriminalisierung von Flucht vor Krieg und Verfolgung.

Die EU und die Bundesregierung nehmen durch ihre Abschottungspolitik den Tod von tausenden von Menschen – über 5.000 Ertrunkene allein im letzten Jahr – in Kauf. Durch Waffenexporte, wirtschaftliche, sicherheitspolitische und geostrategische Interessen haben Deutschland und die Europäische Union eine Verantwortung an dem Tod dieser Menschen, da sie an der Entstehung der Fluchtursachen beteiligt sind. Unter kapitalistischen Bedingungen wird die ungleiche Verteilung von Reichtum zur Norm. Das zynischen Versprechen nach Wohlstand verschweigt jedoch zugleich, dass Armut, die Milliarden auf unserer Welt betrifft, immanenter Teil des Kapitalismus ist.

Der neue Tana-Schanzara-Platz, auf dem das Denkmal des Unbekannten Flüchtlings installiert wurde, ist ein beliebter Ort zum Abhängen in Innenstadtnähe, direkt gegenüber des Bochumer Schauspielhauses. Viele Menschen, die den Platz nutzen, kommen an dem Denkmal und seiner Aussage nicht vorbei. Das Bild der Leiche eines kleinen Jungen geht an die Substanz und verdeutlicht die Perversion einer Politik, die sich Menschenrechte auf die Fassade geschrieben hat. Die dunkle Färbung der Stele und der Stacheldraht setzen bewusst einen Kontrast zu der Umgebung.

Das Denkmal soll an Krieg, Armut und Gewalt erinnern, die zum Alltag von Millionen von Menschen gehören und sie zur Flucht zwingen. Der Lebensgefahr, der Flüchtende aus Syrien, dem Irak, Afrika und anderen Krisenherden der Welt entkommen wollen, verfolgt sie permanent auf ihrer Fluchtroute. Genau das wollen wir mit dem Denkmal in das alltägliche Bewusstsein zurückrufen.
Die Tragödie, welche sich nun seit mehreren Jahren im Mittelmeer abspielt, muss beendet werden. Jeder Mensch hat das Recht auf ein unversehrtes Leben in Sicherheit, unberührt von Krieg und Armut.

Nachträglich zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni 2017 wurde ein Video mit der Entstehung des Denkmals des Unbekannten Flüchtlings am Tana-Schanzara-Platz in Bochum gedreht.

In Gedenken an all die, die ihr Leben auf der Flucht gelassen haben!
Kein Mensch ist illegal!

Antirassist*innen aus Bochum«

1 LeserInnenbrief zu "Denkmal des unbekannten Flüchtlings" vorhanden:

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5. Jul. 2017, 13:42 Uhr

LeserInnenbrief von RosaRot:

Es ist wichtig, an Flucht und Verfolgung und deren Ursachen zu erinnern. Hier bin über den “demokratischen” Entstehungs”prozess” der repräsentierten Erinnerungs”kultur” überrascht: Anwohnende wussten von nichts und waren auch nicht in den städtebaulichen Umgestaltungs-Prozess einbezogen. “Der” unbekannte Flüchtling wird an einem toten Baby symbolisiert, das nicht (mehr)selbst am Verwertungsgeschehen seines Ab-Bildes mitbestimmen konnte, durfte; dies wird textuell mit Rückgriff auf die Familientragödie unterstrichen (die Rolle des Vaters aber ungeklärt).überraschend auch, wie konservativ aktivist_innen erinnerungsarbeit umsetzen: Betonklotz, Plakette und rote Grableuchten und wächserne Kerzen davor. Jetzt fehlen, fürs einfachere Gemüt geschmacklich vertiefend, noch obligatorische Stofftierchen und kitschige Plastikherzchen. Muss SO Erinnerungsarbeit für Flucht, Krieg, Trauma und Verfolgung ablaufen? Artikuliert sich hier allein, Flucht, Verfolgung und “den Flüchtling” stellvertretend zum Anlass genommen, die Gemütsverfassung einzelner, selbsternannter Erinnerungsoberlehrer_innen?


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