Freitag 27.01.17, 20:49 Uhr

Gedenken an die Opfer des Holocaust

Das Kuratorium “Stelen der Erinnerung” hat am heutigen internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust Blumen vor dem Rathaus Wattenscheid niedergelegt. Der Vorsitzende des Kuratoriums, Felix Oekentorp (Foto), zog in seiner Rede Parallelen zu dem sich etablierenden Faschismus in der Weimarer Republik und heute. Die Rede im Wortlaut. »Heute vor 72 Jahren fand die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee statt. Für die Insassen endete damit unvorstellbares Grauen, wenige Wochen später, am 8. Mai kapitulierte Deutschland und man hoffte, das menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft habe endgültig sein Ende gefunden. Diese Gewaltherrschaft war aber nicht durch einen gewaltsamen Putsch entstanden, sondern bahnte sich ganz unspektakulär in kleinen Schritten ihren Weg. Noch 1928 bekam die NSDAP gerade einmal 2,6% der Stimmen, zwei Jahre später schon 18,3% und 1932 waren es 37,4% bei den Wahlen zum Reichstag.
Genau deshalb habe ich große Angst vor der aktuellen Entwicklung in Deutschland. Dieses braune Gedankengut war auch nach dem Krieg niemals ganz verschwunden, es zeigte sich hier in Wattenscheid lange Jahre auf erschreckend offene Art, nicht nur die Landeszentrale der NPD in Günnigfeld, auch das offene Bedrohen von Antifaschisten wie Hannes Bienert und seiner Familie durch die sich selber Anti-AntiFA nennenden Verbrecher in den 90ern waren dafür ein deutliches Indiz.
Diese Verbrecher waren es auch, die die Gedenktafel vor dem Wattenscheider Rathaus im Herbst 1992 zerstörten. „Wer die menschenverachtende Diktatur der Nationalsozialisten bewusst erlebt hat, würde sich nicht erdreisten, eine Gedenktafel gegen den Faschismus zu zerstören.“, kommentierte die Sozialdemokratin Leni Lückenbach, damals Bezirksvorsteherin in Wattenscheid. Recht hat sie. Diese Tafel hier am alten Rathaus mit der Erinnerung an den demokratischen Neubeginn ist der Ersatz für die damals zerstörte Tafel, von der ein Bruchstück in der Vitrine im Eingang des Rathauses am Betti Hartmann Platz zu besichtigen ist.
Diese Phase, in der Neonazis an ihren Springerstiefeln und Glatzen zu erkennen waren, ist gewichen einer noch bedrohlicheren Entwicklung. Ganz offen lebt der „Normalo“ seinen Unmut an der herrschenden Politik aus und bekennt sich zu Nazi-Gedanken und Werten und wählt derartige Verbrecher in Parlamente.
Erst vor wenigen Tagen dem 17. Januar ist – schon zum zweiten Mal – ein Verbotsantrag gegen die NPD vor dem Verfassungsgericht gescheitert, mit der Begründung, die NPD sei nicht bedeutend genug, unsere FDGO ernsthaft zu bedrohen. Längst ist ein neues braunes Ungeheuer entstanden, die AfD. Dieses zu verbieten versucht aber niemand, es ist 0längst zu bedeutend geworden. Ich halte diese AfD sowohl für hoch gefährlich als auch für verfassungsfeindlich. Das möchte ich kurz belegen mit einem brandaktuellen Beispiel:
Am gleichen 17. Januar hielt Björn Höcke, auf Einladung der Jungen Alternative in Dresden eine fürchterliche Rede. Dieser Björn Höcke ist für die AfD im Landtag von Thüringen-FraktionsVorsitzender und gleichzeitig einer von 2 Sprechern der AfD-Landespartei, er ist geboren in Lünen, keine 50 km von Wattenscheid entfernt. In Bezug auf das Berliner Holocaust-Mahnmal sagte Höcke (und es ekelt mich, seine Worte zu wiederholen): „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Deutschland müsse eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ vollziehen. Die Erinnerungskultur seit 1945 bezeichnete er als „dämliche Bewältigungspolitik“
Laut Forsa hat Höcke mit diesen Ungeheuerlichkeiten seiner Partei nicht nur nicht geschadet, im Gegenteil: die AfD hat in der Wählergunst direkt um einen Prozentpunkt zugelegt. Offenbar teilt eine große Mehrheit der derzeitigen AfD-Anhänger solche rechtsradikale Positionen wie die von Höcke. In diesem Jahr finden Wahlen in NRW und für den Bundestag statt, die Prognosen sagen 10-15 % für die AfD voraus, sowohl in NRW als auch für die Bundestagswahlen.
Liebe Freundinnen und Freunde, ich habe große Angst. Diese Angst ist aber nicht lähmend sondern herausfordernd. Sie fordert mich und uns alle heraus, alles zu tun, dass sich diese Verbrechen nicht wiederholen. Sie fordert uns heraus, immer und immer wieder an diese furchtbare Zeit zu erinnern, an die Morde und die Zerstörung. Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel sagte „Nur wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, haben wir die Kraft, die Zukunft zu gestalten“.Erinnern wir uns hier und jetzt der Vergangenheit. Sechs Millionen jüdische Menschen fielen der Nazi-Herrschaft zum Opfer, ermordet in Konzentrationslagern, in Ghettos und – ganz banal an ihren Wohnorten, erschossen, vergast, verhungert oder als Opfer von Menschenversuchen für medizinische oder militärische Zwecke.

Die Menschen jüdischen Glaubens waren die weit größte Gruppe von Opfern dieser Verbrechen. Viele weitere Opfer gab es unter den sowjetischen Kriegsgefangenen (über 3 Millionen), unter den Sinti und Roma (weit über 100.000, man spricht auch von über 200.000 Opfern), und über eine viertel Million Opfer forderte das Euthanasieprogramm, das sogenanntes lebensunwertes Leben als Akt der „Rassenhygiene“ vernichtete.
Allein aus Wattenscheid sind 87 Menschen jüdischen Glaubens durch die Shoah ums Leben gekommen. Eine von ihnen, Betti Hartmann würde in gut 3 Wochen, am Sonntag 0den 19. Februar ihren 90. Geburtstag feiern können, auch sie ist in Auschwitz ermordet worden. Wir, das Kuratorium „Stelen der Erinnerung“ werden an ihrem Geburtstag an sie erinnern. Der Betti Hartmann Platz vor dem Rathaus ist ein guter Ort dafür.
Ihr kennt das Denkmal für die Wattenscheider Opfer der Shoah, die Stelen am Nivellesplatz. Zu Ostern beim Ostermarsch werden wir dort wieder der Opfer gedenken, die dort namentlich aufgelistet sind.
Wir haben die Verantwortung mit unserem Wissen und vor unserer Geschichte uns den braunen Horden entgegenzustellen, um ein solches erneutes Verbrechen zu verhindern. Dafür stehen wir hier.»

 
 
 
 


Terminmitteilungen bitte an
redaktion@bo-alternativ.de