Mittwoch 21.03.12, 06:40 Uhr

Äußerst zweifelhafter WAZ-Artikel

Die Bochumer WAZ veröffentlichte gestern einen Bericht, in dem ein 48-jährige Student der Geschichtswissenschaft der Ruhr-Uni behauptet, bei den Demonstrationen am Samstag Opfer eines antisemitischen Übergriffs geworden zu sein. Eine Gruppe von Antifas hat eine Stellungnahme verfasst, in der dieser Darstellung heftig widersprochen wird. Der Betreffende sei als Nazi und nicht als Jude beschimpft worden. Die Stellungnahme: »Am vergangenen Samstag fanden in Bochum zahlreiche Demonstrationen statt. Grund dafür war mit dem „Steiger-Award“ eine bislang eher unbedeutende Preisverleihung, die mit der Einladung des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und des Israel hassenden Autors Henning Mankell verschiedenste Proteste auf die Straße brachte. Erdogan und Mankell waren nicht da, die Kundgebungen fanden trotzdem statt, und insgesamt war der Samstag ein interessanter, aber unspektakulärer Demotag. Das sieht die Bochumer Polizei übrigens genauso und hat in ihrer Mitteilung zum Demotag sogar Zeit, über ein Kind mit Faible für die schwedische Königin zu berichten.
Am Montag meldete sich dann allerdings der an der Ruhr-Universität Bochum wohlbekannte 48-jährige Student Jürgen Hans Grimm bei der Bochumer WAZ. Diese berichtete sogleich über einen Überfall auf Grimm, bei dem dieser als Jude beschimpft worden sein soll. Dies alles soll sich während der Abschlusskundgebung der kurdischen Demonstration am Rathaus abgespielt haben. Ein schwerer Vorwurf, der dazu geeignet ist, die Proteste gegen Erdogan zu diskreditieren sowie die Themen „Ausländergewalt“ und Antisemitismus zu verknüpfen und damit herrschende Stereotype über Migrant_Innen zu aktualisieren.
Diesem Vorwurf muss allerdings widersprochen werden: Grimm ist am Rande der kurdischen Demonstration attackiert worden, ist dabei aber nicht als Jude, sondern als Nazi beschimpft worden. Die Selbststilisierung als Opfer eines vermeintlichen antisemitischen Überfalls passt in das Bild, dass Grimm schon seit Jahren an der Uni von sich zeichnet. Er ist bekennender Fan des rassistischen Internetportals „Politically Incorrect“ (PI). PI und Freund_Innen haben das Ziel, eine neue Rechte aufzubauen. Dabei geben sie sich betont proamerikanisch und proisraelisch. Ihren Hauptfeind sehen sie im Islam und verfallen dabei in dumpfe Hetze gegen Muslim_Innen.
Auch Jürgen Hans Grimm ist unter anderem an der Ruhr-Universität Bochum schon des öfteren  diesbezüglich aufgefallen. Im vom AStA betriebenen Kulturcafé hat er mittlerweile Hausverbot, und von einer Veranstaltung musste er mit Hilfe des Uni-Sicherheitsdienstes und der Polizei entfernt werden. Auch beim letztjährigen Schulstreik fiel er unangenehm auf, als er Aktivist_Innen aufforderte, doch gegen den Islam zu demonstrieren, da dieser das Hauptproblem sei. Ein weiterer Vorfall ereignete sich vor einigen Wochen im Autonomen Zentrum Mülheim, als er seine eigenen Vorstellungen der deutschen Einwanderungspolitik vorstellte und dabei bemerkte, man solle doch alle LibanesInnen abschieben, da diese kriminell seien.
Dass Grimm sich nun als Opfer eines antisemitischen Übergriffs sieht und die Wörter Jude und Nazi vertauscht ist ein Skandal. Durch seine Erfindung schürt er einerseits rassistische Vorurteile über vermeintlich gewalttätige Kurd_Innen und rückt diese dabei in das Licht des Antisemitismus. Gleichzeitig ist der wirklichen Bekämpfung des Antisemitismus ein Bärendienst geleistet, wenn ein Rassist sich als Opfer eines vermeintlichen antisemitischen Übergriffs präsentiert. Dieser Vorfall zeigt deutlich, wie sensibel mensch mit Übergriffsvorwürfen und deren Skandalisierung umgehen sollte. Bei Jürgen Hans Grimm handelt es sich definitiv nicht um das Opfer eines antisemitischen Übergriffs, sondern um einen deutschen Rechten, dem es wohl zu peinlich ist, als Nazi beschimpft worden zu sein, und der nun versucht, den Vorfall für seine eigenen migrant_Innenfeindlichen Zwecke zu instrumentalisieren.
Wir betrachten die Lügen und Anschuldigungen von Grimm sowohl als Angriff auf die kurdische Demonstration als auch auf die israelsolidarische Kundgebung. Es handelt sich hierbei um einen billigen Versuch, verschiedene Gruppen für die Zwecke der „Neuen Rechten“ in Deutschland zu missbrauchen. Auch wenn wir nicht mit allen Inhalten der betroffenen Kundgebungen hundertprozentig übereinstimmen, halten wir deren Anliegen – einerseits auf Erdogans Politik gegenüber der kurdischen Bevölkerung und andererseits auf die antisemitischen Ausfälle von Erdogan und Mankell aufmerksam zu machen – für dringend notwendig. Beide Anliegen können nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern sind gleichermaßen Teil eines Kampfes für eine bessere Gesellschaft. Für rassistische SpinnerInnen ist dabei kein Platz!«

2 LeserInnenbriefe zu "Äußerst zweifelhafter WAZ-Artikel" vorhanden:

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21. Mrz. 2012, 21:29 Uhr

LeserInnenbrief von martin:

Zu dem Polizeibericht habt ihr, glaube ich, den falschen Link gesetzt. Der Bericht findet sich wohl hier:

http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/11530/2218223/pol-bo-bochum-25-000-demonstranten-und-ein-glueckliches-kind-friedlicher-protest-in-bochum

Zum Glück bietet ihr unter “bo-normal” auch den kurzen Weg zum selber finden.
Die Geschichte über den kleinen Königinnenfan ist ja wirklich rührend, und bildet sogar die Hälfte des Textes.


 

21. Mrz. 2012, 23:20 Uhr

LeserInnenbrief von Redaktion:

Vielen Dank! Der Link ist korrigiert.


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