Dienstag 02.08.11, 17:51 Uhr
Frank-Patrick Steckel zur Debatte Ackermann

»Zombie antwortet.«

"Spruch von OB Scholz hat die Absage ausgelöst."

Von “aufrechten”, feigen Hühnern, die den Fuchs nicht in den Stall lassen wollen, statt mit ihm zu diskutieren, dass er sie nicht fressen möge, bis hin zu Zombies etikettieren die BefürworterInnen einer Ackermann-Show die Menschen, die gegen einen Auftritt von Ackermann im Schauspielhaus Bochum protestieren. In diversen Foren und Blogs sind Wut und Frustration über die Absage Ackermanns groß, dünn die Argumente  und zahlreich die Beleidigungen. Unterirdisch.  Mit einem längeren Brief an das Online-Portal nachtkritik.de bringt Frank-Patrick Steckel Argumente in die Debatte:

“Ich will es, obschon ein wenig erschöpft, in gebotener Knappheit und groben Zügen gerne noch einmal versuchen. Ich gehe dabei davon aus, dass selbst die eiferndsten journalistischen Vertreter demokratischer Grundrechte – wie dem der Meinungsfreiheit  – schon einmal, wenigstens am Rande, davon gehört haben, dass diese Grundrechte durch wirtschaftliche Strukturen, selbstverständlich unfreiwillig,  beschnitten werden können.

Ein deregulierter Bankensektor, unfähig, sich selbst im Zaum zu halten, verursacht mit seinen Glücksspielen eine selbst von Herrn Ackermann als „hausgemacht“ eingestufte sog. Finanzkrise, welche aufgrund der engen Verflechtung des privaten Bankwesens (auch die Landesbanken haben sich, aus Gründen, wie Privatbanken verhalten) mit den weltweiten inner- und zwischenstaatlichen Wirtschaftspolitiken, die diese Deregulierung jahrelang betrieben haben, nur mit Milliarden von Steuergeldern eingedämmt werden kann, von denen ein Großteil privat angeeignet wird.

Gleichzeitig sorgen die seit zwei Jahrzehnten für Unternehmen, Vermögende, Firmenverkäufe etc. systematisch abgesenkten Steuern dafür, dass die staatlichen Einnahmen sich halbieren, während der private Reichtum sich verdreifacht – die (private) Reichtumsuhr läuft dreimal schneller als die (öffentliche) Schuldenuhr.

Diese Politik führt zu einer drastischen Verarmung der Öffentlichen Hände, die überdies gezwungen sind, in vielfacher Form steigende Sozialkosten zu finanzieren (die Privatwirtschaft stößt Arbeitskräfte ab, für die allein der Steuerzahler aufkommen muss, die Privatwirtschaft zahlt millionenfach so niedrige Löhne, dass staatlich „aufgestockt“ werden muss, von den gesteigerten Gewinnen fließt jedoch so gut wie nichts in staatliche Kassen, stattdessen wird fieberhaft nach Anlagemöglichkeiten auf „den Finanzmärkten“ gesucht) Der geplünderte und sich selbst plündernde Staat verordnet sich, vor steigende Schulden (bei wem?) gestellt, eine verfassungsmäßige „Schuldenbremse“ (die Politik schränkt ihre Handlungsspielräume immer mehr ein, behauptet aber desto heftiger, Herrin der Lage zu sein). Dieses – planmäßige – Verfahren schlägt voll auf alle vom Staat zu erhaltenden Infrastrukturen durch, der Sparwahn bricht aus – wo es irgend geht, wird zu Privatisierungen gegriffen.

Der als demokratischer Riegel gegen eine kulturelle Gleichschaltung erfundene Föderalismus in Kulturdingen verstärkt die staatlich gelenkte Ausblutung. An allen Schaltstellen der „Kulturpolitik“ sitzen die Handlanger des (totalitären) Systems und exekutieren, was ihre Zentralen ihnen vorgeben. Den Künstlern wird mit marktwirtschaftlicher Verve empfohlen, sich bei den Instituten anzustellen, die zu ihrem Ruin beitragen . Die Deutsche Bank, deren Vorsichtaufstandsratsvorsitzender im Schauspielhaus Bochum zur „Zukunft der Finanzmärkte“ hätte sprechen sollen, kann zur Zukunft der Theater nicht viel mehr in Aussicht stellen, als dass die Deutsche Bank zusehen wird, was sie tun kann – was das für den Spielplan eines bislang öffentlich geförderten Theaters bedeutet, vermag sich selbst der sprichwörtliche Sägewerksarbeiter an den verbliebenen Fingern seiner rechten Hand abzuzählen.

Niemand hat für ein generelles Redeverbot für Josef Ackermann plädiert – ein solches Plädoyer wäre auch unsinnig angesichts der höchst effektiven, seine engere Klientel weltweit bereichernden Strippenziehereien, in denen der Herr ein Meister zu sein scheint. Und der offenkundigen Richtlinienkompetenz, über die er auf höchsten Regierungsebenen (nicht nur hierzulande) verfügt. Nur in einem Schauspielhaus, das, wie viele andere, kurz vor dem finanziellen Zusammenbruch steht und auf keinen „Rettungsschirm“ hoffen  darf (da es weder „systemrelevant“ noch „too big to fail“ zu sein scheint), muss er nun bitte nicht auch noch auftreten wollen – hier hat die Globalisierung, d.h. die Weltgeltungssucht des Kapitals, eine Grenze. Es muss nicht gleich die Krümmede sein, aber irgendein Lokal hätte sich gewiß finden lassen.

Zum Schluss noch eine Anmerkung. Es war die mitveranstaltende Bochumer Oberbürgermeisterin Scholz, die in der WAZ verlauten ließ „Theater ist Theater. Die Veranstaltung lässt eine gewisse Bühnenreife erwarten und gehört daher ins Theater“. Die Absage des Sprechers der Deutschen Bank – „Wir machen kein Theater“ – legt nahe, dass der verwegene Spruch von Frau Scholz die Absage ausgelöst hat, nicht, so bitter diese Feststellung für uns sein mag, unser Protest.

PS. Die Deutsche Bank unterhält in Georgetown auf den Cayman-Inseln, wo fast 10.000 Hedgefonds ihre Adresse haben, mehr Niederlassungen und Zweckgesellschaften als am Konzernsitz Frankfurt am Main. Im Steuerparadies Delaware in den USA ist die Deutsche Bank an mehr Unternehmen beteiligt als in allen deutschen Städten zusammen. Insgesamt hat die Deutsche Bank mehr als die Hälfte ihrer Tochter- und Zweckgesellschaften sowie assoziierten Unternehmen in Steueroasen angesiedelt. Damit belegt sie unter den deutschen Banken den Spitzenplatz – gefolgt von der mittlerweile ebenfalls zur Deutschen Bank gehörenden Postbank und der Commerzbank. Dabei ist davon auszugehen, dass die deutschen Institute keine Sonderrolle einnehmen, sondern sich alle Privatbanken in Europa ähnlich verhalten. Mit ihren hunderten von Niederlassungen in Schattenfinanzplätzen enthalten die Banken der Allgemeinheit Steuern in Milliardenhöhe vor. Und das, während viele Menschen in Europa einen bitteren Preis bezahlen für die teuren Bankenrettungen, die ihre Länder an den Rand des Ruins gebracht haben.”

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2. Aug. 2011, 19:47 Uhr

LeserInnenbrief von Holger Rüsberg:

Steckels neuster Brief macht nochmal deutlich, dass er nicht aus dem Bauch heraus, sondern mit viel deutlich systemhinterfragenen Wissen gegen den Auftritt des “anchorman” des Kapitalismus protestiert. Die Bühnenreife des Herrn Ackermann muss nicht im Bochumer Schauspielhaus bewundert werden. Die bekommen wir ständig im Fernsehen und einige Ausgewählte auch schon mal im Kanzleramt geboten.
Gut dass es in alter Tradition noch kritische, mutige Intendanten gibt. Steckel hat sich damit vor der Zeit für seine Rückkehr ans Schauspielhaus beworben – wenn dies bis zum Ende der derzeitigen Intendanz nicht komplett klein-gespart wird.


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